Portrait

Karlheinz Essl

STILLE

Begegnung mit John Cage


Dedication from John Cage

Personal dedication by John Cage (1988)
written into Karlheinz Essl's copy of "Silence"
  Im Frühjahr 1988 sollte im Wiener Konzerthaus ein so genanntes Gesprächskonzert mit John Cage stattfinden, um den umstrittenen Komponisten in Wort und Klang dem Publikum zu präsentieren. Ein neueres Werk wollte man dabei zur Aufführung bringen: Music for... in einer Fassung für bunt gemischtes Kammerensemble. Da jedoch keiner der Musiker mit dem Material des Stückes etwas anzufangen wusste, wurde ich gefragt, ob ich bei der Einstudierung behilflich sein könnte.

Mit Freuden sagte ich zu, arbeitete ich zu dieser Zeit bereits an der Vorbereitung zu einem großen CAGE-Projekt, bei dem in allen Sälen des Konzerthauses verschiedenste Fassungen seines Klavierkonzertes gespielt werden sollten. Ich war also vollkommen "on track", und die Aussicht, den Meister höchstpersönlich kennenlernen zu dürfen, erfüllte mich mit großer Freude.

Die Erwartung war groß, als Cage zur Generalprobe erschien: ein stilles, zerbrechliches Männchen im blauen Mao-Jackett; ganz anders, als ich ihn mir aufgrund seiner Texte und seiner Musik vorgestellt hatte. Auch unter den Musikern verbreitete sich eine gewisse Anspannung, denn jeder wollte seine Sache so gut wie möglich machen und sich keine Blöße geben. Unsere Angst war jedoch unbegründet. Cage war äußerst zuvorkommend und freundlich. Kein Wort der Kritik kam über seine Lippen. Gemeinsam mit dem Pianisten vertiefte er sich in die Präparierung des Klaviers, dessen Saiten mit Bogenhaaren angestrichen werden sollten, und gab dazu hilfreiche und kompetente Anweisungen. Bemerkenswerterweise war er aber besonders vom Spiel des Posaunisten beeindruckt, einem bekannten Wiener Philharmoniker und Free Jazzer, der nichts davon hielt, dem akribisch notierten Text genau zu folgen und diesen stattdessen als Improvisationsvorlage benutzte.

Als Moderator für dieses Konzert war Heinz-Klaus Metzger eingeladen worden, der den Abend mit einer spitzfindigen philosophischen Befragung des Materialbegriffs einleitete und nach einer Viertelstunde schließlich den ruhig neben ihm auf der Bühne verweilenden Komponisten die Frage stellte, woher denn eigentlich die Klänge kämen, mit denen er operierte. - Cage war sich offensichtlich der Doppelbödigkeit dieser tiefsinnigen Frage nicht bewusst, denn er gab nach einer kurzen Schrecksekunde nur: "I suppose from the instruments" zur Antwort, was schallendes Gelächter im Publikum zur Folge hatte und den sprachgewandten Theoretiker verstummen ließ. Damit war auch das Gespräch gelaufen, und die Musik begann.


Es war eines der schönsten und berührendsten Konzerte, die ich seit langem gehört hatte: obwohl die einzelnen Stimmen miteinander nicht synchronisiert waren und der Notentext sich Zufallsoperationen verdankte, vermittelte sich mir der Eindruck höchster Gestaltung bei größter Offenheit und Freiheit. Keine Spur von Beliebigkeit oder Langeweile - alles war stimmig und schien seinen Platz zu haben.


Banditengesang "John Cage" © Jack Hauser   Banditengesang "John Cage" © Jack Hauser   Banditengesang "John Cage" © Jack Hauser

Auszüge aus Jack Hausers Banditengesang "John Cage", entstanden während der Probe
zu "Music for..." am 25.05.1988 im Wiener Konzerthaus


Die wohltuende Bescheidenheit, die dieser Mann verbreitete, erlebte ich auch beim Abendessen nach dem Konzert. Da Cage sich ausschließlich makrobiotisch ernährte, gingen wir in ein entsprechendes Restaurant, das paradoxerweise am Wiener Fleischmarkt lag. Unsere Gruppe fiel als lärmende Horde in das Lokal ein und bestellte Kreationen wie "Dreierlei Variationen von Paradeisern" und andere Köstlichkeiten. Nur John Cage saß still auf seinem Eckplatz und studierte betrübt die Speisekarte. "There is nothing that I can eat from this menu", flüsterte er mir zu. Alle Gerichte enthielten Nachtschattengewächse, die er nicht essen konnte. Schließlich holte ich den Koch, der nichts anderes anzubieten hatte als eine Schüssel braunen Reis, die Cage dann auch aß, zusammen mit einem großen Glas Wodka. "To balance Yin and Yang", wie er verschmitzt anmerkte.


John Cage and Karlheinz Essl 1988 in Vienna

Susann Baumgärtel, Käte Wittlich, John Cage, Karlheinz Essl, Thomas Larcher
1010 Wien, Fleischmarkt 22 (25. Mai 1988)


Nach dem Essen begleiteten meine Frau und ich John Cage zu seinem Hotel. Es war spät in der Nacht und kaum Verkehr auf der Wiener Ringstraße. Eine Fußgängerampel zeigte rot und ich blieb stehen. Cage wollte weitergehen, aber ich hielt ihn zurück. Er wandte sich freundlich zu mir und fragte: "Why did you stop? There is no car coming." Beschämt wurde mit mit einem Mal klar, dass dieses Verbot in einem Moment, in dem sich weit und breit kein Auto sehen ließ, vollkommen sinnlos war.

John Cages Bescheidenheit und Demut – als gelebter Ausdruck seines Konzepts der Stille – standen in eklatantem Widerspruch zu dem, was sich im öffentlichen Diskurs um seine Person herum aufgebaut hatte. Stille war bei Cage keine Attitüde oder kämpferische Antithese (wie bei manchen seiner Exegeten), sondern absichtslose Realität. So wie er die Klänge zu sich selbst kommen ließ, "ohne sie für Gefühle oder Ordnungsvorstellungen zu missbrauchen", so lebte er dies mit jeder Faser seines Lebens.

© 2004-2012 by Karlheinz Essl


in: Katalog des Festivals Rainy Days 2012 - Good Luck, hrsg. von Bernhard Günther, Philharmonie Luxembourg 2012

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Updated: 9 Jul 2016