Wolfgang Gratzer

Anmerkungen zum CAGE-Projekt
von Karlheinz Essl, Christian Ofenbauer und Christian Schedlmayer
(Wien 1989)



(...) Die am Titelblatt des Programmheftes vom 25.2.1989 als „CAGE-Projekt“ überschriebene Veranstaltung im Wiener Konzerthaus nahm von einer Einladung Friedrich Cerhas ihren Ausgang. Dieser hatte sich 1986 entschlossen den mit der Verleihung des Großen österreichischen Staatspreises verbundenen Geldbetrag für die Förderung jüngerer Komponisten einzusetzen; zugleich stand eine Erneuerung des Ensembles „die reihe“ im Raum: Drei seiner Kompositionsstudenten, Karlheinz Essl (* Wien 1960), Christian Ofenbauer (* Graz 1961) und Christian Schedlmayer (* Graz 1959) wurde die Möglichkeit eröffnet, anlässlich des 30-jährigen Bestandsjubiläums der „reihe“ (1958-1988) im Wiener Konzerthaus aktiv zu werden. Bereits bei der ersten Sitzung der sich als „Komponistenkollektiv“ [1] bezeichnenden Dreiergruppe fiel auf Vorschlag Ofenbauers, der auch die Noten ankaufte, eine Entscheidung zugunsten Cages Concerto for Piano and Orchestra. Ofenbauer war inspiriert von seiner 1987 zu Ende gegangenen Mitarbeit bei der experimentell agierenden Künstlergruppe „Angelus novus“ und besonders von der Lektüre von Heinz-Klaus Metzgers Musik wozu? Literatur zu Noten (Frankfurt/M. 1980) [2]. Hinzu kam historisches Wissen: Essls „Arbeitsbericht“ [3] zufolge war der bevorstehende 30. Jahrestag des Skandals von 1959 zu sehr im Bewusstsein, als dass die Gelegenheit einer erneuten Auseinandersetzung übersehen hätte werden können. (Es hatte seit 1959 keinen weiteren Versuch gegeben, Cages Concerto in Österreich zur Aufführung zu bringen.)

Alexander Pereira, 1984-1991 Generalsekretär des Wiener Konzerthauses (und nach seiner Zeit am Züricher Opernhaus heute Intendant der Salzburger Festspiele) stellte großzügig das Konzerthaus zur Verfügung; neben dem Großen Saal konnten auch der Mozart- und der Schubert-Saal einbezogen werden: Als institutioneller Rahmen sollte das Musikfest „Österreich – heute“ fungieren, ein über einen beachtlich ausdauernden Zeitraum von immerhin vier Jahren (1986-1990) entwickeltes Format, das – neben dem 1988 etablierten Festival „Wien Modern“– als Initiative für eine bessere Wahrnehmbarkeit der zeitgenössischen Szene wirken konnte. Pereira hatte mit dem von ihm initiierten Symposion „Neue Musik in Österreich“ (1987) eine Öffnung des Wiener Konzerthauses für neue Musik signalisiert. Bei diesem Symposion stellte Ofenbauer die grundlegende Frage nach Möglichkeiten adäquater Präsentation neuer Musik. Hierauf Bezug nehmend, wandte sich Essl an Pereira und formulierte eine „Vision“ eines in einem „Gruppenprozess“ komponierten, moderierten Programms mit „Werkstattcharakter“. [4] Essl verband damit die Überzeugung, „daß durch eine solche Konzertgestaltung auch eine Publikumsschicht erreicht wird, die sonst keinen Zugang zu den traditionellen Spielstätten mit deren traditioneller Programmgestaltung findet.“ Pereira bezeichnete den Vorschlag in seiner Antwort uneingeschränkt als „sehr interessant“ und lud zur ersten einer Reihe von Besprechungen ein. [5] Der weitere, trotz zum Teil erheblicher Spannungen im „Komponistenkollektiv“ bis zur Realisierung fortgesetzte Gestaltungsprozess (in detailliert protokollierten Sitzungen und zahlreichen Einzel- und Ensembleproben) [6] mündete letztlich in einen Verlauf, dessen drei Teile in drei Sälen stattfanden und wie 1959 zwei Realisierungen des Concerto enthielten, im Rahmen dessen u.a. ein von Essl konzipierter, mehrdimensionaler „Einführungsvortrag“ zu erleben war .

Karlheinz Essl: Einführungsvortrag zum CAGE-Projekt 1989

Karlheinz Essl: Skizze zum Einführungsvortrag des CAGE-Projekts 1989


Das Publikum konnte demnach ungewohnte Konstellation erleben. So wurde etwa das von Sitzgelegenheiten weitgehend befreite Auditorium des Großen Saales in einen Aufführungsort verwandelt, an dem das Publikum zwischen den Ensemble-Mitgliedern wandeln und diese aus nächster Nähe beobachten konnte. Die als „integrale Fassung“ (Essl) gedachte zweite Realisierung des Concerto vermittelte wie die erste („für Kammerensemble“) die Idee toleranter musikalischer Koexistenz zeitgleich dargebotener Musik. Ein „[g]emeinsames Abendessen (Rahmchampignon mit Knödeln)“ im Schubert-Saal bot ebenso Gelegenheit zum Begegnung zwischen beteiligten Künstlern und Publikum wie eine abschließende „[o]ffene Diskussion“.

Die Presse begleitete das Projekt zunächst in Vorberichten, sodann in Kritiken weit überwiegend mit Neugierde, Wohlwollen und Anerkennung (sowohl in der Boulevard- wie in der sog. Qualitätspresse [7]). Die Journalisten zeigten sich weit besser informiert, nur mehr vereinzelt wurde Cage als „Scharlatan“ abgetan [8]. Die Entscheidung, im Programmheft Faksimiles von vier Negativkritiken von 1959 abzudrucken, zeigte insofern Konsequenz, als ausnahmslos alle Rezensenten hierauf Bezug nahmen – dies um den Preis, dass die Aufmerksamkeit bzw. die Berichterstattung der Medienvertreter nun wesentlich davon bestimmt war zu beobachten, ob es neuerlich zu einem Skandal kommen könne. Dass es keine drastisch ablehnenden Publikumsreaktionen gab, wurde nur in Nuancen unterschiedlich kommentiert: Stellte sich bei den einen positiv das „Erleben […] schwereloser Anarchie“ (Christian Scheib, „Falter“, 9/1989) und „die Idee von Freiheit, wie sie in der Realität nicht existiert“ (Reinhard Kager, Salzburger Nachrichten, 27.2.1989) ein, so reagierten andere auf die ausgebliebenen Tumulte mit gedämpfter Enttäuschung: „Heute regen Cages geistvolle Provokationen […] niemanden mehr auf“, sodass die angesprochene „integrale Fassung“ „ein wenig zum Mittelding zwischen Happening und Kurkonzert verkam“ (G. Kramer, Die Presse, 27.2.1989). Insgesamt fällt auf, dass das emotionale Barometer, ganz anders als 1959, wenig Bewegung zeigte, was je nach Perspektive positiv als Zeichen gestiegener Toleranz, nicht ganz so positive hingehen als Zeichen von inhaltsresistenter, routinierter Freundlichkeit Routine gedeutet werden kann. (...)


Anmerkungen

[1] So u.a. die Beschriftung auf dem Titelblatt der materialreichen Sammelmappe CAGE-Projekt. Nov. 1987 – Feb. 1989 (Komponistenkollektiv Essl – Ofenbauer – Schedlmayer). Diese Mappe befindet sich im Besitz Karlheinz Essls.

[2] Die Vortexturen wurden im Weiteren von Essl kopiert und den Mitwirkenden zur Verfügung gestellte. Ofenbauer erhielt Metzgers streitbare Texte aus der Hand des Organisten Ingomar Rainer. Vgl. Bericht von Ofenbauer in einem Gespräch mit dem Vf. (Salzburg, 13.3. 2012, Mitschnitt beim Vf.). Die Vortexturen wurden im Weiteren von Essl kopiert und den Mitwirkenden zur Verfügung gestellte.

[3] Karlheinz Essl, „Cage-Projekt. Arbeitsbericht“, in: [Programmheft] „Cage-Projekt“, Wiener Konzerthaus, 25. Februar 1989, S. [4]/[5].

[4] Brief von Essl an Pereira (15.11. 1987), in: Mappe „CAGE-Projekt“.

[5] Brief von Pereira an Essl (30.11. 1987), in: Mappe „CAGE-Projekt“.

[6] Die nummerierten Protokolle 1 – 19 – nur Protokoll 18 scheint verloren – datieren aus der Zeit zwischen 21.11. 1987 („bei Ofenbauer“) und 6. Juni 1988 („bei: Ulf Wallin“), in: Mappe „CAGE-Projekt“. Eben dort finden sich zudem diverse Korrespondenzen und aufschlussreiche Materialien zum Entstehen des „Einführungs-Vortrages“ und zur „Integralen Fassung“ von Cages Concertos, deren Aufführungen gleichermaßen von Zufallsentscheidungen geprägt waren. Ebenso enthalten sind Materialien zu einem am 27.1. 1989 in der Alten Schmiede realisierten, die Hauptveranstaltung vorbereitenden „CAGE-Projekt I“. Bereits 1988 kam es zu einer Begegnung Essls mit Cage, als dieser zu einem von Heinz-Klaus Metzger moderiertem Gesprächskonzert ins Wiener Konzerthaus (25. Mai 1988) kam; vgl. Essl, „STILLE. Eine Begegnung mit John Cage“ (2004)

[7] Vgl. u.a. Meinhard Rüdenauer, „Der Neutöner neue Klänge“, in: Kronen Zeitung (10.2. 1989), Gerhard Rosenthaler, „Produktion und Diskurs zugleich. Cage-Projekt beim Konzerthaus-Festival 'Österreich – heute'“, in: Arbeiter Zeitung (14.2. 1989) oder Monika Mertl, „Schwammerlsuppe inbegriffen“, in: Die Bühne (Februar 1989).

[8] So durch Edwin Baumgartner in seinem Artikel „Des John Cages neue Kleider“, in: Wiener Zeitung (28.21989).


Auszug aus dem Aufsatz Ändern sich die Zeiten? John Cage und die Frage nach einem kulturellen Klimawandel von Wolfgang Gratzer; in: Österreichische Musikzeitschrift 3/2012. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors, der Österreichischen Musikzeitschrift und des Böhlau Verlages.

© 2012 by Böhlau Verlag Wien



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Updated: 20 Jun 2012