Peter Blaha

Klingende Abbilder der Welt

Karlheinz Essl gestaltete im Rahmen von WIEN MODERN
die Konzertreihe [bracket] im Museum Essl in Klosterneuburg


Kunsthaus Sammlung Essl   Freundlich dringt der warme Glanz eines milden Altweibersommers in den hellen, lichtdurchfluteten Raum. Zwei im rechten Winkel aufeinander treffende Glasfronten geben den Blick auf die Baumwipfel frei, wie sie für Flußlandschaften in diesen Breiten typisch sind. Fast meint man, die Donau zu spüren, die in unmittelbarer Nähe vorüberfließt. Nichts ist hingegen von den Besucherströmen zu bemerken, die sich nur zwei Türen weiter durch nicht minder helle Hallen ergießen, in denen gerade Bilder von Georg Baselitz die Aufmerksamkeit der Betrachter auf sich ziehen. Doch kaum einer der Besucher draußen ahnt wohl, daß sich hinter einer unscheinbaren Tür im zweiten Zwischenstock des Museums Essl in Klosterneuburg ein privates Studio befindet. In diesem arbeitet Karlheinz Essl junior (Jahrgang 1960), einer der innovativsten und international erfolgreichsten österreichischen Komponisten seiner Generation, der zugleich Musikintendant der Sammlung Essl ist.

Das Studio, das Funktionalität und schlichte Eleganz ausstrahlt, lädt zum Verweilen ein, wirkt wie ein stilles Refugium, das beinahe den Eindruck erweckt, Karlheinz Essl sei einer jener Komponisten, die fernab der Welt in einem Elfenbeinturm ihre Partituren schreiben. Doch der Eindruck ist falsch, denn Karlheinz Essl nimmt in seinem vielseitigen Schaffen auf seine Lebenswelt bezug, schafft in seiner Muisk, in die sehr stark Gedanken der Kybernetik und der Systemtheorie eingehen, klingende Abbilder der Welt. Und er steht - nach rund 15jähriger Absenz, wie er erzählt - nun auch wieder verstärkt in engem Kontakt mit der musikalischen Praxis. In seiner Jugend hatte er als Kontrabassist in Studentenorchestern und verschiedenen Bands gespielt. Dann wandte er sich für einige Zeit ganz dem Komponieren zu. Doch mittlerweile hat er den Baß, auf dem er seiner Einschätzung nach nie etwas Virtuoses zustande hätte bringen können, gegen den Computer eingetauscht, auf dem er sich zum "Virtuosen" mauserte. "Komponist, Instrument und Performance waren ursprünglich getrennte Bereiche", erzählt er, "heute aber konvergieren sie. Für mich als Komponist ist das Interessanteste an der elektronischen Musik, daß sie mich aus der Einsamkeit des Partiturenschreibens herausgeholt und wieder zurück in die Welt der lebendigen Musik gebracht hat. Der Komponist allein bestimmt nicht mehr, wo's langgeht, sonderner ist Teil eines umfassenden Netzwerks geworden."


Karlheinz Essl live

Karlheinz Essl anläßlich der Performance fLUX


Zum Aufbau dieses Netzwerks hat die elektronische Musik sehr viel beigetragen die mittlerweile auf eine rund achtzigjährige Geschichte zurückblickt. Waren die ersten Schritte auf diesem Gebiet durchaus noch unter die Rubrik "Kurioses" zu reihen, so setzte spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg die systematische Beschäftigung mit computergenerierten Klängen ein. Reine Tonbandkompositionen, die einem Publikum im verdunkelten Saal über Lautsprecher vorgeführt werden, sind heutzutage aber schon wieder eher die Ausnahme. Durchgesetzt hat sich hauptsächlich die sogenannte Live-Elektronik, wie sie unter anderem an dem von Pierre Boulez gegründeten IRCAM in Paris erforscht wird, wo auch Karlheinz Essl umfangreiche Studien betrieb. Sie ermöglicht einerseits, das Klangspektrum herkömmlicher Instrumente im Augenblick des Erklingens zu erweitern. Für Essl von noch weit größerer Bedeutung ist aber andererseits die Möglichkeit, "Musik im Moment zu erzeugen. Dem geht natürlich eine mühsame Kleinarbeit voraus, in der Klangpartikel zuvor auf Band gespeichert wurden, die sich dann unter Zuhilfenahme eines Computers während einer Performance zu einer Komposition zusammensetzen." Karlheinz Essl hat dieses Prinzip in seiner bahnbrechenden Lexikon-Sonate für computer-gesteuertes Klavier aus dem Jahr 1993 angewandt, in der typische Klangfiguren aus der Geschichte der Klaviermusik das Ausgangsmaterial bilden. Diese Idee, übertragen auf Streicher, liegt nun auch seiner neuesten Komposition da braccio zugrunde, die am 6. 11.2000 im Neuen Saal des Wiener Konzerthauses im Rahmen von WIEN MODERN zur Uraufführung gelangt. "Wie schon die Lexikon-Sonate ist da braccio keine Komposition im herkömmlichen Sinn. Im Zentrum steht ein Computerprogramm, das mit Streicher-Samplern arbeitet. Die extrahierten Partikel decken eine bestimmte Art von Strukturtypologie ab, die sich aus der Geschichte der Streichinstrumente herleitet. Ich als Musiker spiele mit diesem Material, das mir gewissermaßen als Meta-Instrument dient."

Noch eine andere Möglichkeit bietet die Elektronik einem Komponisten an. Er kann mit ihrer Hilfe Räume simulieren. Auch Karlheinz Essl hat davon schon einmal Gebrauch gemacht. "Vom ORF erhielt ich den Auftrag, aus Anlaß der 50-Jahr-Feiern der Zweiten Republik ein Orchesterstück zu schreiben, das in der Säulenhalle des Parlaments aufgeführt werden sollte. Das ist ein Saal mit ungewöhnlich langer Nachhallzeit, der für den herkömmlichen Konzertbetrieb also völlig ungeeignet wäre. Das Stück Intervention habe ich nun genau für diese Situation geschrieben, genau auf diesen Raum mit seinen spezifischen Eigenschaften angepaßt." Doch zu einer Aufführung im Parlament ist es auf Grund von Neuwahlen bis heute nicht gekommen. Gespielt wurde es hingegen bei WIEN MODERN im Wiener Konzerthaus. "Und dabei war es mit Hilfe der Live-Elektronik möglich, die akustischen Verhältnisse der Säulenhalle des Parlaments zu simulieren."

Spektralisten nützen die Möglichkeit die Elektronik, den Klang zu analysieren und in seine einzelnen Komponenten zu zerlegen. Karlheinz Essl würde dabei aber nienmals stehenbleiben. Musik hat - und damit folgt er ganz der Tradition der europäischen Klassik - für ihn immer auch Prozeßcharakter, entwickelt und entfaltet ihr Material in der Zeit. "Der Prozeß ist das Wichtigste überhaupt", erklärt er. "Mich interessiert nicht die Kategorisierung des Klangs, sondern das Zerbrechen von Schubladen." Auch die Form ist für Karlheinz Essl keine vorgeprägte Größe, sondern hat "etwas mit energetischen Prozessen, mit Spannung und Entspannung zu tun. Mir ist die Form wichtig, aber nicht als Hülsenstruktur, sondern als gestaltete Zeit."

Charakteristisch für Karlheinz Essls Musik ist auch, daß in ihr, dem seriellen Denken verpflichet, gestalteten Zeit unheimlich viele Ereignisse ablaufen. "Stockhausen hat einmal gesagt, Schwarz und Weiß seien keine Gegensätze, sondern die Extremwerte auf einer Skala mit Grautönen. Es gibt also nicht nur Antipoden, sondern viele Übergänge zwischen den Extremwerten. Dem fühle ich mich sehr verwandt." Und er bekennt sich zum Prinzip der Mehrsprachigkeit, wie sie für die Postmoderne typisch ist. "Für die gute Postmoderne", fügt er hinzu. "Sie arbeitet mit mehreren Konzepten gleichzeitig, die sich wechselseitig beleuchten. Diese Mehrsprachigkeit ist mir wichtig, nicht im Sinne des Collagierens und Zitierens, wie es die schlechte Postmoderen tut, sondern im Austragen von Gegensätzen zwischen anfänglich einander fremden Welten".

Dabei reflektiert Karlheinz Essl die Tradition immer mit, vor allem dann, wenn er etwas so tradionsträchtiges wie ein Streichquartett komponiert. Sein drittes (upward, the onstreaming it mooned) ist gerade in Arbeit, und natürlich ist es nicht einfach ein Werk für vier Instrumente geworden, sondern eines, in das die Geschichte dieser Konfiguration eingegangen ist. Würde es ihn nicht reizen, sich auch einmal an die nicht minder traditionsbelastete Gattung Oper zu wagen? "Ich muß gestehen, daß ich große Probleme mit der Oper habe, einerseits mit ihrem ständigen Espressivo, das sich selbst noch in Stücken von Luigi Nono bemerkbar macht, andererseits mit ihrem wahnsinnig großen Apparat. Meine Devise lautet Small is beautiful." Aber ausschließen möchte er nicht, einmal etwas in diese Richtung zu komponieren, zumal ihm unlängst bei der Performance fLOWer eines seiner Stücke in der Minoritenkirche in Krems die Theatralität der Darbietung selber bewußt geworden ist. "Wenn ich soetwas gezielt anpacke, dann müßte das mehr in Richtung Multimedia gehen."

© 2000 by BÜHNE / Peter Blaha


in: BÜHNE 11/2000 (Wien, November 2000)



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Updated: 9 Jul 2016