Portrait

Die Klangwelt des Fräulein Atlantis

Radio-Live-Performance von und mit Karlheinz Essl

Kunstradio
Ö1: 4 Nov 2007


Livesendung aus dem RP4 des Funkhauses Wien

Livesendung aus dem RP4 des Funkhauses Wien


Helmut Jasbar: "Die Klangwelten der Fräulein Atlantis" - das ist der Titel der heutigen Live-Radio-Performance in 5.1 Digital Surround Sound aus dem RP4 des Wiener Funkhauses von Karlheinz Essl. Sie können diese auch optisch unter www.kunstradio.at mitverfolgen.

Kurz ein paar Worte dazu: Jonathan Meese - Maler, Bildhauer und exzessiver Performancekünstler - verwandelt in seiner Einzelschau FRÄULEIN ATLANTIS den Großen Saal des Essl Museums in Klosterneuburg in eine Druckkammer, in der sich Objekte, Bilder und Klänge zu einem Strom verbinden. Herzstück dieses Environments bildet eine große Maschine, die in der Rotunde des Museums versenkt ist und von dort ihre Wirkung in Form von Klangströmen nach oben leitet. Für diese Installation hat der Komponist Karlheinz Essl ein vielschichtiges Klangenvironment entwickelt, das ausschließlich Jonathan Meeses Stimme als Ausgangsmaterial nutzt. Mit Hilfe des Echzeit-Programmierenvironments Max/MSP hat er einen Klanggenerator konstruiert, dessen Verhalten nicht vorhersehbar ist und für permanente Überraschungs- und Schockmomente sorgt.

Schönen Guten Abend, Karlheinz Essl! Bevor Sie mit der Live-Performance beginnen eine Frage zu diesem Projekt. In dieser Performance verwenden Sie zwei Instrumente: das eine ist Jonathan Meeses Stimme, und das zweite Ihr selbstentwickeltes Computerprogramm. Wo liegt da die größere Unsicherheit?

Karlheinz Essl: Die Stimme von Meese ist sozusagen im Kasten, also da ist alles auf der sicheren Seite. Allerdings war die Aufnahme dieser Stimme extrem spannend. Als wir dafür zusammengetroffen sind, habe ich Jonathan Aufgaben gestellt, die er mit seiner Stimme realisieren sollte: zum Bespiel Maschinengeräusche macht...

Jasbar: ...also Regieanweisungen...

Essl: ...die er dann umgesetzt hat. Aus dieser Aufnahme habe ich dann Material herausgebrochen, das als Grundlage für mein generatives Klangenvironment dient, das wir heute auch gleich hören werden.

Jasbar: Vokabeln für ein eigenes Stück von Ihnen, sozusagen. Mit dem Instrument Jonathan Meeses Performancekunst und Stimme.

Essl: Dazu gibt es - wie Sie zuvor erwähnt haben - noch ein zweites Instrument, das dafür entwickelte Computerprogramm, das auf Basis dieser Stimm-Samples (viele hundert Klangschnipsel) mit Hilfe von selbstentwickelten Kompositionsalgorithmen neue Klangstrukturen generiert.

Jasbar: Wir werden diese Projekt heute live aus dem RP4 des Wiener Funkhauses hören, und zwar in drei Teilen. Hören Sie nun Teil eins von "Die Klangwelten des Fräulein Atlantis" von Karlheinz Essl:



Die Klangwelt des FRÄULEIN ATLANTIS - excerpt
Karlheinz Essl: computer & electronics

Download mp3 (3:49, 3.5 MB)


Jasbar: Ihre Zusammenarbeit mit Jonathan Meese stelle ich mir überaus spannungsreich vor. Er ist ja ein bildender Künstler, der ganz Intuition ist und sehr spontan aus dem Bauch heraus seine Kunst macht und auch nie damit aufhören kann. Ihre musikalische Welten hingegen sind an den Naturwissenschaften orientiert und haben auch mit Mathematik zu tun - zumindest vom Arbeitsmaterial. Ich könnte mir nun vorstellen, dass sich daraus ein große Spannung in der Zusammenarbeit ergibt. Sehe ich das richtig?

Essl: Jonathan Meese ist ein Naturereignisse, und es war eine ganz großartige Zusammenarbeit zwischen uns, weil er auch so offen ist und so freigiebig, was seine Handlungen anlangt. Ich bin sehr glücklich über die wunderbare Aufnahmesession, die wir miteinander in meinem Studio hatten, wo er sehr gutes Material zustande gekommen ist. Er hat mir alle Mittel in die Hand gegeben in dem er mich damit machen ließ, was ich wollte. Meine Aufgabe bestand nun darin, daraus für seine Ausstellung im Essl Museum ein Klangenvironment zu schaffen, das ein halbes Jahr ohne Unterbrechung in einem Automatikmodus laufen soll. Aus dem Ausgangsmaterial werden ständig neue Dinge erzeugt. Für das Kunstradio habe ich ein neues Instrument gebaut, das ich live spielen kann, indem ich ganz gezielt musikalische Situationen hervorrufen kann.

Jasbar: Das Interessante daran ist ja, dass Sie sozusagen ein Musiker sind, der sich sein Instrument selber baut, weil das Programm mit dem gesamten Kontent wird hier live manipuliert. Auch die Sprachfetzen und kleinen Zitate von Jonathan Meese werden live generiert oder in andere Klangsphären gebracht. Was macht dieses von Ihnen entwickelte Programm eigentlich genau?

Essl: Es besteht aus drei Teilen. Im Zentrum steht die "Maschine"; in der Installation ist es ein großer schwarzer Kristall, der mit Lautsprechern bestückt ist, aus denen immer wieder überraschend Klangkaskaden hervorbrechen, wie aus einem Vulkan. Auch hier besteht das Grundmaterial aus Meeses Stimme, die hier aber sehr stark abstrahiert wird.

Jasbar: Eine Ihrer Regieanweisungen an Jonathan Meese war, mit der Stimme einen Vulkan zu simulieren, beginnend mit dem Brabbeln der Lava, das später in einen unglaublichen Ausbruch endet, der ihn an den Rande der Erschöpfung gebracht hat.

Essl: Diese Aufnahme wird allerdings nicht in dieser Gestalt verwendet, sondern wurde von mir in kleine Fragmente geschnitten. Die Ausbrüche, die wir soeben gehört haben, waren nicht die Originalausbrüche von Meese (diese klingen völlig anders), sondern entstanden durch meine instrumentale Performance.

Jasbar: Da spielen auch Verfahren wie Granularsynthese und Ringmodulatoren eine Rolle.

Essl: Ins Detail brauchen wir hier nicht zu gehen. Ist steht natürlich viel Technik dahinter, aber diese dient ja nicht dem Selbstzweck, sondern der Erzeugung neuer Klangwelten, die uns ganz unmittelbar berühren können.

Jasbar: Ihr Gesichtsausdruck war ja auch alles andere als zustimmend als ich eingangs bemerkte, dass Jonathan Meeses Kunst mehr mit spontaner Aktion zu tun hat und Ihre mit Naturwissenschaften. Sie würden diese Auseinander-Dividierung nicht gutheißen...

Essl: Nein, weil ich ja selber auch Improvisationsmusiker bin und sehr viel Livemusik spiele. Insofern trifft Ihre Unterscheidung überhaupt nicht auf mich zu, da ich selbst mit beiden Bereichen operiere. Ich verwende die Technik nicht zum Selbstzweck, sondern immer nur als Transportmittel in die Ewigkeit.

Jasbar: Wir hören nun den zweiten Teil dieser Radio-Liveperformance "Die Klangwelten des Fräulein Atlantis" von und mit Karlheinz Essl:


 

Während der Live-Radiosendung im RP4 des Wiener Funkhauses...


Jasbar: Noch eine Frage zu Ihrer Zusammenarbeit mit Jonathan Meese: Wie ist es eigentlich dazu gekommen? Es handelt sich ja um die erste große Personale dieses Künstlers in einem österreichischen Museum...

Essl: Wir haben uns zum ersten Mal im März 2007 getroffen anlässlich der Eröffnung der Ausstellung PASSION FOR ART. Wir standen gemeinsam an der Rotunde, wo gerade die Klanginstallation Von Hirschen und Röhren, die ich gemeinsam mit dem Schweizer Künstler Beat Zoderer geschaffen hatte, lief. Meese hat das sehr gefallen und wollte in der Rotunde, die er als "Vulkan" für seine Ausstellung im Blick hatte, auch Klänge haben.

Jasbar: Die ursprüngliche Vorstellung des Vulkans - war die rein energetisch, oder visuell?

Essl: Es war als Metapher gedacht für Kunst, die sich sozusagen aus sich selbst heraus generiert, ohne künstlerisches Wollen.

Jasbar: Das bedeutet aber auch, dass es auch um eine Art Kunst-Energie geht, die alles überflutet. Das wurde dann später ja auch in einen visuellen Prozess umgeleitet.

Essl: Es war von Anfang an klar, dass Meese einerseits eigene Kunstwerke für diese Rauminstallation schaffen wird und teilweise auch Kunstwerke der Sammlung Essl verwendet werden. Aber dann ist das Ganze schließlich zu einer Multimedia-Installation geworden, als die Idee geboren wurde, diesen Vulkanausbruch der Kunst mit Hilfe von Klang sinnfällig zu machen. Später kam auch noch eine Videoinstallation dazu.

Jasbar: Wir hören nun den dritten Teil dieser Liveperformance mit dem Titel "Die Klangwelten des Fräulein Atlantis" von Karlheinz Essl, die ausschließlich aus dem Material von Jonathan Meeses Stimme gewonnen wurde.



Sie hörten die dreiteilige Liveperformance "Die Klangwelten des Fräulein Atlantis" in 5.1 Digital Surround Sound aus dem RP4 des Wiener Funkhauses von und mit Karlheinz Essl. Technik: Anna Kuncio, Katharina Böhm. Webcast: Hans Groiss. Redaktion: Elisabeth Zimmermann. Moderation: Helmut Jasbar.



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Updated: 10 Aug 2015