metropol 15. Januar 2001 KULTUR

Der weite Klang der Zukunft

Heute in Zürich: Karlheinz Essl im Migros Hochhaus


Portrait

Karlheinz Essl gehört zu den interessantesten zeitgenössischen Musikern. Heute abend erzählt der Avantgardist vom Komponieren im Cyberspace.


Der Computer - unendliche Weiten. Vom Pixel ins Universum und wieder zurück. Der Klang - unendliche Weiten. Vom Signal zur Explosion - und wieder zurück.

Klang und Computer und alles, was es an Schattierungen gibt, wenn das Spektrum in dieser Konstellation ausgelotet wird, das ist die Welt von Karlheinz Essl.

Der Komponist und Musikwissenschaftler, 1960 in Wien als Sohn des wichtigsten österreichischen Kunstsammlers geboren, ist Kontrabassist und Programmierer, Visionär und Feldforscher. Und: Essl gilt als einer der innovativsten und erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten seiner Generation. Ein Komponist, der von der Krautrockgruppe Can zu Stockhausen gefunden hat und schließlich zur "alten Musik", der Klassik. Und das alles aus der Motivation heraus, hinter die Kulissen zu schauen, "zu entschlüsseln, wie etwas gemacht ist", wie er 1997 anlässlich seines Auftritts bei den Salzburger Festspielen erklärte.

Als sich Karlheinz Essl daran machte, eine am Pariser Institut für elektronische Musik IRCAM entwickelte Echtzeit-Multimedia-Programmiersprache [MAX] durch eine selber programmierte Online-Bibliothek von Musik-Softwaremodulen zu bereichern, steckte das Internet noch nicht einmal in der Pubertät. Das war Anfang der neunziger Jahre.

Heute sind Live-Konzerte, bei welchen die Akteure auf den Knien vor Laptops sitzen und kahle Räume in bunte Geräuschkulissen tauchen, keine Seltenheit mehr. Im Internet können sich die avantgardistischen Musiker die von Essl als Freeware zur Verfügung gestellte Software herunterladen.

Essl selber geht bei seinen eigenen Kompositionen aber noch weiter. Immer wieder schafft er aus der Verbindung zwischen Moderne und Tradition neue Universen, dirigiert beispielsweise via Laptop Solisten an klassischen Instrumenten [wie bei Champ d'Action für computer-gesteuertes Ensemble]. Die Partituren [recte: die jeweiligen Instrumentalstimmen] entstehen dabei in Echtzeit mittels Computerprogramm.

Abstrakt, komisch, unvorstellbar mag denken, wer zum ersten Mal mit Cyberspace-Kompositionen konfrontiert wird. Aber Karlheinz Essl, auch als Musikdozent erfahren, kann's erklären. Und genau das wird er heute Abend im Migros Hochhaus tun.


© 2001 by Esther Banz / metropol


in: metropol (Zürich, 15.1.2001)



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Updated: 6 Jan 2007