Portrait

Karlheinz Essl

Laudatio auf Friedrich Cerha

Anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der AKM
16. März 2017


Friedrich Cerha, 1926 in Wien geboren, stammt aus einfachen Verhältnissen. Schon früh lassen sich bei ihm zwei charakteristische Eigenschaften beobachten: eine ungezügelte Neugier und eine widerständige, unangepasste Haltung, die gern infrage stellt.

Seine Neugier trieb ihn schon als Kind hinaus auf die Gassen, wo er Erzählungen zufolge mit „Zigeunern” musizierte. Sein Instrument, die Geige, lernte er seit frühester Kindheit und entwickelte sich zu einem hervorragenden Musiker, der in allen Genres zu Hause war.

Die bittere Erfahrung des Austrofaschismus und des Zweiten Weltkrieges formten ihn zu einem Menschen, der jeglicher Obrigkeit misstraut und eine Abneigung gegen Gruppen jeglicher Art hat. Dies wurde auch durch seinen Vater bestärkt, der dem jungen Fritz einmal drastisch vor Augen führte, „was Menschen Menschen antun können”. Am Ende des Krieges erlebte er eine aufreibende und lebensgefährliche Odysee. Mit aller zu Gebote stehenden List schlug sich der junge Deserteur zu Fuß von Göttingen bis nach Tirol durch, wo er schließlich als Hüttenwirt untertauchte. Das Erlebnis dieser Wanderschaft und der Bergwelt haben Spuren hinterlassen, die auch in seiner Musik zu finden sind.

In den grauen Nachkriegsjahren studierte er an der Wiener Musikakademie Geige und Komposition, nahm Privatunterricht beim Schönbergschüler Josef Polnauer und promovierte 1950 in Germanistik an der Universität Wien. Über Vermittlung von Karl Schiske (dessen Schüler er aber nie gewesen ist) reiste er 1956 gemeinsam mit Kurt Schwertsik und Lothar Knessl nach Darmstadt, dem Mekka der Neuen Musik. Auf diesen Sommerkursen lernte er gleichaltrige Komponisten aus ganz Europa wie Luigi Nono, Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen kennen. Deren kühne Ideen eines musikalischen Neuanfangs durch radikale Neustrukturierung des kompositorischen Materials befremdeten ihn jedoch. Cerha, der über Polnauer auch Weberns Musik aus erster Hand kennengelernt hatte, wusste nur zu gut, dass Webern bei aller Konstruktion und Abstraktion fest in der Tradition verwurzelt war und sich als Nachfolger von Bach und Beethoven verstand. In Darmstadt jedoch wurde dieser Zusammenhang „net amal ignoriert”. Stattdessen implementierte man dort ein strenges serielles Regiment, welchem Cerha große Skepsis entgegenbrachte. Gleichwohl hat er sich jenen avantgardistischen Ideen nicht gänzlich verschlossen, sondern diese in sein kompositorisches Denken integriert, ohne jedoch seinen musikantischen Impetus aufzugeben.

Mit diesen Erfahrungen kehrte Cerha nach Wien zurück. Das Musikleben dort war trist und ebenso grau wie die zerbombte Stadt. Gemeinsam mit Kurt Schwertsik gründete er 1958 mit dem Ensemble „die reihe” eine Plattform zur Präsentation verschütteter, neuer und neuester Musik. Auf der Suche nach Geldquellen sah er sich gezwungen, den mühseligen Marsch durch die Institutionen anzutreten. Als er schließlich bei einem Wiener Ministerialrat vorstellig wurde empfahl dieser ihm, besser ins Ausland zu gehen, er sei ja begabt. Und überhaupt könne ja nicht jeder „Würstelverkäufer” daherkommen…

Ungeachtet dieser Rückschläge eroberte sich das neugegründete Ensemble rasch einen festen Platz im Wiener Musikleben. Die legendäre Aufführung des Klavierkonzertes von John Cage 1959 im Wiener Konzerthaus artete zu einem Skandal aus, der die Zeitungen nachhaltig beschäftigte. Doch Cerha ließ sich davon nicht abschrecken sondern ging - unbeirrt - seinen Weg weiter. Bis heute.

Als Komponist hat Friedrich Cerha in allen Sujets gearbeitet: Oper, Orchester, Ensemble, Kammer- und Vokalmusik, Solostücke… Zum Streichquartett kam er erst spät, obwohl er als Komponist und Kammermusiker bestens mit dieser Gattung vertraut war. Die Bürde der Tradition stellte ein unüberwindliches Hindernis dar, das erst umschifft werden konnte, als er außereuropäische Musikkonzepte - wie die Polyrhythmik der Papua aus Neu-Guinea bzw. die Melodik der arabischen „maqam” - zum kompositorischen Ausgangspunkt machte.

Ja, sogar im Bereich der elektronischen Musik hat Cerha gearbeitet: das radiophone Hörstück Und du… (auf einen Text von Günther Anders) neben zwei anderen Kompositionen „kabarettistischen Charakters” (mit Husten bzw. Niesen als Ausgangsmaterial), die verloren gegangen sind. Cerha war damals Leiter des von Karl Schiske initiierten Studios für Elektronische Musik an der Wiener Musikakademie. Zu etlichen seiner Spiegel gibt es elektronische Zuspielbänder, die er gemeinsam mit Hellmut Gottwald realisiert hat. Dafür verwendeten die beiden das selbstgebastelte AKAPHON, das von außen zwar wie ein Pianino aussieht, im Inneren aber vollgepackt mit elektronischen Schaltkreisen ist. Es kann heute im Technischen Museum in Wien bestaunt werden. 2006 durfte ich mit Cerha den noch fehlenden elektronischen Part zu Spiegel III in meinem Studio realisieren. Tagelang haben wir über der Partitur gebrütet, in der minuziös alle Klangparameter der Elektronik verzeichnet sind, und diese schließlich mithilfe eines selbstgeschriebenen Computerprogramms zum Klingen gebracht.

Für mich als jungen Kompositionstudenten waren Cerhas Spiegel ein schier unerschöpflicher Quell der Inspiration. In diesen monumentalen Orchesterstücken entdeckte ich eine Verbindung zur elektronischen Musik, die mich seit jeher faszinierte. In sog. „Hearings” traf sich nächtens ein eingeschworener Freundeskreis in den Studios der Rienößlgasse, um Cerhas Musik über richtig gute Lautsprecher anzuhören und anschließend erregt darüber zu diskutieren - begleitet von seinen Partituren, deren eindrucksvolle Größe alle Formate sprengte. Seine Mouvements (gewissermassen Vorstudien der Spiegel) habe ich unlängts in meinem Unterricht verwendet um zu zeigen, mit wie wenig Material wie viel Musik gestaltet werden kann.


Friedrich Cerha und Karlheinz Essl (Donau-Universität Krems, 13 Feb 2016)

Friedrich Cerha und Karlheinz Essl
Donau-Universität Krems, 13 Feb 2016


Als ich 1983 Cerhas wohl letzter Kompositionsstudent wurde, hat er meine musikalische Welt zum Einsturz gebracht. Mein Interesse an strengen Formen, Kontrapunktik und Hindemith hat er mit einem einzigen Handstreich vom Tisch gewischt und mich ermutigt, die Musik der Wiener Schule zu studieren, die ich damals - ideologisch fundiert - strikt abgelehnt hatte. In diesem Jahr wurde auch Anton Weberns 100. Geburtstag gefeiert. Nach dem Unterricht hatte mich Cerha aufgefordert, ihn ins Konzerthaus zu begleiten, wo u.a. Weberns Orchesterstücke op. 6 gespielt wurden. Diese Musik hat mich zutiefst erschüttert. Ich erkannte, dass ich kompositorisch von Neuem beginnen musste. So begann ich mich intensiv mit der Wiener Schule zu beschäftigen und dissertierte 1989 über Anton Webern. Parallel dazu setzte ich mich mit dem Serialismus auseinander und schrieb meine ersten Computerprogramme, die ich beim Komponieren einsetzte. All das verdanke ich Friedrich Cerha, ohne den ich jetzt sicher nicht hier vor Ihnen stünde.

Für junge KomponistInnen gab es damals kaum Aufführungsmöglichkeiten in Wien. Als Friedrich Cerha 1986 den Großen Österreichischen Staatspreis erhielt, stiftete er das Preisgeld dem Wiener Konzerthaus für das Festival „Österreich heute”, das zu einer wichtigen Plattform für aktuelle und junge Musik wurde. Im Rahmen dieses Festivals durften drei Cerha-Schüler (Christian Ofenbauer, Christian Schedlmayer und ich) 1989 ein „re-enactment” der legendären Aufführung des Cage’schen Klavierkonzerts inszenieren. Wiederum mit dem Ensemble „die reihe”, diesmal aber ausgedehnt auf alle Säle des Konzerthauses mit anschließendem Schwammerlessen, das Alexander Pereira ausrichtete.

Nicht nur als Komponist, sondern auch als Dirigent hat Cerha sich international einen Namen gemacht. Seine Probenarbeit war gleichermaßen geschätzt wie gefürchtet, weil er in seiner unerschütterlichen Genauigkeit keine 99% tolerierte und deshalb zum „Pitzeln” neigte. Seine Einspielungen von Klassikern der Moderne bis hin zu Ligeti und Haas sind legendär und haben Standards gesetzt. Und als Herausgeber Alter Musik für die bei Doblinger erscheinenden Reihe „Diletto Musicale” hat er so manche Kostbarkeit vor dem Vergessen und Verstauben in den Archiven bewahrt.

Weniger bekannt ist, dass Friedrich Cerha, der Zeit seines Leben in engstem Austausch mit Malern und Bildhauern wie Karl Prantl stand, seit den 1950er Jahren auch als bildender Künstler tätig ist. Seine Arbeiten entstanden ganz im Stillen, nur für sich selbst, ohne Interesse auf Veröffentlichung. Erst letztes Jahr, zu seinem 90. Geburtstag, trat er damit an die Öffentlichkeit und verblüffte die Kunstwelt. Das Adolf Frohner-Forum in Krems zeigte einen Teil seiner 900 Arbeiten: zumeist Assemblagen aus Fundstücken, die Cerha aufgelesen hat, wenn er offenen Auges durch Wald und Flur streifte. Er, dem das Basteln eigentlich suspekt ist (ich erinnere mich an seine abfälligen Bemerkungen zu den elektronischen Elaboraten der von ihm so titulierten „Wiener Werkstätten”), montiert seine objet trouvés spielerisch zu ästhetischen Gebilden, die noch am ehesten Berührungspunkte zur Art brut aufweisen: Kunst ohne Bezugssystem, wie aus der Zeit gefallen. Frei und autonom.


Friedrich Cerha und Dieter Ronte im Gespräch
Eröffnung von Cerhas Ausstellung Sequenz & Polyvalenz (Forum Frohner Krems, 13.2.2016)
Video: Karlheinz Essl


Friedrich Cerha hat im Laufe seines langen Komponistenlebens zahlreiche hochdotierte Auszeichnungen erhalten. Neben dem bereits erwähnten Großen Österreichischen Staatspreis bekam er 2006 den Goldenen Löwen der Musik-Biennale Venedig für sein Lebenswerk. 2012 wurde ihm der Ernst-von-Siemens Musikpreis zuerkannt. Dieser durchaus erfreuliche Umstand stellt für manche jedoch ein ernsthaftes Problem dar: Cerha gilt als „ausdekoriert”, wie dies Landeshauptmann Erwin Pröll bei dessen 90. Geburtstag verlegen anmerkte. Freuen wir uns aber umso mehr, dass dennoch eine einzige Auszeichnung übrig geblieben ist, mit der unlängst auch Johann Hölzel alias „Falco” posthum ausgezeichnet wurde: die Ehrenmitgliedschaft der Österreichischen Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger - kurz AKM - die am heutigen Tag Friedrich Cerha verliehen wird. Herzlichen Glückwunsch, lieber Fritz!


Festrede, gehalten am 16. März 2017 im Wotrubasaal des Wiener Konzerthauses
© 2017 by Karlheinz Essl



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Updated: 16 Mar 2017