Portrait
Karlheinz Essl

Darmstadt in den 90er Jahren?


An der Einzigartigkeit der Ferienkurse kann nicht gezweifelt werden: Darmstadt war und ist das einzige internationale Forum für die Auseinandersetzung mit aktuellen kompositorischen Fragen. So soll es auch weiterhin sein, wobei ich einem grundsätzlichen Pluralismus das Wort reden möchte, sowohl was die Zusammenstellung des Komponistenforums als auch die Art und Weise des Diskurses betrifft.

Es geht mir in erster Linie um vielschichtigere und tiefergründige Auseinandersetzungen als ich es heuer - erstmals zu den Ferienkursen eingeladen - erlebt habe. Wichtiger als die einzelnen Ansätze der verschiedenen Komponisten erscheint mir eine globalere theoretische Reflexion, die von den Komponisten - sofern sie über sich selbst sprechen - nicht geleistet werden kann; sieht doch ein jeder die Welt durch die eigene Brille. Diese Aufgabe fiele einem Ästhetik-Kolloqium zu - für mich eine der wichtigsten Veranstaltungen der diesjährigen Ferienkurse -, wo unter der Leitung junger Musikwissenschaftler über die Standpunkte der referierenden Komponisten verhandelt wurde, auch - oder: gerade - in bewußtem Widerspruch zu deren Exegesen. Dadurch können neue Aspekte hervortreten, größere Zusammenhänge erschlossen werden. Nicht aus dem beziehungslosen Nebeneinander differierender Meinungen, sondern erst durch eine forcierte Auseinandersetzung kann fruchtbares Spannungspotential gezogen werden und eine lebendige Diskussion entstehen. Andernfalls verkämen die Ferienkurse zu eine billigen Ideenbörse, einer Plattform für Selbstdarstellungen. Warum also nicht Musikwissenschaftler wie Gianmario Borio, Ulrich Mosch, Regina Busch, Reinhard Kapp, Elena Ungeheuer und Christian Scheib zu den nächsten Ferienkursen einladen, um das Spektrum zu verbreitern?


Karlheinz Essl während seiner Lecture bei den Darmstädter Ferienkursen 1990

Karlheinz Essl während seiner Lecture Klangkomposition und Systemtheorie
Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, 16. Juli 1990


Keineswegs aber soll die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Stand des Komponierens nur auf theoretischer Ebene stattfinden. In einem öffentlichen Interpretations-Workshop könnten internationale Spitzenensembles (wie das Ensemble Modern unter der Leitung von Peter Eötvös) gemeinsam mit den Komponisten ihre Werke einstudieren, zumal dies die seltene Möglichkeit eröffnet, Stücke mehrmals zu hören und den Prozeß ihrer akustischen Gestaltwerdung zu erfahren. Fragen zur Aufführungspraxis, Spieltechnik, Notation etc. ließen sich direkt vor Ort diskutieren. Eine unmittelbare, fruchtbare Kommunikation zwischen Komponisten, Instrumentalisten und Dirigenten - wie sie im Musikbetrieb oftmals nicht möglich ist - könnte so entstehen.

Um die Kontinuität des Diskurses zu gewährleisten, müßten die Kurse jährlich stattfinden. Ich halte es schlichtweg für einen Skandal, daß die Darmstädter Beiträge nicht rechtzeitig erscheinen. Eine Verspätung um acht (!) Jahre, wie sie momentan der Fall ist, degradiert diese wichtige Publikationsreihe zu einem bloßen historischen Dokument und beraubt sie der Möglichkeit, den jeweils aktuellen Stand der Diskussion zu präsentieren.


In: MusikTexte., Nr. 35, hrsg. von Reinhard Öhlschlägel, Ulrich Dibelius et. al. (Köln 1990)



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Updated: 30 Jul 2007