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Komponieren im Cyberspace

Karlheinz Essl im Gespräch mit Hanns Abele (1941-2016)
für das Internet-Radio AIR der Wirtschaftsuniversität Wien
29 Dec 1998


Die technischen Änderungen wirken sich immer stärker auf das tägliche Leben auch des Durchschnittsbürgers aus. Beispielsweise haben die Formen der Mobilkommunikation in kürzester Zeit einen hohen Verbreitungsgrad erreicht, sodass selbst in öfentlichen Verkehrsmitteln of mehrere Handies gleichzeitig akustische Signale geben und ein wildes Schnattern beginnt, wenn verschiedene Gespräche in mittlerer Lautstärke im selben Raum gehört werden. Haben Sie sich schon einmal überlegt, dass sich mit den angesprochenen neuen technischen Möglichkeiten auch die Werkzeuge für Künstler verändern und neue künstlerische Ausdrucksformen möglich werden und gewohnte Kunstformen ein völlig neuartiges Profil erhalten, also neue Formen und Inhalte entstehen?

Im folgenden Beitrag werden wir einen Komponisten vorstellen und Beispiele seiner Kompositionen bringen, die bewusst die Möglichkeiten der Informationstechnologie bzw. Netzkommunikation einsetzen.


Karlheinz Essl performing fLUX at SCHÖMER-HAUS. Photo by Ali Schafler

Karlheinz Essl bei einer Live-Performance
© 1998 by Ali Schafler


Hanns Abele: Ich freue mich, heute Herrn Essl bei uns als Gast zu haben, der sich besonders der modernen Musik verschrieben hat, obwohl er auch eine klassische Ausbildung genossen hat. Herr Essl, wie sehen Sie denn die Rolle des Komponisten in der heutigen Gesellschaft?

Karlheinz Essl: Komponisten im Bereich der Neuen Musik schreiben in der Regel keine affirmative Musik, in der sich das Bürgertum bestätigt fühlt, wie das früher im Barock und im 19. Jahrhundert der Fall war, wo Komponisten oftmals die Funktion des Haus- und Hofmusikus hatten und damit ihre gesellschaftliche Trägerschicht repräsentiert haben. Heute jedoch ist der Komponist im Regelfall ein Einzelgänger, der vielleicht auch unangenehme Sachen thematisiert, aber nicht etwa wie ein Politiker direkt benennt sondern in einer anderen Weise - verschlüsselt - auf's Tapet bringt.

HA: Sehen Sie die Rolle des Komponisten isoliert von der Gesellschaft bzw. den technischen Möglichkeiten oder spielt es für das Schaffen eines modernen Komponisten eine große Rolle, dass verschiedene neue Medien existieren, dass verschiedene technische Möglichkeiten nunmehr vorhanden sind, die früher in dieser Form überhaupt nicht existiert haben?

KHE: Ich glaube, dass der Komponist zu jeder Zeit die sozialen Bedingungen widerspiegelt. Heutzutage, mit dem Aufkommen der technischen Errungenschaften etwa in Bezug auf die Computertechnologie oder die Neuen Medien zeigen sich ganz andere Fragestellungen. Die Rolle des Komponisten anno dazumal, als er im Elfenbeinturm seine Symphonien geschrieben hat, wird immer fragwürdiger. Durch den Einsatz neuer Techniken ergeben sich neue Möglichkeiten des Schaffens, und auch der Kommunikation mit dem Publikum. Das heisst, das die Aufführung der Werke nicht unbedingt im Konzerthaus oder im Musikverein stattfinden muss, sondern auch zum Beispiel im Internet.

HA: In dieser Hinsicht haben Sie ja schon einiges an Erfahrung gesammelt. Wie ist denn die Reaktion des Internetpublikums auf solche Veranstaltungen?

KHE: Das ist schwer zu beurteilen. Selbst wenn ich weiss, wie viele Leute zugehört haben, erhalte ich nur von einem Bruchteil davon Rückmeldungen. Wie auch immer, es gibt dadurch aber die einmalige Möglichkeit, über den gesamten Internet-Globus Menschen anzusprechen und sie als Hörer zu gewinnen. Die Reaktionen erschöpfen sich nicht nur auf Zustimmung oder Ablehnung, sondern es entstehen oft regelrechte Diskurse und Auseinandersetzungen, namentlich unter Musikern, aber auch mit Künstlern aus anderen Gebieten, die sich mit den Neuen Medien beschäftigen und dadurch auch mit Neuer Musik in Berührung kommen.

HA: Ein wesentliches Element bei der Aufführung ist - an der Schnittstelle zwischen Komponist und Publikum - auch der Interpret. Welche Rolle kommt nun dem Interpreten in der mehr technologiegetriebenen Form der Komposition zu?

KHE: Es gibt Stücke von mir, wo der Interpret überhaupt keine Rolle spielt, zum Beispiel in der Lexikon-Sonate für computer-gesteuertes Klavier. Dieses Werk existiert nicht wie üblich in Form einer Partitur, die von einem Musiker interpretiert wird, sondern ist eine Computerprogramm, das in Echtzeit Klaviermusik komponiert und auf einem speziellen akustischen, computer-gesteuertem Klavier widergibt. Dort spielt der Interpret keine Rolle.

Es gibt aber auch Stücke, die ohne Interpreten gar nicht funtionieren, wie zum Beispiel Champ d'Action: die Notation des Stückes erscheint auf dem Bildschirm eines Computers und kann interaktiv verändert werden, und wird von Musikern nach einem speziellen Spielsystem interpretiert. Hier bekommt der Interpret eine ganz neue Funktion: nicht in der Reproduktion eines ausgearbeiteten Notentextes, sondern indem er die Spielanweisungen als Interpret eigenständig realisiert und sich dabei in einer aktiven schöpferischen Weise einbringt. Dadurch wird er zum Co-Komponisten. Für solche Projekte müssen die Musiker natürlich besonders ausgewählt werden. In der Regel sind das Komponistenpersönlichkeiten, die mit mir gemeinsam an der Aufführung eines solchen Werkes zusammenarbeiten.

HA: Ist das aber nicht eine sehr starke Fragmentierung der Aufführungspraxis? Wenn mehrere Interpreten am Werke sind, sind sie dann nicht zu sehr mit der Realisierung des eigenen Parts beschäftigt und können sich weniger dem widmen, was die anderen Musiker zur gleichen Zeit leisten?

KHE: Die Erfahrung zeigt das Gegenteil: gerade bei Champ d'Action haben wir bei den Proben trainiert und kultiviert, dass bei der Realisierung nicht nur der eigene Part absolviert wird, sondern dieser im ständigen Bezug auf die anderen gespielt wird. Mit den Musikern, mit den ich hier zusammengearbeite habe - viele von ihnen kamen auch aus dem Bereich der freien Improvisation -, hat das ganz wunderbar geklappt.

HA: In Normalfall ist der Computer eigentlich ein relative unflexibler Geselle. Wie kann man diese technisch bedingte Rigidität für die Realisation einer Komposition überwinden?

KHE: Der Computer wird in der Regel immer als der große Ordnungsstifter eingesetzt. Ich benutze ihn aber ganz anders, nämlich als Unordnungsstifter. Und das ist auch der Grund warum ich mich sehr stark mit dem Zufall und seinen verschiedensten Formen beschäftigt habe, weil das uns helfen kann, unsere eigenen Vorstellungen und Leitbilder in Frage zu stellen. Wenn ich selbst mit Computern arbeite, verwende ich immer die verschiedensten Arten von Zufallsprinzipien, die in einem vorgegebenen Framework, das die eigentliche Komposition darstellt, Wege vorschlagen, die dann der Interpret gehen kann. Dadurch ist eine Situation der absoluten Offenheit gegeben: es existiert nun nicht der eine Wege, den ich vorgezeichnet habe, sondern eine Vielzahl gangbarer Alternativen, die aber jedesmal mit musikalischem Sinn erfüllt werden müssen. Und dadurch entsteht eine starke Spannung im Prozess der Aufführung, die sich auch auf das Publikum übertragen kann.

HA: Wenn Sie aber überlegen, wie schwierig es ist, auf dem Computer Zufallszahlen zu generieren, stoßen Sie da nicht an die Grenzen, wenn Sie den Zufall via Computereinbindung in Ihre Komposition integrieren wollen?

KHE: Es gibt ganz viele verschiedene Arten des Zufalls. Auch wenn man nur mit Pseudo-Zufallszahlen arbeitet, spielt der mathematische Zufall keine sehr wesentliche Rolle: die Zufallsprinzipien, die ich verwende, sind der gewichtete Zufall, der Zufall mit Wiederholungsverbot. Es geht hier um eine alte Idee aus den 50er Jahren aus der Theorie der seriellen Musik, wo man Vermittlung zwischen Gegenteilen herstellen wollte. Ein anschauliches Bild, das auf Karlheinz Stockhausen zurückgeht: Schwarz und Weiß werden nun nicht mehr als Gegensätze gesehen, sondern als Extremwerte auf einer Skala von Graustufen. Dieses gleiche Vermittlungsprinzip läßt sich nun auf die Dialektik von Ordnung und Chaos anwenden. Und gleiches gilt auch für die verschiedenen Formen des Zufalls zwischen Determination und Indetermination. Darüber gibt es auch einiges an theoretischen Überlegungen, aber die sollen für den Hörer keine Rolle spielen. Nur kann ich mit dieser Methode ganz gezielt auf bestimmte Wirkungen hinarbeiten.

HA: Sie haben gesagt, dass Sie auch über das Internet verschiedene Kompositionen realisieren. Spielt da die Frage, wer sich da nun über das Netz am Kompositionsprozess beteiligt, für die Art und überhaupt das Zustandekommen Ihrer Komposition eine spezielle Rolle?

KHE: Wenn es wirklich um Komposition geht, dann arbeiten daran natürlich keine anonymen Personen mit. Es sind immer Musiker, mit denen ich oder die mit mir in Kontakt treten, um gemeinsam ein Projekt zu realisieren. Das Paradebeispiel für eine solche Zusammenarbeit ist das work-in-progress Amazing Maze, das zusammen mit verschiedenen Musikern hauptsächlich aus Amerika zustande gekommen ist, die mich gebeten haben, für ihr eigenes Instrument eine Version des Stückes auszuarbeiten. Das Stück besteht aus einem Computerprogramm, das auf einem Apple Macintosh läuft, das elektronische Klänge in Echtzeit generiert, die der Spieler selbst beeinflußen und steuern kann. So kam an Anfang der Cellist Jeffrey Krieger auf mich zu. In seinem Brotberuf ist er Solocellist in einem klassischen Symphonieorchester in Massachuetts. Daneben aber gibt er als Solist Solo-Performances von zeitgenössischer Musik auf einem elektrischen Cello (in etwa vergleichbar einer E-Gitarre). Wir haben zusammen eine Spezialversion von Amazing Maze gemacht, wo ich ganz besonders Bezug genommen haben auf seine Art des Spiels und auf die Möglichkeiten seines Instrumentes. Hier wurden auch Klänge, der er nach meinen Angaben auf seinem Instrument aufgenommen hat, in das Programm integriert. Es war eine echte gegenseitige Durchdringung. Wir kannten uns zu dieser Zeit noch nicht persönlich - der einzige Kontakt fand über das Internet statt, über das er mir seine Klänge geschickt hat, die von mir dann in das Programm eingebaut wurden. Amazing Maze spielt er übrigens ziemlich oft. Es ist für ihn so eine Art Paradestück geworden.

HA: Das ist interessant, dass das Internet neue Aktivitäten schaffen kann, wo sich gemeinsame Interessen ohne Rücksicht auf die Entfernung manifestieren können, um zu gewissen neuen Schöpfungen beizutragen. Vielleicht können wir mit unserem kleinen Radioprogramm einmal einen Auftrag an Sie erteilen, bzw. dass wir Anregungen zu weiteren Kompositionen liefern. Das würde uns sehr freuen und wir laden unser Hörer und Hörerinnen gerne ein, von dieser Anregung Gebrauch zu machen. Ich danke Ihnen ganz herzlich, dass Sie bei uns zu Gast waren.



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Updated: 21 Sep 2016