Portrait

Patrick Hahn

Digitale Paradiese

Karlheinz Essl über seine generativen Kompositionen


Rasant hat sich die Rolle des Computers in den vergangenen Jahren gewandelt. Längst ist er nicht bloß Wunschmaschine und Arbeitsinstrument – er ist zum Alltagsbegleiter geworden. Selbst die klassische Musik hat sich ihren Ort in den digitalen Paradiesen zwischen Pangaea Island und Youtube erobert. Sind die künstlichen Paradiese, die sich in Computerspielen und im weltweiten Netz eröffnen aber auch ein Ort für elektronische Musik? Welche neuen Vertriebs- und Produktionswege hält das Internet bereit? Eine Entdeckungsreise mit Programmierern und Komponisten, Smartphones und Konsolen, Apps und Patches. Mit reaktiver und interaktiver Musik, Programmen und Clips u.a. von Johannes Kreidler, Wolfgang Mitterer, Koji Kondo, Truls Brun Folmann, Inon Zur, Dynamedion, Garry Schyman, Rockstar North, Tetsuya Mizuguchi, Kenichi Sugiyama, Oval, Karlheinz Essl, Gunter Geiger, Frank Barknecht.

Statements und Gesprächsausschnitte von Michael Breidenbrücker, Tomas Neumann, Bobby Svalov, Tilmann Sillescu, Brian Eno, Karlheinz Essl, Frank Barknecht.


(...) Auch auf einem weniger anwenderbezogenen Feld als der Spielindustrie beschäftigen sich Komponisten mit generativen Strukturen und Systemen. Eine Fundgrube von kleinen Programmen, die im spielerischen Heimgebrauch eine Annäherung an dieses Themenfeld erlauben, ist die Homepage des österreichischen Komponisten Karlheinz Essl. Hier kann man sich von einem WebernUhrWerk mit der letzten Zwölftonreihe, die der Komponist vor seinem Tod durch die Kugel eines GI's verfaßt hat, Zeit ansagen lassen, selbstverständlich in immer neuen Permutationen. Mit dem FontanaMixer kann man am eigenen Rechner, ob daheim oder unterwegs im Café, eigene Echtzeitrealisationen von John Cages Tonbandstück "Fontana Mix" erstellen.

Karlheinz Essl stellt seine Programme online gratis zur Verfügung.

Karlheinz Essl: "Ich habe sie im Grunde für mich geschrieben, weil ich als Komponist vor dem Problem gestanden bin, dass ich zwar Werkzeuge auf einem technischen Niveau bekomme, aber nicht auf einem künstlerisch-kompositorischen. Ich bin draufgekommen, dass es viele Methoden, Algorithmen und Verfahrensweisen gibt, mit denen ich ständig arbeite, aber bislang noch nicht als Software implementiert worden sind. Deswegen habe ich gemeinsam mit meinem Freund Gerhard Eckel (der damals auch am IRCAM gearbeitet hat) 1992 begonnen, eine Softwarebibliothek für Max - die sogennante RTC-lib (Realtime Composition Library) zu entwickeln, wo wir all diese Dinge, die mit Max noch nicht möglich waren, selber geschrieben haben. Und dann habe ich mir gedacht, es wäre doch sicher sinnvoll, wenn das auch andere auch weiter benutzen können, naoch dazu, weil Leute aus meinem Kollegenkreis sowie meinen Studenten damit arbeiten wollten."

Ein Großteil der Arbeit an diesen Programmen ist in die Lexikon-Sonate eingeflossen, ein work-in-progress, an dem Essl seit 1992 arbeitet. Die Lexikon-Sonate ist inspiriert von dem Lexikon-Roman des austro-slowakischen Schriftstellers Andreas Okopenko, einem der allerersten Hypertext-Romane. Für eine Multimedia-Installation zum Lexikon-Roman entwickelte Essl eine erste Version des Computerprogramms, das gleichzeitig den Text uns seine - musikalische - Interpretation generiert.


Lexikon-Sonate (1992 ff.)
Live performance on a Yamaha Disklavier
University of Toronto, Dept. of Music Walter Hall (10 Mar 1998)

Download mp3 (6:41, 7.7 MB)


Karlheinz Essl: "Meine Philosophie ist, dass der Komponist heutzutage nicht bloß ein User ist, der sich Software kauft oder klaut, sondern dass er sich seine eigenen Ideen in Form von Computerprogrammen implementiert. Das ist auch eine Form des Denkens. In der Lexikon-Sonate bildet die Struktur meiner Software den gesamten gedanklichen und künstlerischen Kontext ab, und stellt damit die Komposition dar. Es ist ganz ähnlich wie bei einer Beethoven-Partitur. Was ist hier die Komposition? Ich denke, nicht das, was erklingt - dies ist nur die Interpretation. Das Stück selbst ist als Partitur notiert und wird durch diese repräsentiert. Und im Falle der Lexikon-Sonate ist diess Werk in Form eines Computerprogrammes kodifiziert. Und es gibt Millionen und Abermillionen von verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten, die aus dem Programm heraus kommen und das Stück in seinen vielfältigen Facetten zeigen. Aber das Stück selbst ist im Kern eine Komposition in Form eines Computerprogrammes."


Lexikon-Sonate (1992 ff.)
Demo version, using Quicktime sounds
Created by Tomas Nygren using vs. 3.3 (23 Dec 2009)

Download mp3 (19:14, 26 MB)


Karlheinz Essls Pionierarbeit auf dem Gebiet der algorithmischen Komposition hat inzwischen den Weg zurück in die Alltagskultur gefunden. Funktionen, die er und andere entwickelt haben tragen inzwischen viele jeden Tag auf Ihrem iPods und iPhones mit sich herum, zum Beispiel in der Anwendung RjDj. Dies ist eine von vielen tausends Apps, die findige Entwickler für Smartphones wie das iPhone, Palm Pre oder das sog. Google-Handy programmiert haben. RjDj ist aber auch zugleich der Versuch, ein neues Musikgenre zu etablieren. (...)


WDR3   open: Studio Elektronischer Musik
Sendung von Patrick E. Hahn
Erstsendung: 13.02.2010, WDR 3


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Updated: 10 Aug 2015