Portrait

Karlheinz Essl

Komponieren im Cyberspace

1998



English version


Das Arbeitsfeld des Künstlers spiegelt zu allen Zeiten die jeweiligen gesellschaftlichen und technologischen Zustände wider. Durch die rasante Entwicklung und die Verfügbarkeit neuer Technologien und Informationsstrukturen verändert sich auch der Schaffensbereich des Komponisten: ein Umbruch zeichnet sich ab.
An Hand der eigenen kompositorischen Arbeit soll diese Veränderung an Hand einiger konkreter Beispiele aufgezeigt werden. Sie beleuchten exemplarische Ausschnitte eines erweiterten Arbeitsfeldes, das sich vom vielbeschworenen "Elfenbeinturm" zu distanzieren versucht.


Dokumentation / Kommunikation

Durch die Dokumentation des jeweiligen Standes der künstlerischen Arbeit und der Reflexion darüber auf einer Website mutiert der hermetische Vorgang des Komponierens "in splendid isolation" zu einem transparenten Prozess, der für jeden einsichtig ist.

Die dem World-Wide Web zugrundeliegende Seitenbeschreibungssprache HTML erlaubt es, Dokumente durch Verweise (sog. Links) miteinander zu verbinden. Dies ermöglicht eine multidimensionale Form der Informationsvernetzung, die sich zudem jederzeit verändern und erweitern läßt. Der starre Korpus des einst im Druck kodifizierten und nachträglich nicht mehr modifizierbaren Textes wird dadurch zu einem Fluidum. Dank der Hyperlinks mag er über seine eigene Beschränktheit hinausweisen: nicht nur auf andere Texte (wie Kommentare, Ergänzungen, Kritiken, Reflexionen, Thesauri etc.) sondern auch auf Bilder und Klänge. Damit lassen sich komplexe Projekte von ihrem Anbeginn multimedial dokumentieren, wie zum Beispiel das work-in-progress fLOW (1998/99):

Dabei handelt es sich um ein Performance-Projekt, das auf einer echtzeitgenerierten Klanginstallation basiert und zwischen 1998 und 1999 eine Vielzahl von Aufführungen erlebt: in unterschiedlichsten Orten (Museum, Galerie, Konzertsaal, Bar, Radiostation, Schwimmbad, Kirche) mit verschiedensten Musikern aus den Bereichen Neue Musik, freie Improvisation, Jazz, Rock und elektronische Musik. Jede Aufführung wird speziell für den jeweiligen Ort mit seinem immanenten sozio-kulturellen Kontext konzipiert und entsteht oftmals in einer via Internet ausgetragenen Diskussion mit den daran beteiligten Musikern. Der jeweilige Stand des Projektes läßt sich im WWW ablesen und dient nicht nur den mitarbeitenden Künstlern, sondern auch einer interessierten Öffentlichkeit als Präsentation des status quo. Eingebundene Klangbeispiele (im RealAudio-Format) sowie Photos von Innenräumen bzw. bereits stattgefundenen Aufführungen erfüllen einerseits den Zweck der Dokumentation post festum, dienen aber auch der Information für die oftmals im Ausland lebenden Künstler, die sich dadurch erst einen ersten Eindruck verschaffen können.

Ein im Rahmen dieses Projektes entwickelter und in JavaScript implementierter Textgenerator namens Playing Strategies (1998) erzeugt bei jedem Seitenaufruf einen zufallsgenerierten Dreizeiler.



Diese oftmals kryptische Anweisungen sollen zur kreativen Interpretation herausfordern und dienen den mitgestaltenden Musikern als mentale Vorbereitung zur Hinterfragung (und - womöglich - zur Überwindung) verinnerlichten Spielverhaltens und eingelernter Improvisationsklischees.


Komposition durch Kooperation

An Stelle geschlossener Werke (die als Partituren vorliegen) treten offene Prozesse und Versuchsanordungen, in die andere Musiker und Komponisten interaktiv eingebunden werden. So wäre beispielsweise das "work-in-progress" Amazing Maze (1996 ff.) für Computer und Live-Musiker ohne das Internet undenkbar.

Ursprünglich war dieses Stück als echtzeitgenerierte Klanginstallation konzipiert und wurde in dieser Form beim NEMO '96 Festival in Chicago eingereicht. Ohne meine Einflußnahme nahm die weitere Entwicklung eine ungeahnte Wendung. Der Kurator des Festivals, der Komponist R. Albert Falesch, reagierte in berührender Weise, indem er mir anbot, die Komposition selbst zur Uraufführung zu bringen. Er sah in darin nicht bloß eine Musikinstallation, sondern vielmehr ein Instrument, mit dem sich - zusammen mit Live-Instrumentalisten - trefflich musizieren ließ. Dies bot den Anstoß für eine Kette von spannenden Metamorphosen: in einem intensiven (über E-Mail ausgetragenen) Diskurs entwickelten wir gemeinsame Strategien zur Aufführung, was schließlich in der verbalen Beschreibung eines dramaturgischen Verlaufs gipfelte. In dieser Form wurde "Amazing Maze" am 6. 5. 1996 gemeinsam mit dem Baßklarinettisten Gene Coleman in der Public Library in Chicago aus der Taufe gehoben.

In der Folge veröffentlichte ich das Stück - als Computerprogramm und einer eigenen Webpage - im Internet und kam dadurch in Kontakt mit dem amerikanischen Cellisten Jeffrey Krieger. In seinen Soloperformances verwendet er ein eigens für ihn gebautes elektrisches Cello, mit Hilfe dessen er in Zwiesprache mit dem Computerprogramm treten wollte. Dies führte neben einschneidenden strukturellen Veränderung auch zu einer Erweiterung des Klangmaterials: gemäß meinen Angaben nahm Krieger einen ganzen Katalog von Celloklängen auf, der in das Programm integriert wurde.

Schließlich mutierte das ursprüngliche Konzept einer autopoietischen Kompositionsmaschine zu einem computerbasierten elektronischen Musikinstrument namens m@ze°2, das ich in Soloperformances und Improvisationen selbst spiele.


webArt

Der Cyberspace selbst wird zum Terrain einer sich neu herausbildenden Kunstform (webArt), welche die technologischen, formalen und inhaltlichen Möglichkeiten (aber auch Begrenzungen) des Webs in einer völlig neuartigen Weise mit Inhalten erfüllt, ohne die simple Übertragung eines alten Mediums in ein neues zu betreiben. In diesem Bereich verschwimmen auch die Grenzen zwischen den einzelnen Kunstformen. Darüber hinaus bietet sich hier die Zusammenarbeit mit KünstlerInnen aus anderen Sparten an, wie etwa in der multi-medialen Web-Installation MindShipMind (1996-98), die gemeinsam mit der kalifornischen Videokünstlerin Vibeke Sørensen entstand.

Erste Vorarbeiten dazu entstanden 1996 in Kopenhagen während eines 3wöchigen interdisziplinären Symposions zum Themenkomplex "Order, Beauty and Complexitiy", zu dem 35 Wissenschaftler und Künstler aus der ganzen Welt eingeladen waren. Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Ansätze in ihren divergierenden sprachlichen Formulierungen wurden von uns gesammelt und mittels Zufallsoperationen (basierend auf der Transformation mehrdimensionaler Markov-Ketten) durcheinander gemischt und neu zusammengesetzt. Dadurch konnten wir das rein Faktische zugunsten von neuen, nicht-intendierten Textkonglomeraten auflösen, in denen sich die verschiedenen Texte streng nach grammatikalischen Regeln durchdrangen. Die Resultate erscheinen grammatikalisch zwar korrekt, inhaltlich aber oft abstrus und nebulös. Der Betrachter wird damit konfrontiert und aufgefordert, ganz im Sinne des Radikalen Konstruktivismus einen individuellen "Sinn" darin zu erkennen.

Innerhalb von zwei Jahren entwickelte sich via E-Mail und WWW eine in Perl implementierte multimediale Web-Installation, deren strukturelle Inhalte (Text, Layout, Graphiken, Musik, Computersprache) bei jedem Seitenaufruf mittels Zufallsoperationen neu zusammengesetzt werden: ein unendliches "Buch", zu dessen Entstehung auch der in Berlin lebende Literaturwissenschaftler Florian Cramer (Perl-Programmierung) und der in Quebec beheimatete Literat und Graphikdesigner Joseph Jean Rolland Dubé (Piktogramme) beitrugen. Die Kommunikation zwischen Wien, San Diego, Berlin und Quebec fand naturgemäß über das Netz statt; als gemeinsamer Bezugspunkt fungierte allein eine Webpage, die sich im Laufe der Zeit ständig veränderte und schließlich 1997 bei der ISEA in Chicago präsentiert wurde.


Web-basierte Musiknotationen

Neben Partituren, die traditionell über Verlage distribuiert werden, entwickelte ich in Champ d'Action (1998) für computer-gesteuertes Ensemble eine neuartige Form fluider und interaktiver musikalischer Notation.

Champ d'Action (auf deutsch etwa "Aktionsfeld") basiert auf 8 charakteristischen kompositorischen Strukturtypen, die als Modelle definiert sind. Durch Veränderung der Modellparameter - von einem Dirigenten via Computer während der Aufführung gesteuert - lassen sich daraus unterschiedlichste Varianten erzeugen, die von den Musikern improvisando in Klang umgesetzt werden.


Dieses Notationprinzip ist mit dem traditionellen Konzept von Notenproduktion und -vertrieb nicht kompatibel und existiert daher einzig und allein im Internet: Das Stück kann als Macintosh-Software aus dem Internet heruntergeladen werden; darüber hinaus gibt es auch eine in JavaScript implementierte Fassung, die plattformunabhängig mit jedem Web-Browser angezeigt werden kann.


Echtzeitgenerierte Musik im Web

Meine generelle Absicht, geschlossenen Werken offene Prozesse entgegenzusetzen, findet seine adäquate Konkretisierung in einer radikalen Methode: das musikalische Werk existiert nun nicht mehr als interpretier- und reproduzierbare Code (sei es als gedruckte Partitur oder gespeicherter Klang), sondern einzig und allein als Software. Diese generiert im Moment der Aufführung eine jeweils neue Variante des "Meta-Modells" in Echtzeit. Der Generierungsprozess kann entweder automatisch und autonom ablaufen, oder durch Veränderung der Systemparameter gesteuert werden. Durch Einsatz geeigneter Kontrollmöglichkeiten (Interfaces) wird das Computerprogramm schließlich zu einem Instrument. Dieser Vorgang läßt sich auch ins Internet übertragen, wo statt des bloßen Abspielens konservierter Klangdateien echtzeitgenerierte Musikformen erscheinen.

Ein Paradebeispiel dafür ist die unendliche Lexikon-Sonate (1992 ff.) für computer-gesteuertes Klavier. Dieses "work-in-progress" nahm seinen Ursprung als musikalischer Kommentar zu Andreas Okopenkos Lexikon-Roman (1970) - einem der ersten literarischen Hypertexte. Es existiert einzig als Computerprogramm, das in Echtzeit Klaviermusik komponiert und ohne jegliche spieltechnische Einschränkungen auf einem akustischen Player-Piano oder einem Synthesizer spielt. Jede Aufführung des Stückes ist einmalig und läßt sich nicht wiederholen.

Das Programm ist als Freeware für Apple Macintosh Rechner im Netz erhältlich. Es fristet auf ungezählten Festplatten und ftp-Servern eine autonome Existenz, die völlig der Kontrolle ihres Urhebers entzogen ist und auch von anderen Komponisten als Generator für musikalische Strukturen eingesetzt wird. Daneben aber gibt es auch spezielle Web-Versionen, die für HTML-Browser optimiert wurden und es erlauben, interaktiv in den Generierungsprozeß der Musik einzugreifen.


Zuletzt seien noch zwei engagierte Projekte erwähnt: der von Maurice Methot und Hector LaPlante (Southern Illinois University, Carbondale) betriebene Algorithmic Music Stream - eine Website, ausschließlich echtzeitgenerierter Musik gewidmet, die via RealAudio live ins Internet eingespielt wird.

Und nicht zu vergessen das von Heidi Grundmann gestaltete KUNSTRADIO des Österreichischen Rundfunks, das international ein Vorreiterrolle in seinem künstlerischen Umgang mit den Neuen Medien einnimmt. Diese wöchentlich stattfindende Radiosendung mit beeindruckender Website verbindet neue Informationstechnologien mit ambitionierten Kunstprojekten und hat sich vor allem mit der Durchführung interaktiver und medienüberschreitender Projekte einen Namen gemacht. Jede Sendung wird auf UKW ("on the air") und im Internet (als sog. WebCast) übertragen und beschränkt sich nicht allein auf das Abspielen von vorproduzierter Sendungen: manche in diesem Text beschriebenen Projekte wurden im KUNSTRADIO als Live-Event aufgeführt, wo den Zuhörern die Möglichkeit gegeben wurde, via Telefon bzw. Internet das Geschehen auf der Bühne zu beeinflußen.


Article for the Proceedings of the EU-conference "Cultural Competence. New Technologies, Culture & Employment" (Linz, Oct 1-3 1998). - Basis for a lecture at the symposion KlangArt 99: "Global Village - Global Brain - Global Music" (Osnabrück, 9-13 June 1999).



Kritiken

Der Wiener Komponist Karlheinz Essl demonstriert anhand seiner eigenen Praxis, wie die Bedingungen der Möglichkeit zeitgenössischen kreativen Schaffens sich durch Einsatz der Kommunikationstechnologien grundlegend geändert haben. Womit der von manchen Experten prolongierte Dualismus von hoher und niederer Kultur ganz einfach durch eine andere Praxis ad absurdum geführt wurde. Die neuen Technologien ermöglichen auch kleinen Projekten, jenseits des Imperativs vom Markterfolg ihre eigene Kultur zu realisieren: kulturelle Praxis in elektronischen Netzwerken.
Frank Hartmann: Kultur im Zeitalter ihrer 'elektronischen Herausforderung'; in: Telepolis (6.10.1998)


Essl bzw. seine Arbeit hätte sicher mehr verdient, als nur diesen kurzen Hinweis. Denn entgegen sonstiger Pseudo-Versuche einer "virtuellen Musik" (man denke an die unsägliche "Internet-Symphonie" einiger Herren), gelingt es dem Komponisten an vorderster Stelle neue Möglichkeiten einer "Musik im Netz" aufzuspüren, auszuloten und zur Verfügung zu stellen. In seiner Lexikon-Sonate etwa gelingt ihm mittels aufwendiger Programmierung "on the fly" eine immer neue Klaviermusik erfinden zu lassen, die dem Hörer binnen Sekunden zu Gehör gebracht wird. Essl sucht das "Kunstwerke in Bewegung", das den Besucher via Telefonleitung einlädt, gemeinsam mit ihrem "Hervorbringer das Werk zu machen". Er ist damit Pionier und zugleich Kreativster bei der Umsetzung in die digitale Realität. Seine Events, bei denen beliebige User von heimischen PC aus Einfluß auf die Musik des Live-Konzerts nehmen können, sind schon nachgerade legendär. Er hätte wirklich einen eigenen Artikel verdient.
Andreas Heck: Link-Tips; in: Neue Musikzeitung (März 1999)



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Updated: 21 Sep 2016