Respektvoll und frech: Das Duo Heginger/Essl

Sommerwellen von und mit Agnes Heginger und Karlheinz Essl
bei den Donaufestwochen Strudengau

Erstsendung: 20.3.2018
Gestaltung: Jörg Duit

oe1-radio


OOTB-manulli

Photography Manulli by Ania Radziszewska



Jörg Duit: Sommerwellen im Zeit-Ton am 20. März 2018. Jörg Duit heißt sie herzlich willkommen.

Agnes Heginger: Ich nehme einmal an, dass wir alle von Vorbildern sehr viel profitieren, oder von Leuten, die uns etwas vorleben. Und für mich die nächste Person was das betrifft, war meine Mutter. Sie hat sehr viel über für Gedichte aller Art, kann ganz viele davon auswendig und hat eine große Liebe dafür, das hat sie mir bestimmt vermittelt. Ich glaube, dass wenn man für etwas sehr lebt und strahlt, sich so etwas überträgt. Das Unaussprechliche dahinter. Wenn ich etwas wirklich liebe, dann überträgt sich das. Das ist mir beim Musikmachen im Übrigen auch immer sehr wichtig, bzw. was heißt „das ist mir wichtig“, ich finde es einfach schön, dass das möglich ist.

JD: Vor inzwischen fast 9 Jahren fand die erste Improvisationsperformance von Sängerin Agnes Heginger und Komponist bzw. Elektroniker Karlheinz Essl statt, die seither das Konzept OUT OF THE BLUE entwickelt und verfeinert haben. Ausgangspunkt der Darbietungen waren von Beginn an Texte bzw. Gedichte, interpretiert von beiden im Dialog miteinander, und zwar eben „out of the blue” - also aus dem Moment heraus. Nun hat sich OUT OF THE BLUE im Laufe der Jahre natürlich weiterentwickelt. Die erste akustische Dokumentation der Zusammenarbeit - die gleichnamige CD - entstand ganz am Anfang nach der ersten Performance im Essl Museum in Klosterneuburg. 2017 ist das Duo bei den Donaufestwochen Strudengau im Vierkanthof Hauer aufgetreten und hat ihre Live-Performance als „digital release” bei Nachtstück Records herausgebracht.

Karlheinz Essl: Das Konzept, das wir von Anfang an durchgezogen haben, lautet so: Agnes ist für die Texte zuständig und ich für die Sounds. Wir treffen uns, vollkommen unvorbereitet, auf der Bühne. Das stimmt nicht ganz: wir sind beide sehr wohl vorbereitet, aber jeder für sich. Agnes recherchiert die Texte und überlegt sich etwas dazu, ich überlege mir sehr viel zur Musik - und dann treffen wir aufeinander und wissen nicht, was wir da draussen machen. Ich weiß nicht, welchen Text die Agnes hernimmt, und ich möcht’s auch gar nicht im voraus wissen. Sondern in dem Moment, wo wir auf der Bühne stehen, spielen wir ein Stück. Und wenn die Leute das nicht wissen, dass das vollkommen aus dem Moment enststeht und frei improvisiert ist, glauben sie, dass das Kompositionen sind. Ich höre mir die Aufnahmen nachher oft an um das ein bisschen zu analysieren oder auch zu kritisieren und um zu schauen, was da wirklich passiert ist. Und ich bin oftmal richtig verblüfft, wie gut gebaut diese Stücke sind. Das ist nur ein Austausch von musikalischen Gesten und Energien, die sozusagen formativ wirken und daraus ein Stück werden lassen, dass plötzlich dann passt. Das Tolle ist, dass die Agnes einfach die Fähigkeit hat, ganz schnell auf Sounds oder Gesten zu reagieren, die ich am Computer mache, aufzugreifen und zu imitieren. Und ich kann sofort darauf antworten. Dabei entsteht eine ganz merkwürdige Art von Dialog, der in einem rasend schnellen Schlagabtausch vor sich geht.

AH: Also ich kann auch nur sagen, dass ich große Freude habe, das zu machen mit Karlheinz und dass ich mich darüber freue, es noch immer machen zu können. Und auch immer wieder das schöne Erlebnis des positiven Feedbacks vom Publikum gehabt zu haben. Es gibt dieses Bedürfnis oder den Wunsch des Miteinander-Verbindens, dass man den Leuten etwas nahe bringt ohne zu belehren und sie einfach mitnimmt und ihnen etwas Schönes zeigt. Und dann kamen immer wieder Rückmeldungen von Leuten die gesagt haben, sie hätten sich so etwas vielleicht sonst niemals angehört, waren dann aber total fasziniert und neugierig, was von uns als nächstes kommt. Publikum unterschiedlichen Alters, ganz junge aber auch ältere Menschen, die uns das mit so einem kindlichen Funkeln in den Augen sagen. Das finde ich so schön, dass man da etwas machen kann, was soviel Freude bereitet.


Einmal ist die Freude so groß
dass sie die Zeit beim Genick packt
Verweintes Fenster, trockne dein Gesicht -
ich strahle.
Kauernder Celsius. streck dich, streck dich -
ich strahle.
(Auszug aus Ernst Jandl „Einmal ist die Freude“)

Freude soll nimmer schweigen.
Freude soll sich offen zeigen.
Freude soll lachen, glänzen und singen.
Freude soll danken ein Leben lang.
Freude soll die die Seele durchschauern.
Freude soll weiterschwingen.
Freude soll dauern
Ein Leben lang.
(Hertha Kräftner „Freude“)


All Time Summer
OUT OF THE BLUE Live at Donaufestwochen Strudengau


JD: Sommerwellen. Eine Live-Performance von Agnes Heginger und Karlheinz Essl bei den Donaufestwochen Strudengau. Die beiden Künstler sind heute im Zeit-Ton zu Gast.

AH: Zuerst hatte ich eine klassische Ausbildung in Wien, und dann bin ich nach Graz gewechselt an die Kunstuni/ Jazzabteilung. Und da war im Nebenfach die klassische Sängerin Mary Frances Lubahn meine Lehrerin. Ich bin sehr glücklich, dass ich bei ihr studieren konnte, von ihr habe ich wahnsinnig viel gelernt. Das war so eine schöne Kombination von uns zweien, denn ich kam ja von meiner klassischen Gesangsausbildung, liebe klassischen Gesang und habe da eine große Verehrung dafür, konnte aber aus verschiedenen Gründen in meiner Wiener Ausbildung nicht so ganz andocken an das Wissen, das mir dort vermittelt werden sollte - um es mal so zu formulieren. Und dann kam ich eben nach Graz - musikalisch hat mich das sowieso dort mehr angezogen muss ich auch sagen - und traf auf Mary Luhban, die es vermutlich gar nicht gewohnt war, dass da Leute kommen, die mit klassischer Musik so viel anfangen können und auch eine solche Vorbildung haben. Und das war dann mit sehr viel Freude verbunden, ich hab es sehr genossen, dass da jemand ist der mir so viel Wissen vermitteln kann über mein Instrument, und wie ich damit wirklich gut umgehen kann, um damit mehr Freude zu generieren. Das ist mir selber als Lehrerin auch sehr wichtig - ich unterrichte ja ebenfalls - dass Technik ein Tool ist, ein Mittel, um sich noch besser ausdrücken zu können und um mehr - ich sag jetzt mal Freude oder Lebenskraft quasi wie in einer Dauerschleife kreieren zu können.

KHE: Ich positioniere mich genau in diesem Spannungsfeld zwischen der Alten Musik, der Neuen Musik und der Elektronik. Ich finde es so interessant, wenn man diese verschiedenen „Kontinente” in spannender Weise miteinander in Beziehung bringt. Die Elektronik ist für mich ein Mittel, um mir zu helfen, diese verschiedenen Aspekte miteinander zu verbinden, aber auch durch Experimente mit elektronischen Mitteln (wie Computern oder Algorithmen) in Bereiche der Musik einzudringen, die an der Oberfläche nicht sichtbar sind. Ich rede jetzt nicht nur von der Analyse einer Partitur, sondern vom Hineinhören bzw. Hineinmikroskopieren in den Klang, und aus dieser Innenansicht etwas Neues zu schaffen. Aber dabei interessiert mich immer auch der Kontext: wo kommt das her, was sind die historischen oder kulturellen Wurzeln? Reiner Klang, nur als akustisches Phänomen, das man wie ein Bildhauer geataltet, interessiert mich überhaupt nicht. Ich möchte immer auch den Hintergrund erleb- und spürbar machen!


Zarah
OUT OF THE BLUE Live at Donaufestwochen Strudengau


JD: „Zarah” verbindet Texte von Hans-Fritz Beckmann, Christine Lavant und Joachim Ringelnatz mit der dazu assozierten Musik Karlheinz Essls u.a. von Dmitri Schostakowitsch.

AH: Da habe ich mir dann eben gedacht, was gibt`s da für eine Melodie, welchen Text mit „Liebe“ und so. Ich habe früher einmal mit dem geschätzten Klaus Wienerroither ein Duo gehabt, das hat geheißen BoA BoA, und da haben wir auch u.a. deutsche Schlager aus den 20er und 30er Jahren gemacht und da habe ich auch einiges von Zarah Leander gesungen. Das Stück „Nur nicht aus Liebe weinen“ war in unserem Programm auch dabei. Und da habe ich mir gedacht, das könnte man hier anzitieren damit das ganze so eine Bittersüße kriegt. Wir haben auch gesagt wir machen da jetzt nicht nur nette und fröhliche Sachen bei der Performance, und „Liebe“ muss ja - wie wir alle wissen - nicht unbedingt immer nur etwas Lustiges sein (lacht). Weil ich Christine Lavant sehr, sehr gerne habe hat sich auch angeboten, eines von ihren wunderschönen Liebesgedichten `reinzunehmen. Christine Lavant ist ja vielleicht mehr dafür bekannt, dass sie so mystische und verworrene, vielleicht knorrige Texte schreibt mit teilweise religiösen Bezügen usw., und dass sie aber auch so dermaßen schöne Liebesgedichte geschrieben hat, die sehr berührend, nahezu naiv sind, spricht mich sehr an. Und da habe ich mich gefreut, das unterbringen zu können. Und eben auch das ganz liebe Gedicht „Ich hab Dich so lieb“ von Joachim Ringelnatz.


Ich hab dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken. 
(Auszug aus Joachim Ringelnatz „Ich hab dich so lieb“)

Ach, ich lieb dich jeden Abend mehr,
und ich laß mich brennend in dich fallen;
aber du erhörst nur Nachtigallen,
denn mein Lied ist dir noch viel zu schwer.
(Auszug aus Christine Lavant „Leise lieb ich mich in dich hinein“)

Es ist ja ganz gleich, wen wir lieben, und wer uns das Herz einmal bricht. 
Wir werden vom Schicksal getrieben und das Ende ist immer Verzicht. 
Wir hoffen, und glauben und denken, dass einmal ein Wunder geschieht, 
doch wenn wir uns dann verschenken ist es das alte Lied:
Nur nicht aus Liebe weinen, es gibt auf Erden nicht nur den Einen. 
Es gibt so viele auf dieser Welt, ich liebe jeden, der mir gefällt!
Und darum will ich heut dir gehören,
Du sollst mir Treue und Liebe schwören, 
wenn ich auch fühle, es muß ja Lüge sein, 
ich lüge auch und bin Dein. 
(Auszug aus Theodor Mackeben „Nur nicht aus Liebe weinen“)

Ich hab dir nichts getan
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn 
Leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei - verjährt -
Doch nimmer vergessen. 
(Auszug aus Joachim Ringelnatz „Ich hab dich so lieb“)

Dunkel ist es, wo es dich enthält,
und du kannst dich kaum darin erkennen,
bebend hörst du deinen Namen nennen,
der dir fremd ist und noch nicht gefällt.
Aber einmal wird er werden wie ein Kleid
weich und nahe dir am Herzen liegen,
und mein Blut wird sich an deines schmiegen,
und dein Ohr wird meinem Lied bereit,
welches altern muß wie starker Wein,
bis die Süße sich in Geist verwandelt
und die Sehnsucht ernster in mir handelt.
Leise lieb ich mich in dich hinein.
(Auszug aus Christine Lavant „Leise lieb ich mich in dich hinein“)


AH: Ich hab ja eine Zeit gehabt, wo ich sehr gerne ganz alleine aufgetreten bin - völlig ohne Netz - und gar nicht gewusst habe was ich machen werde. Ich muss jetzt gestehen, dass ich dann doch schon ein bisschen ein Netz dabei hatte, ich hatte also einige Bücher mit und Zetteln und was auch immer, und hab auch dem Publikum gesagt, dass man mir irgendetwas geben kann- da waren dann manchmal mitunter auch Kassazetteln dabei, dich ich spontan vertont habe. Dabei habe ich mich so extrem wach gefühlt, so wunderbar lebendig. Da hab ich so antriggern können an das, was mich so reizt: dieses ganz Frische, eben wirklich der „Zufall“. Und auch bei meiner eigenen Stimme hab ich es immer sehr geliebt wenn etwas passiert, womit ich nicht gerechnet habe. Das sind mitunter auch Dinge, die quasi nicht funktionieren, die dann aber am allerspannendsten sind. Also - keine Ahnung, wenn dann beispielsweise die Stimme nicht so anspricht wie gedacht und nur so ein kratziges Irgendwie herauskommt, und plötzlich — genau da kann ich dann an etwas andocken, was sehr, sehr, sehr „Jetzt“ ist, ganz wahrhaftig ist und ganz im Jetzt passiert, und mich selber überrascht.

KHE: Ich hab mich während meines Studiums bei Friedrich Cerha auch mit den Wurzeln der Neuen Musik beschäftigt. Ohne es zu wollen, bin ich da zur Wiener Schule gekommen, die ich ja früher gehasst habe. Aber dann habe ich sie lieben gelernt, nachdem ich ihre Stücke gehört und gelesen habe und kam von dort zwangsläufig - in die 50er Jahre und den Serialismus. Über meinen Freund Gerhard Eckel, der in Holland eine Studenten-Residency hatte, kam ich in Kontakt mit dem Komponisten Gottfried Michael Koenig. In der Beschäftigung mit seinem Werk - vor allem seinem Streichquartett 1959 - habe ich erkannt, dass sich mir eine Musik aufgetan hat, die mich total angesprochen und fasziniert hat, aber die ich nicht analysieren konnte. Durch meine Beschäftigung mit der Wiener Schule, vor allem mit Alban Berg, hatte ich mir ein ganz gutes analytisches Handwerkszeug angeeignet. Wenn ich ein Stück analysierte, wollte ich mir über jede Note Rechenschafft ablegen können. Das geht natürlich nicht bei jedem Komponisten, aber immer bei Alban Berg. In seiner Musik gibt es keine Note - behaupte ich mal - die nicht irgendwie thematisch motiviert ist. Bei Koenig hingegen habe ich total auf Granit gebissen, aber die Musik hat trotzdem gesprochen und war auch nicht strukturlos. Darauf habe ich ihm einen Brief geschrieben (E-Mail gab’s damals noch nicht) und habe ihn gebeten, mir einige Hinweise zu geben. Und dann kam ein sehr netter schreibmaschingeschriebener Brief zurück, wo er mir ganz genau auseinander setzt, dass dieses Streichquartett mit Hilfe von Zufallsoperationen entstanden ist. Anfänglich habe ich überhaupt nicht verstanden, wie so etwas möglich ist, dann aber kapiert, dass der Zufall ein formatives Mittel ist, dass nicht aus sich heraus etwas generiert, sondern nur ein Ferment ist, das eine Idee, die der Komponist bereits geboren hat, in Bewegung hält, fluide macht und zum Schwingen bringt. Der Zufall als Ferment, das die Milch zum Gären bringt, sonst können wir kein Joghurt trinken.

JD: Musizieren, Improvisieren aus dem Moment heraus, basierend auf einer Grundausstattung von mitgebrachten Möglichkeiten. Das war die ursprpüngliche Idee von Agnes Heginger und Karlheinz Essl für ihr Projekt OUT OF THE BLUE.


Morgenfeld
OUT OF THE BLUE Live at Donaufestwochen Strudengau


JD: Bei der Live-Performance am Vierkanthof Hauer letzten August im Rahmen der Donaufestwochen Strudengau, hatten Agnes Heginger und Karlheinz Essl dann doch erstmals ein bisschen geprobt im Vorfeld, denn die Vorgaben waren eine gewisse Herausforderung.

KHE (ironisch): Es sollte irgendwie „schön” sein, mit „Sommer” zu tun haben, mit „Liebe”, mit „Wein”… Unser Konzept war aber immer dieses vollkommen frei Improvisierte, Textgebundene, wo aus dem Moment etwas entsteht. Bei Sommerwellen haben wir - vieleicht, weil wir jetzt schon reifer sind - gesagt, wir machen richtige Stücke, die auch - wir gestehen! - richtig geprobt wurden.

AH: Das war völlig neu! Das haben wir noch nie gemacht.

KHE: Wir haben noch NIE geprobt. Das kam überhaupt nicht in Frage in unserem Konzept. Zunächst einmal hat Agnes zu bestimmten Themenfeldern Texte recherchiert und geprüft, welche sich inhaltlich miteinander kombinieren lassen. Da kommen so ganz absurde Dinge zusammen wie Ingeborg Bachmann mit einem Joachim Ringelnatz und einem Ernst Jandl. Andrerseits habe ich gewusst, dass wenn „jemand morgens übers Feld geht”, das natürlich mit Gustav Mahler zu tun hat. Dann habe ich begonnen, Material zu generieren bzw. herauszudestillieren aus den „Liedern eines fahrenden Gesellen”. Und weil ich das nicht aus dem Orchester nehmen wollte, habe ich das Stück am Klavier eingespielt und daraus Strukturschichten gebaut mit Klavierrealisationen dieser Mahler-Musik und das als Material verwendet.

AH: „Ging heut morgen übers Feld”… Da durfte ich vor längerer Zeit mit Paul Gulda und einem kleinen Ensemble Lieder von Gustav Mahler singen. Das hat mich enorm gefreut, so etwas einmal singen zu dürfen. Aufgrund der thematischen Vorgabe - „Sommer“ und „Sonne“ und so - kam mir dann diese Idee: „Na wunderbar, da kann man musikalische Zitate aus diesem Stück bringen, um die man dann eben verschiedene Gedichte herumbasteln kann“. Und Ingeborg Bachmann liebe ich sowieso, ich finde bei ihr unter anderem so faszinierend, dass sie einerseits diese Dunkelheit so genau kennt, und darüber in dieser unnachahmlichen Art und Weise schreiben kann, aber dass sie dann eben auch dieses Kindlich-Freudige an sich hat, so ganz positiv und hoffnungsvoll-optimistisch. Und da ist so eines von diesen „hellen“ Gedichten von ihr dabei im Programm.


Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß
(Zitat aus Joachim Ringelnatz „Sommerfrische“)

Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein.
Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
und beendet, am schönsten im Sommer
(aus: Ingeborg Bachmann „An die Sonne“ )

Und da fing im Sonnenschein
gleich die Welt zu funkeln an
Alles, alles Ton und Farbe gewann
im Sonnenschein!
Blum' und Vogel, groß und klein!
(aus: Gustav Mahler „Ging heut Morgen über`s Feld“)


AH: Es war auch so, dass die Veranstalterin von den Donaufestwochen, Michi Gaigg, zu mir gesagt hat, sie wünsche sich von mir so sehr dass ich wieder mehr „singe“. Sie hatte Aufnahmen von uns gehört und hat dann gesagt „Naja, naja“ und sie möchte eben dass ich mehr „singe“. Und das war dann auch interessant finde ich, als Feedback. Meine Mutter hat ebenfalls gesagt: „Ja, bitte, tu mal wieder mehr singen!“. Da ist mir auch aufgefallen, dass ich in letzter Zeit bei meinen verschiedenen Programmen - also nicht nur wenn ich mit Karlheinz aufgetreten bin - oder bei anderen frei improvisierten Konzerten weniger als „Sängerin” in Erscheinung getreten bin, sondern eher als „Geräuschgeberin” und „Wortspenderin”, als Rezitatorin von Gedichten. Dass ich als „Sängerin“ buchstäblich zurück-getreten bin. Bei unserem Nietzsche-Projekt Oh Nacht, oh Schweigen, oh todtenstiller Lärm! zum Beispiel hat jemand aus dem Publikum nachher zu mir gesagt, sie habe die ganze Zeit über gedacht, ich wäre eine Schauspielerin. Und dann war sie so erstaunt, als ich angefangen habe zu singen. Das freut mich natürlich schon auch wieder, weil ich großen Respekt habe vor der Schauspielerzunft.



Nun fängt auch mein Glück wohl an?
(aus: Gustav Mahler „Ging heut Morgen über`s Feld“)

Lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
(aus: Joachim Ringelnatz „Sommerfrische“)

die blumen haben namen um, 
die parkbänke rodeln unter den doppelkinnen der liebespaare, 
die wolken tanken blaues benzin, 
und jagen mit fliegenden krawatten über den himmel. 
die mädchen essen mit stimmgabeln, 
und die stecknadelköpfe der professoren gehen in den halskrausen der gänseblümchen unter.
(aus: Ernst Jandl „springbrunnen“) 


AE: Wenn das alles ganz im Moment passiert - dann liegt einfach ganz viel da und Karlheinz fängt an, Soundscapes hinzustellen, mein Blick huscht herum und trifft auf ein Buch, und ich denke mir „Okay!“ und ich habe mir dort vorher schon ein paar Zetterln reingepickt bei Gedichten bzw. Stellen wo ich mir denke „Das gefällt mir“. Und dann schlage ich es auf und merke: das passt gerade extrem gut zur Musik! Das sind schöne Momente. Da bereite ich mich - während Karlheinz spielt - immer schon so ein bisschen vor. Und dann schweift der Blick weiter, dann fällt mir ein, dass dieser oder jener Text auch noch sehr gut dazu passen könnte. So. Und dann fängt das Stück an. Wenn ich mir meine Texte vorher gut präpariert habe und ich beim Live-Spielen dadurch jederzeit raschen Zugriff auf die Texte habe, wenn ich dafür sorge dass ich alles gut sehen kann und ich schnell hingreifen kann usw. ist das vielleicht so ähnlich wie bei dir, Karlheinz, mit all deinen Tools und Materialien. Das sieht bei dir zwar anders am Computer aus, ist vom Konzept vielleicht aber ganz ähnlich: dass man leicht und rasch Zugriff hat und spontan auswählen kann.

KHE: Der Zugriff muss sofort und intuitiv sein! Deswegen versuche ich nach Möglichkeit, nicht auf den Computerbildschirm zu starren. Ich möchte meine selbstgeschriebene Software so gut kennen, dass ich es in den Fingern habe und mich dann auchb treiben lassen kann. Ich spiele oftmals in einem luziden Trancezustand, und lass mich dann auch wirklich anfeuern von der Agnes und von dem, was gemeinsam passiert.

JD: Im Zeit-Ton hören Sie heute zum astronomischen Frühlingsbeginn „Sommerwellen”. Live aufgenommen im Rahmen der Donaufestwochen Strudengau im August 2017. Die beiden Protagonisten und Gründer des Projekts OUT OF THE BLUE Agnes Heginger und Karlheinz Essl sind ausserdem in der Sendung zu Gast.



under der linden an der heide, 
da unser zweier bette was, 
da muget ir vinden schone beide gebrochen bluomen unde gras.

Unter der Linde, auf der Heide
vor dem walde in einem tal
Wo unser beider Lager war, 
da könnt Ihr, sorgsam gepflückt, 
Blumen und Gras finden. Vor dem Wald in einem Tal

tandaradei
schone sanc diu nahtegal.
ich kam gegangen zuo der ouwe:
do was min friedel komen e.
da wart ich empfangen (here frouwe!)
daz ich bin saelic iemer me.

Da hatte er so herrlich ein Bett bereitet aus Blumen.
An den Rosen könnt Ihr sehen, wo mein Kopf gelegen ist.

Do hete er gemachet also riche
von bluomen eine bettesat.
des wirt noch gelachet innecliche
kumt iemen an daz selbe pfat.
bi den rosen er wol mac
tandaradei
merken wa mir`z houbet lac.

Dass er bei mir lag, wüsste es jemand (Gott verhüte es!)
dann würde ich mich schämen.
(aus: Walther von der Vogelweide „under der linden“ )


ich liege bei dir. deine arme
halten mich. deine arme
halten mehr als ich bin.
deine arme halten, was ich bin
wenn ich bei dir liege und
deine arme mich halten.
(Ernst Jandl „liegen, bei dir“)


Tandaradei
OUT OF THE BLUE Live at Donaufestwochen Strudengau


KHE: Was mir bei diesem Projekt besonders viel Spass gemacht hat ist das vollkommen ungehemmte Mischen von Klängen und Stilen. „Tanderadei” bezieht sich auf das bekannte Lied von Walther von der Vogelweide „Under der linden”. Hier hören wir mongolischen Obertongesang mit einem Dudelsack, der durch eine Granulator faschiert wird, mit mittelalterlichen Hymnen. Alles aber so zusammengemischt, dass es harmonisch aus zusammenpasst. Eine durchaus lustvolle Tätigkeit, dieses mash-up, querbeet… Aber doch in einer Form, dass alles miteinander sich zu etwas Neuem verbindet.

JD: Und überhaupt ist OUT OF THE BLUE für Agnes Heginger und Karlheinz Essl eine Spielwiese, eine zusätzliche Bühne des Ausdrucks. Vielleicht auch eine Möglichkeit der künstlerischen Reflexion und Selbstbesinnung.

KHE: Für mich ist das ein ganz besonders kostbares Herzensprojekt, was ich mit niemand anderen teile. Ich habe früher sehr viel mit den verschiedensten Leuten improvisiert. Das interessiert mich heute immer weniger. Gerne stehe ich solo auf der Bühne und bin ganz allein dafür verantwortlich, was ich mache. Aber wenn ich mit anderen zusammen spiele, dann am liebsten mit der Agnes. Mittlerweile kennen wir uns so gut und es läuft auch so wie bei einem alten Ehepaar… (Beide lachen). Mit ihr macht es einfach am meisten Freude. Ich weiß, dass ich diese Möglichkeit habe. Das hilft mir auch als Komponist. Wenn man ein Stück schreibt, ist man mit ganz anderen Aufgabenstellungen konfrontiert, und das kann manchmal auch ziemlich quälend sein. OUT OF THE BLUE ist ein Projekt, dass eigentlich immer Spass macht. Als professioneller Musiker darf man ja auch mal ein Hobby haben, oder? Aber das ist viel mehr als bloß eine Hobby - eine Herzenssache.


I mechad so gean amoi an Mau auredn. Aun an schbedn Obend auf da Gossn mechad i zerscht hinter eam geh so drei Heisableck laung und schaurad man au gaunz genau. De Schuitan, de Hüftn, de Hagsn, den Gaung. Gustirad, oba ma gfoid, oba vun vuan net z oid oda z schiach sei kuntad. Und daun holat i auf, legat mei Brozn auf sei Schuita drauf und sogat: „Worum denn so allanig, schöna Mann? Derf i ina hambegleitn oder zu an Viatal verleitn?“ Daun hengat i mi ei bei eam, unds ded mi goa ned schdean, wauna des ned wü und si bisl wead, weu des ghead zu an Aufris dazua. I sogat nua: „Oba Bua! Dua da nigs au!“ Und i schlepat eam o ins negste Beisl und zolad dem Heisl zwa Viadl und zwik eam ins Gnia und wischba eam zua: „Jezn gemma no ham zu mia!“ Oba des san jo ollas nua blede Dram. I was eh genau, das a Frau kan Mau auredn kau. Sunst hoid mas fira Hua, und des schded si ned davua. So a bleda Bua is des Gfrett, des ma daun hätt, ned wert. Weus am jo do recht schdead, wos de Leid so redn. Drum hoid i mi zruk. Und dram nua davau, aum Obend, aum schbedn hinta an Habara her z geh und eam eiz`nan und eam z`vazan und eam daun augland lossn und aum negstn Tog auf da Gossn aum Obend aum schbedn den negstn auzredn. (Christine Nöstlinger: „Unmegliche Dram“)


Dram
OUT OF THE BLUE Live at Donaufestwochen Strudengau


AH: Unmegliche Dram” von der Nöstlinger, ich find `den Text einfach so herrlich! Und - ich sag’s einfach wie’s is’ - es spricht mir einfach aus der Seele! Das war ja so super, dass wir das machen konnten - und wir haben das ganz reduziert gemacht. Ich habe Karlheinz gebeten ob es möglich wäre, dass man hören kann wie eine Frau geht…

KHE: …High Heels…

AH: …das die ganze Zeit so durchläuft.

KHE: Und dann die Explosion…

AH: Genau, genau, richtig, ja…. - Explosion?

KHE: Na ja, das wird ja dann zu einem richtigen Song!

AH: Ach ja richtig, zum Schluss, richtig, richtig! Aber so lange der Text gesprochen wird, steht die „Story” im Vordergrund. Das ist ja wie ein Kurzfilm diese Geschichte.

JD: „Sommerwellen” - von und mit Agnes Heginger und Karlheinz Essl beinhaltet auch eine Solonummer, bei der die Sängerin die ganze poetische Skurrilität der verwendeten Gedichte stimmlich umsetzt.

AH: Da gibt es Unterschiedliches zu erzählen. Das Gedicht von Joachim Ringelnatz „Wenn ich zwei Vöglein wär” haben wir (glaube ich) tatsächlich schon dreimal verwendet. Weil das so schön kurz und knapp ist, und auch so absurd. Und ich liebe ja absurde Dinge! Eigentlich war da aber zuerst Gert Jonke, mit dem ich auch einmal die große Freude hatte persönlich etwas zu machen, kurz bevor er verstorben ist. Damals hat er seine Texte selbst vorgetragen, was mich sehr fasziniert hat. Dieses Unbedingte und dieses In-einer-Wurst-Durchtexten, wie ein Gewitter das auf die Leute niedergeht, wie eine Salve von Worten, die nicht mehr aufhört. Wie das „Das Lied der Nachtigall”, eine Art Litanei die quasi gar nicht mehr aufhört. Und dazu dann dieses leichte „Vöglein”-Gedicht von Ringelnatz hineinzustreuen, das zu verbinden - da hatte ich große Freude daran! Und ich glaube es war so, als wir uns zum Proben (was wir ja sonst nie machen) getroffen haben, habe ich Karlheinz ein paar Sachen vorgestellt, die ich mitgebracht hatte. Und da war dieses „Lied der Nachtigall“ als Text für sich schon so dermaßen dicht, dass es am besten in einer Soloperformance ohne Elektronik zur Wirkung kommt, fanden wir.


Wenn ich zwei Vöglein wär
Und auch vier Flügel hätt,
Flog die eine Hälfte zu dir.
Und die andere, die ging auch zu Bett,
Aber hier zu Haus bei mir.
Wenn ich einen Flügel hätt
Und gar kein Vöglein wär,
Verkaufte ich ihn dir
Und kaufte mir dafür ein Klavier.
Wenn ich kein Flügel wär
(Linker Flügel beim Militär)
Und auch keinen Vogel hätt,
Flög ich zu dir.
Da`s aber nicht kann sein,
Bleib ich im eignen Bett
Allein zu zwein. 
(Joachim Ringelnatz „Volkslied“)

Wo bleibt ihr denn, ihr Putzigen, ihr Fleißigen Kirschhackeramseln und anderen Fruchtverwerter und fleißigen Besucher der Obstspaliergeflechte, so kommt doch herbei, ihr Raben, die ihr hinterm pflügenden Landmann die Würmer ihm aus seinen Furchen pickt, wo bleibt ihr denn ihr Saatgutvertilger, die ihr unterm Deckmantel der Abenddämmerung die Kröpfe euch vollstopfende Gerstendiebsbande, ihr ungeliebten Olivenhainbesichtiger, ihr in den Weingärten kundig die Jahrgänge Vorauskoster, wo seid ihr Zwitscherer, Schreier, Heuler, Rufer, und auch die, die aus den Wäldern die Daten der nächsten Sterbenden ankündigen so genau und sorgfältig, dass während nächtlicher Schneetreiben auch schon kleine vorgedruckte Partezettelchen vom Himmel flattern, wo bleibt ihr fleißigen Moskitovernichter, die ihr helft, den Rauhreif herbstlichen Malariafrostes in den unbetretbaren Sümpfen gefangenzuhalten, ihr Eisvögel mit dem sirrenden Singen durch die Luft pfeifend sich bohrender Eiszapfengesänge aus den Hagelwettern der arktischen Nordlichtgletscherfolklore, ihr Haselhühner, Goldfasane, aber auch ihr Greifer, ihr Kondorsegler, Fischadler, Weißkopfgeier, Hühnerhabichte, Mäusebussarde, Turmfalken, wann hör ich endlich euer plärrendes Gekeife, Drosseln, wo bleibt euer Spott, und endlich einmal deinen Ruf hören, weiße Schneeeule, du seltene, deinen Ruf habe ich nur von den Schneefüchsen gehört, die dich fürchten, und sie haben mir mit erschauderndem Lachgebell dein Rufen parodiert! So nähert euch endlich doch, ihr Heuler, Gurgler, Zirper, Girrer, Fipser, Tschilper, o ihr Amaranten, ihr Borstenschwänzler, Saftleckerspechte, Breitmaulbrillenwürger, Blauscheitelorganisten, Brustschmarotzstürzler, Dickichtschlüpfer, Erdhöhlentöpfer, Gelbpürzelblütenpicker, Gimpelhäher, Klippenkleiber, Lappenschnäpper, Luftröhrenschreikropfpfeifer, Molluskenschmätzer, Pfefferfresstrompetenwürger, Rotsichelspötter, Schluchtenrötelstutzhaubenpürzler, ihr Schneeballwürger, Graubrustraupenschmätzer, Spitzschopftrugpürzelstelzer, jaja, ihr Großschnabelkardinäle und Dompfaffdotterpinsler, ihr Rhinozeroshelmhornputzer, Maiskolbenfagottstotterer, Schilfrohrschalmeienkeifer und Dudelsackflatterer. Warum lasst ihr euch heute so gnädig bitten? (Gert Jonke „Lied der Nachtigall“)


Vöglein
OUT OF THE BLUE Live at Donaufestwochen Strudengau


JD: Sommerwellen. Im heutigen Zeit-Ton hörten Sie die akustische Nachlese einer Live-Performance von Sängerin Agnes Heginger und Komponist/Elektroniker Karlheinz Essl im Rahmen der Donaufestwochen Strudengau am 6. August 2017. Die Aufnahme ist als digital Release bei Nachtstück Records erschienen und abrufbar. Gestaltung der Sendung: Jörg Duit.


Copyright 2018 by Jörg Duit, Agnes Heginger, Karlheinz Essl



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Updated: 24 Mar 2018

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