Portrait

Karlheinz Essl

Gegenwart und Zukunft der Elektronische Musik

Antworten auf einen Fragenkatalog von Anja Wenger


Diese Umfrage soll einen Einblick geben, wie KomponistInnen den aktuellen Stand und die Zukunft der elektronischen Musik beurteilen, ihre Faszination und Begeisterung oder Ablehnung kundtun.



1. Wann sind Sie das erste Mal mit elektronischer Musik in Berührung gekommen und welche Art von elektronischer Musik war das?

Schon als Jugendlicher in den 1970er Jahren, als ich über die deutsche Experimentalrockband CAN auf Karlheinz Stockhausen stieß. In der Folge besorgte ich mir die LP mit seinen Kontakten, die mich nachhaltig faszinierte, sowie seine bei DuMont erschienenen Texte zur Musik, die ich jahrelang studierte.

Während meines Kompositionsstudiums bei Friedrich Cerha kam ich in Kontakt mit dem Komponisten Gottfried Michael Koenig, der in den 50er Jahren Stockhausens Assistent am Kölner WDR Studio gewesen war. Durch ihn stieß ich auf das unermessliche Feld der algorithmischen Komposition, mit der ich mich seit Mitte der 1980er Jahre zu beschäftigen begann, was in Folge zur Entwicklung eigener Software-Environments wie der RTC-lib führte, die ich bis heute in meinen Kompositionen verwende.



2. Was fasziniert Sie an elektronischen Klanglandschaften bzw. was lehnen Sie an elektronischen Klängen ab?
Mich faszinieren vor allem die neuen kompositorischen Möglichkeiten, die darin bestehen, anstelle von reproduzierbaren Partituren auto-generative Prozesse zu gestalten, die in Echtzeit ablaufen und interaktiv gestaltet werden können. Darin löst sich die Trennung zwischen Komposition, Notation und Interpretation auf. In Folge führte dies zur Entwicklung eines mir auf den Leib geschneiderten elektronischen Instrumentes namens m@z°2, das ich vor allem in Improvisations-Projekten einsetzen.

An manchen Formen der Elektronischen Musik - gleichgültig, ob sie einem akademischen oder subkulturelle Umfeld entstammt - stört mich ihre Klischeehaftigkeit, die oftmals aus der unreflektierten Verwendung bestimmter Software bzw. Produktionsmethoden herrührt.



3. Wie beurteilen Sie die Aufgeschlossenheit des Publikums gegenüber Neuer Musik im Allgemeinen und gegenüber elektronischen Einflüssen im Bereich der Neuen Musik?
Sobald Neue Musik ausserhalb des bilderbürgerlichen Konzertrituals stattfindet, stößt sie auf mehr Interesse und Begeisterung, da dort gewisse traditionelle Erwartungshaltungen fehlen. Deshalb finde ich es notwendig, Aufführungsorte jenseits der klassischen Konzertsäle zu suchen wie etwa Fabrikshallen, Kunstmuseen, Sakralräume oder alternative Off-Spaces. Das Publikum ist dort in der Regel aufgeschlossener und zudem meist auch an anderen Kunstformen wie Film, Literatur oder Bildender Kunst interessiert. Elektronische Musik wird hier nicht als Fortführung einer Traditionslinie "von Bach über Beethoven zu Boulez" verstanden, sondern als eigenständiges Phänomen, von dem man sich berühren und gefangen nehmen läßt.


4. Mit welchen Programmen arbeiten Sie?
Für mich ist es wichtig, keine "industriellen" Programme zu benutzen, sondern meine Software selbst zu schreiben, als Ausdruck künstlerischer Autonomie, die auf dem Prinzip des Do It Yourself beruht. Dafür verwende ich seit Anfang der 1990er Jahre die am IRCAM entwickelte Programmiersprache MaxMSP. Als Erweiterung dieser Sprache habe ich eine Bibliothek von Kompositionsalgorithmen - die sog. RTC-lib (Realtime Composition Library) - entwickelt, die als Open Source frei verfügbar ist und weltweit genutzt wird. Diese Sammlung von Tools ist auch Basis für die Elektronik meines Saxophonquartetts colorado.


5. Bevorzugen Sie rein elektronische Stücke oder Stücke für Instrumente und z.B. Live-Elektronik?
Ich selbst arbeite in allen Feldern der Elektronischen Musik - sowohl mit als auch ohne Instrumenten. Manche Werke wie etwa die Klanginstallation Von Hirschen und Röhren existieren als unendliche Prozesse, die in Echtzeit von Computerprogrammen generiert werden und deren Entwicklung unvorhersehbar ist. Andere Werke wiederum - wie die derzeit in Arbeit befindlichen Sequitur-Stücke - basieren auf einer exakt notierten Partitur, deren Live-Elektronik vom Spieler zu einem gewissen Grad gesteuert werden kann, wenngleich sie ein eigenständiges und unkontrollierbares Eigenleben führt.


6. Wohin, denken Sie, wird die Entwicklung elektronischer Musik gehen?
Die Entwicklung geht in viele Richtungen; die vielversprechendste führt meiner Meinung nach zur Gestaltung neuartiger Klangwelten, die unser persönliches Erleben von Musik in ungeahnter Weise bereichern kann. Dies beinhaltet die Auflösung überkommener Konzertrituale zugunster anderer Rezeptionsformen und die Schaffung immersiver Klangwelten, die wie Naturphänomene unser Leben begleiten können: als Klangkunst im öffentlichen Raum, Musikströme aus dem Internet, netzwerkartige Kooperationen zwischen Musikern ohne hierarchische Strukturen, die Übernahme des "Open Source" Gedankens in der Weitergabe von Musik bzw. der freizügigen Verfügungstellung eigener Entwicklungen. Zudem sehe ich zukunftsweisende Formen der Interaktion zwischen Klang- und Bilderwelten und deren wechselseitige Beeinflussung während ihres in Echtzeit ablaufenden Entstehungsprozesses.



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Updated: 5 Oct 2014