Christian Baier

Zwiesprache mit dem Kosmos

Präludium und drei Fallstudien zum Thema



(...) Der Kosmos ist objektiv. Seine Gesetze - die sich für unsere Rezeptionsmöglichkeiten in Proportionen und Verhältnissen manifestieren - schaffen einen Raum, innerhalb dessen sich die subjektivistische Ästhetik als obsolet entlarvt, da sich innerhalb ihres hierarchischen Systems keine gültigen Erkenntnisse erzielen lassen.

Das musikalische Denken des österreichischen Komponisten Karlheinz Essl ist inspiriert von der immanenten Logik, die der Kosmos des musikalischen Materials in sich birgt. Schon lange hat Essl den Komponisten als Demiurgen des Werkganzen verabschiedet. Sich selbst sieht er lediglich als Impulsgeber, also als "primum movens", für ihn kann Musik "doch nicht bloß die Reproduktion vorgefertigter Partituren sein. Sie bildet sich erst im Prozeß der Aufführung." Wie der Kosmos sich in seiner konstitutionellen eigenprozessualen Ewigkeit stets neu produziert, auch wenn die Vorgänge dieser Neuproduktion in einer ständigen Wiederholung bestehen, so versteht Essl seine Musik - selbst wenn sie in einer Partitur fixiert sein sollte - als ein beständiges Sich-neu-Ereignen. In "onwards" für Klavier, Schlagzeug, Saxophon und Elektronik aus dem Jahr 1999 etwa wird die eigendynamische Prozessualität des Kosmos auf die Binnenstruktur eines musikalischen Ereignisses übertragen.

onwards - das heißt "vorwärts", "in ständiger Bewegung", "[unaufhaltsam] fortschreitend". In dem Werk werden genaue Formvorstellung und eine exakte prozessuale Entwicklung mit einer Vielzahl von nicht klar definierten Klangsituationen verbunden, die vom Musiker im Moment der Realisation erst entschieden werden müssen. Innerhalb der genau festgelegten Zeitstruktur werden die Instrumentalstimmen als Ereignisschichten gehandhabt. Die Elektronik ist dabei ein live-gespieltes Instrument und bedient sich nicht vorgefertigten Klangmaterials. Sie ist gleichsam das Brennglas, das die anderen Instrumentalstimmen bündelt, synthetisiert, gemeinsame Klangbasen erzeugt, vermittelt, differenziert, akzentuiert, was der temporal-elongierten Kontinuität stellarer Ereignisse entspricht.

Die vier Schichten beinhalten vier verschiedene klangliche Strukturtypen: "Drones" sind langgezogene, an- und abschwellende Töne, die mit wenig Fluktuation gespielt und bei Wiederholung nicht transponiert werden. Sie repräsentieren einen konstanten, homogenen Klangzustand, was der kosmischen Harmonie (= dem Ruhen des Systems in sich) entsprechen würde. Dieser stehen drei Ebenen der Bewegung (also der faßbaren Ereignisse gegenüber): "Textur" beinhaltet innerlich bewegte, granulierte Klänge, die auf unterschiedlichste Weise gestaltet werden. "Punkte" sind schroffe, heterogene, expressive Gestalten, kurze Eruptionen, die von Pausen unterschiedlicher Länge durchbrochen werden. "Repetitionen" (Rhythmen, Pulsationen) sind Klänge, der in verschiedenen Geschwindigkeiten innerhalb eines Rasters gespielt werden.

Die Vorwärtsbewegung ("onwards") kennt die Erinnerung nicht, denn die unmittelbare Gegenwart ist ihr nur Mittel zum Erreichen der nächsten. Auch hierin ist eine Parallele zum Kosmologischen zu sehen. Auch wenn die Ereignisse des Kosmos sich durch das ihnen zugrundeliegende zyklische Grundmuster beständig wiederholen, weil jede Bewegung im Weltall eine zu ihrem Ursprung zurückkehrende ist (da sonst das System aus dem Gleichgewicht geraten würde), so ist jede Bewegung gleichzeitig eine einmalige. Sie wiederholt sich nicht und hat somit auch keine Erinnerung an sich, sondern findet jedesmal neu statt, sie erfindet sich quasi aus der systembedingten Notwendigkeit ihrer Wiederholung neu.

Die Kommunikationssituation zwischen Musik und Kosmos, die sich in "onwards" herstellt, ist die der strukturellen Schaffung von Analogien. Die "Partitur" beinhaltet nur die in ihrer zeitlichen Gestalt ausgearbeiteten und strukturierten Schichten der Instrumente. Die einzelnen Zeiträume sind von den Musikern frei zu gestalten, mit Klangleben zu erfüllen. [ER]FÜLLE DIE ZEIT! - die Zeit als binnenstrukturierende Hüllkurve des Kosmos - könnte das Motto der Arbeit sein, denn in einem riesigen komplexen Proportionskanon - d e m strukturellen Abbild kosmischer Verläufe schlechthin - inszenieren sich große Beschleunigungs- und Verdichtungsbewegungen. Da die verschiedenen instrumentalen Schichten jedoch nicht bloß zeitversetzt einsetzen, laufen sie am Schluß - ähnlich wie bei einer Sinuskurve, die mit einer anderen moduliert wird - zusammen. Aus der Übergesetzlichkeit der Proportionen heraus findet Synthese statt. Die Dialektik von Improvisation [im Sinne der ständigen Neuerfindung] bei gleichzeitiger genauer Festlegung der Zeiträume ist der mentale Antrieb des Stückes, das jedoch niemals zu Ende komponiert werden kann, denn in einer endgültigen Interpretation würde die mentale Vorwärtsbewegung des Stückes zum Stillstand kommen, die Zeit wäre erfüllt, es gäbe nur noch den Tod (ebenso wie der Kosmos in erstarrtem Zustand in sich zusammenbrechen würde). (...)

© 2000 by Neue Zeitschrift für Musik / Dr. Christian Baier


in: Neue Zeitschrift für Musik, hrsg. von Rolf W. Stoll, Nr. 6/2000 (Mainz 2000)



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Updated: 5 Jun 2006