Christian Baier

"Intervention" von Karlheinz Essl



Noch weiter als viele seiner Altersgenossen stößt Karlheinz Essl (geboren 1960) in die Bereiche des musikalisch Interaktiven vor. Seine Tätigkeit als Kontrabassist in Jazz-Ensembles, seine Untersuchungen von kompositorischen Prozessen und die Entwicklung kompositionsunterstützender Computerprogramme sowie seine musikwissenschaftlichen Studien (er dissertierte über Anton von Webern) haben gleichermaßen sein künstlerisches Weltbild geprägt. Sowohl Schüler von Friedrich Cerha (Komposition) als auch von Dieter Kaufmann (elektro-akustische Musik), setzte sich Essl bereits früh der Divergenz von Werk und Prozeß auseinander.
"Ein Kunstwerk im emphatischen Sinne - ein "opus perfectum et absolutum" ein - ist unantastbar. In seiner Geschlossenheit und Vollkommenheit ist es einem Gesetzestext vergleichbar, der weder verändert noch in Frage gestellt werden darf", erläutert der Komponist. "Als Gegenbegriff zum vielerorts verdächtig gewordenen Kunstwerk hat sich seit John Cage der in seiner Mißverständlichkeit nicht unproblematische Begriff 'Prozeß' eingebürgert. In den Naturwissenschaften bedeutet er das Streben auf ein bestimmtes Ziel zu. Cage aber meint das krasse Gegenteil: nicht zielorientiertes Vorwärtsschreiten, sondern absichtsloses Flanieren. Während sich WERKE dank ihrer Geschlossenheit und textuellen Eindeutigkeit hervorragend reproduzieren lassen, verweigern sich PROZESSE dieser Verdinglichung: sie erscheinen einmalig und jedes mal anders, neu..."

Als "Prozesse", dem Stand des Experimentellen entwachsen, lassen sich Essl's Werke begreifen, seien es sein prämiertes Streichquartett Helix 1.0 (1986), seine Lexikon-Sonate (I992 ff.), bei der ein computergesteuertes Klavier eine aus einzelnen Bausteinen zusammengesetzte, differenzierte, aber unvorhergesehene Klaviermusik ohne Ende spielt, oder seine Operationen mit einem phonetischen Alphabeth in Close the Gap (l990). Ziel der Prozessualität im Schaffen Essl's ist es, das "Werk" als in sich geschlossenes, definitives und nach außen hin abgeschottetes Ganzes zu verabschieden, es zu öffnen und so der Wirklichkeit zu überantworten. Grenzen werden dabei nicht vorschnell aufgehoben, sondern transparent und durchlässig, sodaß ein kommunikativer Austausch über Stile und Stilepochen, Länder und Kontinente hinweg stattfinden kann. (Über das Internet z.B. trat der amerikanische Cellist Jeffrey Krieger mit Essl's dort publizierter Komposition Amazing Maze in interaktiven Kontakt und nahm Einfluß auf das Werk.)

Intervention für 4 räumlich verteilte Orchestergruppen (1995) basiert auf der Tatsache, daß zur 50-Jahr-Feier der Republik Österreich am 8.11.1995 unter dem Motto "Inventur" aus dem Parlamentsgebäude ein Festkonzert mit dem RSO Wien übertragen werden sollte. Statt zur 'Inventur' (so auch der ursprüngliche Werktitel) kam es zu Neuwahlen. Die Nachhallzeiten des marmornen Parlamentsraumes (12 Sekunden) spielen bei diesem Werk eine entscheidende Rolle. Jeweils sechs Musiker sitzen in den Ecken des Raumes und erzeugen einen sich wölbenden Klangraum. Die Hüllkurve des Halls faßt zwar die Vielstimmigkeit zusammen, gleichzeitig sind kleine Klangereignisse Auslöser weiträumiger Prozesse, bei denen das Reagieren aufeinander, das Aufgreifen von Klängen und Motiven zwischen den einzelnen, ihrer jeweiligen Eigendynamik verhafteten Gruppen von entscheidender Bedeutung ist. Das Werk wird bestimmt von Gegensätzlichkeiten wie lauten Impulsen und ruhigen Flächen, blockartig konzentrierten Aktionen und weiträumigen Zerfaserungsprozessen, die oft erst knapp vor der völligen Auflösung stoppen. Symbolisch stimmt sich das Orchester zum Schluß auf den Ton A (für Austria?) ein, der in der Coda allerdings (angesichts der politischen Situation symbolträchtig) wieder verstimmt wird.

© 1997 by ORF / Dr. Christian Baier


in: Booklet für die CD "Neue Musik aus Österreich - Radio Symphonieorchester Wien (Wien 1997)



Home Works Sounds Bibliography Concerts


Updated: 16 Aug 2005