Portrait

Karlheinz Essl

Landscapes in Green and White

Reisebericht aus Helsinki im Rahmen eines interkulturellen Dialogs
November 2016


Eine Zither kennen die meisten von uns. Aber was ist ein Guzheng oder eine Kantele? In diesem Blog erfahren Sie mehr über diese Instrumente und meine Erlebnisse in Helsinki.


Landscapes in Green and White ist der Titel eines Projektes, das von der Komponistin Dana Probst initiiert wurde. Im Zentrum stehen unkonventionelle Musikinstrumente, die es bislang kaum auf die klassischen Konzertpodien geschafft haben: die alpenländische Zither, das chinesische Guzheng oder die finnische Kantele – allesamt Zupfinstrumente, die zumeist in der Volksmusik verankert sind. Dafür sollten nun verschiedene KomponistInnen neue Werke schreiben und damit einen interkulturellen Dialog in Gang setzen. Ein Ensemble aus finnischen, österreichischen und chinesischen MusikerInnen ging mit diesen neuen Kompositionen auf Konzertreise und brachte uns schließlich nach Finnland, wovon ich hier erzählen möchte.


Sibelius Akademie Helsinki

Im Rahmen einer ERASMUS+ Lehrendenmobilität durfte ich im Oktober 2016 einige Tage in Helsinki verbringen und an der renommierten Sibelius Akademie unterrichten. In Workshops, Vorträgen, Proben und Konzerten wurden die neuen Kompositionen vorgestellt. Ich konnte über meine eigene künstlerische Forschung berichten und mit Studierenden aus dem Fachbereich elektroakustische Komposition arbeiten. Besonders schön war es, FachkollegInnen wieder zu treffen bzw. erstmals auch persönlich kennenzulernen.


Workshop KHE

Erläuterung des Guzheng mit Ming Wang und Karlheinz Essl
© 2016 by Karlheinz Essl


Die Sibelius Akademie ist in einem spektakulären Neubau untergebracht, der 2011 eröffnet wurde: das Helsinki Music Center.


Helsinki Music Center

Helsinki Musik Center

Foto: Commons Wikimedia / Jisis 2011


Dieses „Musiikkitalo” ist ein offener Ort der Begegnung, der zu allen Tageszeiten von Menschen frequentiert ist. Neben einem Musikgeschäft gibt es dort Cafés, Restaurants und verschiedene Foyers, wo man sich gerne trifft. Das Haus dient auch als Heimstätte des Finnischen Radio-Orchesters und des Philharmonischen Orchesters Helsinki. Ein riesiger Konzertsaal mit 1700 Plätzen bildet sein Zentrum, wobei das Publikum arena-artig um eine zentrale Bühne platziert wird (ähnlich wie in der Berliner Philharmonie). Das Besondere aber ist, dass dieser Saal rundum verglast ist und man von Aussen das Geschehen beobachten kann. Daneben gibt es noch fünf weitere, kleinere Säle für unterschiedliche Anforderungen: vom Kammermusiksaal bis hin zu einer BlackBox, die sich vor allem für die Präsentation elektronischer Musik eignet.


Probe RESONAVIT

„Wie klingt denn das?!”
Die Zither als Lautsprecher für eine Elektrogeige

Foto: © 2016 by Karlheinz Essl


Eines unserer Konzerte fand im Camerata-Saal statt, der über eine wunderbare Raumakustik verfügt und mit einer exzellenten Licht- und Tonanlage ausgestattet ist. Es war eine Freude, dort zu arbeiten, da auch die Techniker nicht nur kompetent und kreativ, sondern auch Unkonventionellem gegenüber sehr aufgeschlossen sind. Persönlich bin eher skeptisch, was „Lightshows” betrifft. Unser Lichttechniker jedoch hat sehr feinfühlig auf die Musik reagiert und für jedes unserer Stücke zauberhafte Lichtstimmungen geschaffen.


Aufführung von river_run für Guzheng und Live-Elektronik
mit Ming Wang (Guzheng) und Karlheinz Essl (Elektronik)

Quelle: YouTube-Channel von Karlheinz Essl


Architektur als Ort der Begegnung

Die Architektur spielt in Finnland eine ganz besondere Rolle. Anders als in südlichen Gefilden kann man sich ja nicht auf einer Piazza oder unter Palmen treffen, sondern ist auf Bauwerke angewiesen, die ähnliche Funktionen erfüllen müssen. Man darf nicht vergessen, dass es dort nicht nur wesentlich kälter als bei uns ist, sondern dass es im Winter auch nur sehr wenig Tageslicht gibt. Deshalb findet man in Finnland viele beeindruckende Bauwerke, die nicht nur spektakuläre Aussensichten bieten, sondern auch zur Begegnung einladen.


didrichsen-museum

Zeitlose Moderne: das Didrichsen Art Museum, erbaut von Viljo Revell (1958)

Foto: © 2016 by Karlheinz Essl


Unser Abschlusskonzert spielten wir in der Viikki Church in einem Aussenbezirk von Helsinki. Ein moderner Bau, ganz aus Holz, mit einer fabelhaften Akustik und Atmosphäre.


Aufführung von RESONAVIT für E-Violine und Zither
mit Maria Puusaari (E-Violine) und Martin Mallaun (Zither)

Quelle: YouTube-Channel von Karlheinz Essl


Finlandia

Am Rande der Proben, Workshops und Konzerte durfte ich auch einige finnische Attraktionen genießen, allen voran die Sauna. Eine quietschfidele Herrenrunde hat mir gezeigt, wie man es hierzulande richtig macht: Temperatur nicht über 80 Grad, ständiges Aufgießen (ohne mit dem Handtuch zu "wacheln") und danach warm duschen. Und beherztes Biertrinken zwischen den Saunagängen. Ob das wirklich alles so stimmt? Dafür hat mir das saftige Rentiersteak après umso besser gemundet.

Obwohl fast jeder hier - teilweise exzellent - Englisch spricht, stößt man ohne finnische Sprachkenntnisse rasch an Grenzen: man ist und bleibt bloß Beobachter. Jene skurrilen und gegen den Strich gebürsteten Typen, die wir aus Kaurismäki-Film kennen, trifft man überall. Für echtes Verstehen reicht es aber nicht. Dazu fehlt die Erfahrung des skandinavischen Winters, wo es wochenlange kein Licht gibt und der Mitternachtssonne, die einem den Schlaf und den Verstand raubt. Doch die Musik kann hier als wundersames Mittel wirken, das - jenseits der Sprache - Herzen und Seelen öffnen kann. Dies habe ich in Helsinki immer wieder erleben dürfen.


KHE-Sibelius-Monument

Der Autor vor dem Sibelius-Denkmal in Helsinki

Foto: © 2016 by Karlheinz Essl




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Updated: 25 Nov 2016