Portrait

Karlheinz Essl

Anmerkungen zu Burkhard Friedrichs CITTÀ UTOPICA

2010


Es war noch nie so leicht und gleichzeitig so schwer, Komponist zu sein, wie heutzutage. In früheren Zeiten war seine Rolle klar definiert als Erfinder von Musik, die in präzis niedergeschriebenen Partituren kodifiziert wurde. Zu ihrer klanglichen Umsetzung bedurfte es seit jeher einer vermittelnden Instanz – in der Regel Musiker und Instrumente – die den abstrakten Notentext vermittels musikalischer Interpretation erklingen ließen.

Mit der Verbreitung elektronischer Medien hat sich der Schaffensprozess von Musik jedoch grundlegend geändert. Durch die neuen Möglichkeiten der unmittelbaren Gestaltung und Speicherung des Klanges stellt die Partitur nicht mehr das alleinige Medium dar, das die Komposition repräsentiert. Vordergründig betrachtet erleichtern die elektronischen Produktionsmittel die Arbeit, was es auch nicht traditionell ausgebildeten Musikbegeisterten erlaubt, ihre eigene Klanggebilde zu basteln.

Die einfache Verfügbarkeit der digitalen Produktionsmittel ist zugleich aber auch ihre Crux, da jene zumeist von den Vorstellungen eines massentauglichen „Industriestandards“ geprägt sind und nichts anderes tun, als angestaubte Denk- und Produktionsmodelle mithilfe moderner Technologien zu simulieren, ohne dabei grundsätzlich nach neuen künstlerischen Ansätzen zu suchen.

Die Synthese beider Welten – einer konzeptionellen und am Partiturschreiben geschulten und einer intuitiven, die quasi interaktiv am Klang selbst arbeitet – stellt hingegen einen vielversprechenden Modus dar, der die Stärken beider Welten vereint.


Copyright 2010 by Kurt Hörbst

Videostill aus CITTÀ UTOPICA
© 2010 by Kurt Hörbst


In diesem Spannungsgefüge lebt und arbeitet der Hamburger Musiker Burkhard Friedrich. Er, der viele Jahre als Komponist alten Schlages und Schüler von Helmut Lachenmann komplexe Partituren verfertigte, wurde durch seine Erfahrung als Saxophonist und Improvisator zunehmend verunsichert, was das Schreiben von Noten anlangt. Wer jemals selbst erfahren hat, wie sich Musik in einem improvisatorischen Kontext zum Zeitpunkt ihres Erklingens wie von selbst zusammenfügt und in jedem Moment absolut stimmig ist, fragt sich zu Recht, ob diese Magie des Augenblicks auch mit kompositorischer Gestaltung „out of time“ (Xenakis) bewerkstelligt werden kann.

Burkhard Friedrich ist diesen Fragen nicht ausgewichen. Viele Jahre hat er Jugendlichen Kompositionsunterricht erteilt und Schulprojekte mit KomponistInnen durchführt. Er weiß um die Schwierigkeiten, musikalische Fantasien adäquat auszuarbeiten und in eine kommunizierbare Form zu bringen. Dabei lässt er jedes Mittel zu und zeigt eine ästhetische Offenheit, die an so manchem Tabu der Neuen Musik rüttelt. Berührungsängste kennt er keine, wenn er mit seinem Ensemble Intégrales völlig unbekannte asiatische KomponistInnen auf CD herausbringt oder mit MusikerInnen aus der freien Improvisationsszene arbeitet. Immer wieder fasziniert ihn der Einsatz der Elektronik, und so ist er in den letzten Jahren immer tiefer in diese Arbeitsweise eingedrungen und dabei vermehrt den Schreibstift durch die Computermaus ausgetauscht.

Die Arbeit im elektronischen Milieu läßt nicht selten ein Bedürfnis nach Erweiterung des Mediums entstehen, und so erweckte Friedrichs Begegnung mit dem Fotokünstler Kurt Hörbst den Wunsch nach Zusammenarbeit. Als ich Burkhard vor zwei Jahren fragte, ob er nicht ein Stück für das SCHÖMER-HAUS schreiben möchte war von Anfang an klar, dass es sich dabei nicht um eine konventionelle Partitur handeln wird, sondern um eine Art multimediale Konzert-Installation, in der Videoprojektionen, elektronische Sounds und Live-Musiker gleichberechtigt zu einem übergeordneten Ganzen verwoben sind.

Inspiriert wurde dieses Werk, das den Titel CITTÀ UTOPICA trägt (und damit einen direkten Bezug zum UTOPIEN-Schwerpunkt meiner Konzertreihe im Essl Museum darstellt) von visuellen Vorstellungen: Die nächtliche Abflüge vom Flughafen Wien-Schwechat führten Burkhard Friedrich immer wieder direkt über die taghell erleuchtete Raffinerie der ÖMV, die ein bizarres Schauspiel einer autonom funktionierenden Maschinenstadt bietet. Dies führte schließlich zur Komposition eines knapp einstündigen Soundtracks, der wiederum Kurt Hörbst als Inspirationsquelle diente, als er nächtens die Raffinerie mit Fotoapparat und Videokamera im Bild festhielt. Später wurden die Instrumentalparts der beiden Live-Musiker – des E-Gitarrististen Sascha Demand und des Kontrabassisten John Eckhardt – wie zusätzliche Tracks in einer ProTools-Session eingearbeitet. Diese sind jedoch so gestaltet, dass die Musiker nicht solistisch hervortreten, sondern gänzlich mit dem bereits vorproduzierten Soundtrack verschmelzen. In einem letzten Arbeitsgang werden zuletzt die Video- und Fotomaterialien von Kurt Hörbst passgenau in den Zeitablauf einmontiert, in völliger Umkehrung des üblichen Vorganges, dass nämlich die Musik zu einem fertigen Film nach dessen Zeitstruktur dazukomponiert wird.

Am Tag seiner Uraufführung am 14.11.2010 wird das multimediale Endkonstrukt als Klang und Bild in den architektonischen Raum des Klosterneuburger SCHÖMER-HAUSES projiziert, wo es mit dessen baulichen und akustischen Gegebenheiten interagiert. Daraus entsteht – nicht zuletzt auch durch die individuelle Wahrnehmungsleistung des Publikums – in jedem von uns eine individuelle Version einer geträumten utopischen Stadt, jene CITTÀ UTOPICA, die Burkhard Friedrich uns als Spiegelbild vor Augen und Ohren halten möchte.

© 2010 by Karlheinz Essl


in: Katalog WIEN MODERN 2010, hrsg. von Matthias Lošek (Pfau: Saarbrücken 2010) - ISBN: 978-3-89727-450-1



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Updated: 16 Dec 2016