Christian Baier

Lexikonartikel Karlheinz Essl

in: KDG (Komponisten der Gegenwart), 2004


Biographie

Karlheinz Essl wurde am 15. August 1960 in Wien geboren, absolvierte eine Ausbildung zum Chemie-Ingenieur, ehe er an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien Tonsatz bei Alfred Uhl, Kontrabass bei Heinrich Schneikart, Komposition bei Friedrich Cerha und Elektroakustische Musik bei Dieter Kaufmann studierte. Das Studium der Musikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien schloß er 1989 mit der Dissertation Das Synthese-Denken bei Anton Webern ab. Schon früh beschäftigte sich der Komponist durch seine Mitwirkung als Kontrabassist bei verschiedenen Kammermusik- und experimentellen Jazz-Ensembles mit improvisierter bzw. nur teilweise fixierter Musik. Weitere künstlerische Studiengebiete waren und sind die Musik des Mittelalters und der Renaissance.

Bereits früh stellte Essl den Begriff des Komponisten als autonomer Urheber und die traditionelle Aufführungspraxis als Reproduktion von Präfixiertem in Frage. Untersuchung über die Fomalisierbarkeit musikalischer Prozesse – gemeinsam mit Gerhard Eckel – und die Auseinandersetzung mit seriellen Denkansätzen führte über einen engen Kontakt zu Gottfried Michael Koenig (Instituut voor Sonologie in Utrecht / Den Haag) schließlich zur Entwicklung von Software-Environments für Computer Aided Composition und der Realtime Composition Library for Max für algorithmische Komposition in Echtzeit (begonnen am 1992 am IRCAM in Paris). Seit 1996 entwickelt Essl das computer-basierte Software-Instrument m@ze°2, das er in seinen Musikperformances und Improvisationsprojekten einsetzt.

Die künstlerische Begegnung mit Performern, zeitgenössischen Autoren, bildenden KünstlerInnen und Architekten hat Essls Begriff von einer zeitgemäßen Musik jenseits traditionsgebundener Realisationsmuster in die Tat umgesetzt (u.a. Zusammenarbeit mit dem „Sprayer von Zürich“ Harald Naegeli für Partikel-Bewegungen (1991), Andreas Okopenko für Lexikon-Sonate (1992 ff.), der Architektin Carmen Wiederin für Klanglabyrinth (1992–1995), der Videokünstlerin Vibeke Sørensen für MindShipMind (1997), sowie mit ChoreographInnen während des Sixth Composers and Choreographers Exchange in der „Royal Festival Hall – Hayward Gallery“ in London (1998).

Zwischen 1990 und 1994 war Essl „Composer in Residence" bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik. Neben seiner Lehrtätigkeit am Studio for Advanced Music & Media Technology (SAMT) der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz betreut er als Musikintendant der Sammlung Essl Konzertreihen mit Neuer, experimenteller und improvisierter Musik. Lehraufträge und Vorträge führten ihn u.a. an (Musik)Universitäten in Wien, Graz, Toronto, Osnabrück, Kopenhagen, Prag, Köln, Florida, Groningen, Düsseldorf, Essen sowie nach Bern, Zürich und Basel.

Kompositionsaufträge erhielt Essl u.a. von Wiener Konzerthaus, ORF-Kunstradio, Musikprotokoll/Graz, IRCAM/Paris, Mürztaler Werkstatt, Salzburger Festspiele, dem Festival Wien Modern sowie von Ensembles wie Klangforum Wien, Ensemble Recherche (Freiburg), Trio accanto (Freiburg), Champ d’action (Antwerpen), Ensemble „die reihe“ (Wien), Radio Symphonieorchester Wien, Studio Percussion graz, Orpheus Trio (Wien), Elision Ensemble (Brisbane). Für seine kompositorische Tätigkeit wurde er u.a. mit dem Adolf-Schärf-Preis der Stadt Wien (1988) und dem Würdigungspreis des Landes Niederösterreich für Musik (2004) ausgezeichnet.


Darstellung der Werke

Bereits in seinen frühen Werken, dem Streichquartett Helix 1.0 (1986), Con una certa espressione parlante für Klavier und Live-Elektronik (1985) oder den Ensemble-Stücken Oh tiempo tus piramides (1988/1989) und ...et consumimur igni (1989/90) wird Essls Skepsis gegenüber dem Begriff des Kunstwerkes als geschlossenes und unveränderbares Absolutum deutlich. Diese Überlegungen führten zum einen zu einer kritischen Einstellung zum tradierten Gedanken der Interpretation im herkömmlichen Sinn als permanente Reproduktion, zum anderen zu einer Definition des einzelnen Musikstückes nicht als unumstößliches künstlerisches Diktum, sondern als ein ab dem Moment seiner Initiation sich selbst überantworteter Prozeß, der einmalig und durch seine progressive Selbstvereinheitlichung im herkömmlichen Sinne nicht wiederholbar ist.

Anfang der 90er-Jahre galt Essls Beschäftigung – ausgehend vom Prozeß-Gedanken seiner Kompositionen – der Entwicklung von Computerprogrammen, mit deren Unterstützung Kompositionen wie Rudiments (1989/1990), ...et consumimur igni (1989/1990), Close the Gap (1990), In Girum. Imus. Nocte. (1991), In's Offene! (1991), Rapprochement (1992), Entsagung (1991–1993) und Déviation (1993) entstanden. Zeitgleich setzte auch seine Zusammenarbeit mit Künstlern verschiedener Kunstrichtungen ein, die die Wechselwirkung von Musik und anderen kreativen Ausdrucksformen thematisieren. Das Zusammenwirken von Räumen und Musik haben Projekte wie Doors / Vrata (2003) zusammen mit Nika Radic, Le mystère d'orgue (2003), eine Klanginstallation für Hermann Nitsch, SEELEWASCHEN (2003/2004) für eine Lichtinstallation von Rainer Gottemeier und ULURU (2001-2004) für eine Ausstellung von Aboriginal Art zum Inhalt. Mit dem work-in-progress Lexikon-Sonate (1992 ff.) für computerge-steuertes Klavier realisierte er seine Vorstellung von einem unendlichen Klavierstück, das von der Idee aus Andreas Okopenkos "Lexikon-Roman" ausgeht, den sich der Leser erst zum Roman-Ganzen „zusammenlesen“ muß. "So wird hier kein geschlossenes Werk dargeboten, stattdessen ein offenes Klanggebilde in Szene gesetzt, das sich vor den Ohren des Hörers wie ein Organismus entfaltet." Die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Cellisten Jeffrey Krieger führte zu interaktiven Kooperationen wie Amazing Maze (1996/97), die über das Internet entwickelt wurden.

In seinen Arbeiten für akustische Instrumente setzt sich Essl mit strukturellen Prozessen auseinander, die einen Bogen von der „Niederländischen Schule“ zur Gegenwart spannen, außermusikalische Muster der Kommunikation und der zwischenmenschlichen Interaktion formal wie thematisch fokusieren (Intervention, 1995, à trois – seul, 1997/98 oder mise en scéne, 1998, onwards, 1999/2000) oder über „scheinbare“ Zufallsprinzipien Interaktionen zwischen den ausführenden Instrumentalisten initiieren (z.B. Faites vos jeux!, 2004, ein Klangspiel für räumlich verteilte Posaunen, bei dem das musikalische Material auf Spielkarten aufgezeichnet ist).

In den letzten Jahren befasst sich Essl mit Projekten inszenierter Musik, sei es seine musiktheatrale Arbeit à la recherche de la voix perdue (2002) am Staatstheater Stuttgart, Nach viermal geht die Sonne auf (2004) für eine Videoperformance von David Wiltschek, Christina Tsilidis u.a. oder dance:storm (2004) für einen experimentellen Tanzfilm von Bernd R. Bienert.

Christian Baier


in: KDG - Komponisten der Gegenwart, hrsg. von Hanns-Werner Heister und Walter-Wolfgang Sparrer (München: edition text + kritik, 2004)



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Updated: 5 Jan 2007