Münchner Merkur vom 9./10.8.1997 PORTRÄT

Ich schaue nicht auf Quoten

Salzburger Festspiele: Interview mit "Next Generation"-Komponist Karlheinz Essl


VON PETER BAIER

Seine musikalischen Wurzeln sind bestimmt von zwei Gegensätzen: Die Begeisterung für Improvisation, vor allem im Jazz und in der Rockmusik, und die intensive Beschäftigung mit mittelalterlicher, speziell gotische Musik. Karlheinz Essl, Jahrgang 1960, in Wien geboren, hat dort Komposition studiert bei Friedrich Cerha, der vor allem bekannt wurde durch die Vervollständigung von Alban Bergs Oper "Lulu". Heuer ist Karlheinz Essl neben Mathias Pintscher einer der Vertreter der "Next Generation" bei den Salzburger Festspielen. Neben zwei Konzertabenden, bei denen nicht nur seine Werke (ur)-aufgeführt werden, sondern die er selbst konzipiert hat, sind auch zwei Installationen aus seiner Feder während der Festspiele zu erleben, Musim im öffentlichen Raum: Amazing Maze für gesampelte Klangpartikel - eine achtkanalige Klanginstallation im pflanzenbewachsenen Tunnel des Salzburger Mirabellgartens - und Lexikon-Sonate für computergesteuertes Klavier im Orpheus-Foyer des Kleinen Festspielhauses.


Studiert haben Sie bei Friedrich Cerha. Als Ihr Lehrer gehört er im Moment zur etablierten Komponisten-Generation. Sie sind - in Salzburg programmatisch - die "Next Generation", die kommende Generation untern den Tonsetzern. Wird sich das Publikum der Zukunft gemeinsam mit der Neuen Musik ändern?

Ich glaube schon, daß sich das Rezeptionsverhalten des Publikums ändert. Bis jetzt gibt es doch noch das bildungsbürgerliche Ideal: Im Alter von sieben Jahren lernt man Klavier, dann darf man mit den Eltern ins Mozart-Konzert, dann zu Wagner, der Gipfel ist meist Richard Strauss. Wenn jemand besonders interessiert ist, verkraftet er noch Schönbergs Verklärte Nacht, und die ganz Verrückten schaffen's vielleicht bis Boulez. Heute aber, und das wird sich in Zukunft noch verstärken, will nicht mehr jeder durch die Mühlen der Klassik und Romantik. Die jüngeren Menschen haben eine andere Bildung: Kino, Video, Jazz, Rock, Pop. Sie haben meiner Meinung nach auch einen intuitiveren Zugang zur Musik, sie können sich besser hingeben als die Bildungsbürger. Die Bereitschaft, fremde, manchmal auch unheimliche Welten kennenzulernen, haben diese jungen Menschen auf jeden Fall.

Können Sie mit Ihrer Musik auch die übernächste Generation, die Fünfzehn- bis Zwanzigjährigen in den Konzertsaal locken?

Ich hoffe schon. Aber es gibt zwei Arten von Jugendkultur: Die eine ist total konsumorientiert, ihre Vertreter leben nur nach dem, was ihnen die Industrie vorgauckelt. Die erreiche ich sicher nicht. Es gibt aber auch Jugendliche, die bereit sind für experimentelle Abenteuer. Die könnte ich mir auf alle Fälle in meinen Konzerten vorstellen.

Wie kamen Sie denn von Rock und Jazz zur komponierenden Avantgarde?

Ich habe Kontrabaß gelernt, in vielen Band die Bibel der Jazzer, das "Realbook", rauf und runter gespielt. Fasziniert hat mich daneben auch das, was wir Deutsch- oder Krautrock nannten. Da gab es diese Band CAN, die sehr viel mit Elektronik, mit dem Synthesizer gearbeitet hat. Die wiederum hatten Kontakt zu Karlheinz Stockhausen - da war der Weg dann nicht mehr weit zur Avantgarde. Als Siebzehnjähriger habe ich mir die Noten und Texte von Stockhausen aus der Leihbibliothek geholt und alles verschlungen. Zwar wußte ich nicht so genau, was ich da eigentlich tat, aber es mußte sein.

Sie schreiben - zumindest im Programmheft - Ihren Vornamen konsequent mit dem Computer-Buchstaben @, also Karlheinz. Ist das ein richtiggehendes Credo?

Das ist ein Bekenntnis zum Netz. Ich arbeite mit dem Internet seit einer Zeit, als es in Europa noch kaum bekannt war. Es ermöglicht ein Zusammentreffen mit Künstlern über alle Grenzen hinweg: sowohl räumliche über Länder und Kontinente als auch von den Sujets her. Installationen, Performances, nicht nur mit Musikern, auch mit kreativen Menschen aus dem Bereich der Bildenden Kunst - das alles ermöglicht das Internet.

Hat es eine besondere Bedeutung, daß Sie ausgerechnet mit einem Macintosh arbeiten?

Das steht in Zusammenhang mit der Software [Max/MSP], die ich beim Komponieren verwende. Das Betriebssystem für meine Musik läuft halt nur auf dem Mac.

Die Alten Meister, zum Beispiel Bach, Mozart, Haydn, haben bei alle Kunstfertigkeit auch zur Unterhaltung komponiert. Spielt das unterhaltsame Element in Ihrer Arbeit eine Rolle?

Manchmal kommen Leute nach Konzerten mit meiner Musik auf mich zu und sagen, sie hätten sich gut unterhalten oder gar amüsiert. Natürlich gefällt mir das. Aber eigentlich kann ich mit dem Begriff Unterhaltung - was meine Arbeit als Komponist betrifft - nicht anfangen. Jede Art von Entertainment ist mir fremd.

Sie kennen und spüren doch sicherlich die Zurückhaltung der Mehrheit des Publikums gegenüber zeitgenössischer Musik. Wie werden Sie als "Betroffener" damit fertig?

Ich empfinde das nicht so arg. Zu jeder Zeit war Kunstmusik doch eine Sache von Minderheiten. Ich schaue nicht auf die Quote.

Rhythmus, Harmoni und Melodie waren die Parameter herkömmlicher Musik. Was werden die Parameter der Zukunft sein?

Der Klang.


in: Münchner Merkur (München 9./10.8.1997)



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Updated: 28 Nov 2005