Portrait

Karlheinz Essl

Elektroakustische Musik an der Musikuniversität Wien

Statement zum 50jährigen Jubiläum des Studios für elektronische Musik der HfMT Köln


An der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst ist die elektroakustische Musik ein eigenständiger Studienzweig im Rahmen der Kompositionausbildung. Nach Absolvierung eines viersemestrigen Tonsatzstudiums besteht die Möglichkeit eines fortführenden Magisterstudiums mit Spezialisierung auf elektroakustische Komposition. Die Studierenden erhalten hier eine breit gefächerte Ausbildung, die höchst unterschiedliche Aspekte umfasst: algorithmische Komposition, Live-Elektronik, Instrumentalkomposition, Radiokunst, Musikinformatik, akusmatische Musik, digitale Klangsynthese und sound processing sowie die Beschäftigung mit analogem Studioequipment und die Entwicklung eigener Hybrid-Instrumente. Wie man daraus ersieht, ist die Elektronik bei uns keine abgekoppelte Spezialdisziplin, sondern ein offenes Feld zwischen Digital & Analog bzw. Instrumental & Elektronik, das die Studierenden nach ihren eigenen künstlerischen Vorstellungen gestalten können.

Durch die einfache Verfügbarkeit von Computern und Software hat sich naturgemäß auch die Rolle der Studios verändert. Die Studierenden arbeiten heute weitgehend autonom auf ihren eigenen Geräten. Die Studios werden vor allem im Unterricht genutzt, aber auch zum individuellen Abhören, Abmischen und Experimentieren mit komplexen Lautsprechersystemen, sowie für Proben mit Instrumenten und elektronischen Apparaturen. Ein eigener Forschungsschwerpunkt widmet sich dem weiten Feld der Klangprojektion. Die orthodoxe Lautsprecherbeschallung wurde in den letzten Jahrzehnten durch digitale Technologien wie Ambisonic und Wellenfeldsynthese erweitert und erlaubt nicht nur die Simulation bestehender Klangräume, sondern auch die Inszenierung von Raumklang-Bewegungen, die weit über das hinausgehen, was kommerzielle Surround-Systeme leisten. Das seit 2008 an unserem Institut entwickelte Raumklang-Instrument stellt eine künstlerische Plattform für 2- und 3-dimensionale Klangprojektionen dar, in der unterschiedliche Technologien unter einer gemeinsamen, intuitiv zu bedienenden Benutzeroberfläche vereint werden.


Karlheinz Essl with his student Rafal Zalech

Karlheinz Essl mit seinem Studenten Rafel Zalech im Unterricht


Eine wichtige Rolle spielt auch das Performative und die Improvisation. Fixed Media – lange Zeit die zentrale Kategorie der Elektronischen Musik – verliert immer mehr and Bedeutung; viel lohnender erscheint die akustische Auslotung des Aufführungsortes und die ortsspezifische Umsetzung von kompositorischen Konzepten. Deswegen zieht es uns immer wieder aus den optimierten Schutzräumen der Studios hinaus in die unwägbare Wirklichkeit der realen Welt – sei es der barocke Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, das Schlosstheater Schönbrunn oder das Essl Museum für Gegenwartskunst in Klosterneuburg. Die Studierenden lernen dabei, flexibel auf ungewohnte Situationen zu reagieren und ihre kompositorischen Konzepte entsprechend auszurichten.


Karlheinz Essl - Drama Musicum - ÖNB Wien

Elektronische Interventionen in der Österreichischen Nationalbibliothek


„Elektronische Musik” verstehen wir weniger als ästhetisches Genre, sondern als weit verzweigtes Geflecht, das vielfältige Anknüpfungspunkte zu anderen Künsten bietet. Daraus resultieren neuartige Verbindungen mit zeitgenössischem Tanz und Performance, Video und Installation. In solchen multi-ästhetischen, nicht reproduzierbaren, zeitlich offenen und durch Interaktion gesteuerten Kunstformen wird der traditionelle Werkbegriff in Frage gestellt, was neue Präsentationsformen abseits der konventionellen Lautsprecherkonzerte erforderlich macht. Dies alles hat wiederum Auswirkungen auf die Gestaltung des Kompositionsunterrichts: Die Studierenden werden ermutigt, unerforschtes Neuland zu betreten, um sich selbst immer wieder neu zu erfahren in der Entwicklung ihrer individuellen künstlerischen Persönlichkeit.

© 2015 by Karlheinz Essl

In: 1965–2015. Fünfzig Jahre Studio für elektronische Musik der HfMT Köln, hrsg. von Rainer Nonnenmann (Köln 2015).


Univ-Prof. Dr. Karlheinz Essl, geboren 1960 in Wien. Komponist, Improvisationsmusiker, Medienkünstler, Software-Designer. Studierte Komposition bei Friedrich Cerha und Musikwissenschaften in Wien. Composer-in-residence bei den Darmstädter Ferienkursen sowie am IRCAM in Paris. Seit 2007 Professor für elektroakustische und experimentelle Komposition am Institut für Komposition und Elektroakustik der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien.



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Updated: 16 Jul 2016