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Karlheinz Essl

Neuer Kompositionsprofessor an der Musikuni Wien
Karlheinz Essl im Gespräch mit Susanne Benes
11. Oktober 2007



Susanne Benes: Ich habe gelesen, Sie haben vor Ihrem Studium der Musikwissenschaft und Kunstgeschichte eine Ausbildung zum Chemiker gemacht. Woher kam der Wechsel?

Karlheinz Essl: Ich habe mich als Kind brennend für Naturwissenschaften und vor allem auch für Chemie interessiert. Das hat vielleicht damit zu tun, dass einer meiner Onkel Universitätsprofessor für Biochemie war und mich als Kind schon für diese Materie begeistern konnte. Ich wollte unter keinen Umständen eine Handelsakademie, was meine Eltern an sich vor hatten, sondern eine Chemiefachschule machen. Dort bin ich mit Leuten in Kontakt gekommen, die sich sehr intensiv mit Kunst beschäftigt haben, vor allem mit Rockmusik und Literatur. In der Literatur waren das die Romantiker, wie E.T.A. Hoffmann, und andererseits der Wiener Aktionismus. Dies hat dazu geführt, dass wir eine Gruppe ins Leben gerufen haben, die sich Klapperatisten nannten. Im Rahmen dieses losen Netzwerks von Aktionisten gab es dann auch ein Rock-Band, bei der ich als Gitarrist mitgespielt habe.

SB: Wie hieß diese Band?

KHE: Coppelius – das ist der Name einer Figur aus dem Sandmann von E.T.A. Hoffmann. Eine wichtige Referenzband war für uns die Gruppe CAN aus Deutschland. Das Interessante war, dass zwei Musiker dieser Band Schüler von Karlheinz Stockhausen waren. So kam ich zum ersten Mal mit dem Namen Stockhausen in Berührung. Ich war damals 15, bin in die Städtische Hauptbibliothek gegangen und habe nachgeschaut was es von Stockhausen gibt. Dort habe ich mir dann eine Platte mit seinen KONTAKTEN angehört, eine Musik, die mich maßlos entsetzt und gleichzeitig auch beeindruckt hat; ich hatte so was vorher noch nie gehört. Es gab auch noch jede Menge Literatur, Stockhausen hat ja bekanntlich seine eigenen Texte zur Musik veröffentlicht, die damals bereits in drei Bänden erschienen waren. Diese Bücher haben mein Freund Jack Hauser und ich uns in den folgenden drei Jahren abwechselnd ausgeborgt, so dass sie immer in unserem Besitz waren. Obwohl ich von dieser Materie damals nicht viel verstanden hab, hat mich das unglaublich fasziniert. Von da an habe ich gesagt, wenn ich die Schule fertig habe, möchte ich etwas mit Musik machen.
  Karlheinz Essl © 2006 by Mischa Nawrata

Karlheinz Essl
© 2006 by Mischa Nawrata


SB: Wieso haben Sie dann zuerst Musikwissenschaft studiert und nicht Komposition?

KHE: Das habe ich mich noch nicht getraut. Ich habe erst einmal mit Musikwissenschaft begonnen. Das war auch nicht ganz einfach, da ich in der Schule kein Latein hatte, und das nachholen musste. Mich hat immer interessiert, wie Musik im Innersten funktioniert. Sehr früh habe ich Klavierunterricht erhalten. Ich hatte eine Lehrerin, die schon als Kind mit mir Tonsatz gemacht hat, die Materie war mir also sehr vertraut. Das konnte ich natürlich auch in meiner Band – in der ich allerdings E-Gitarre spielte – gut einsetzen. Ich habe dann später wieder Klavierunterricht genommen und meine Lehrerin sagte zu mir: „Nur Theorie, das ist zu wenig, du musst irgendwas grundsätzlich Handwerkliches lernen. Mach doch Tonsatz!“ Sie hat mich dann zu Alfred Uhl geschickt, der damals schon emeritiert war, aber noch 2 Jahre unterrichtet hat. Ich bin zu ihm gegangen, habe mich vorgestellt und habe ihm die Arbeitsproben gezeigt. Er hat gesagt: „Ja, ich würde sie gern nehmen. Ich mache allerdings keinen ersten Jahrgang mehr, sie müssten im Dritten einsteigen.“ Das habe ich mir zugetraut, da ich ja das Ganze schon gelernt hatte. Dann haben wir vereinbart, dass ich mir über die Ferien die Materie intensiv aneigne, dann zu ihm komme und er entscheidet ob ich die Aufnahmeprüfung machen soll oder nicht. Es hat geklappt. Ich bin dorthin gekommen, habe vorgespielt und vorgesungen und bin aufgenommen worden. Das hatte den Vorteil, dass ich das Studium innerhalb von zwei Jahren, denn Tonsatz hat damals 4 Jahre gedauert, absolvieren konnte.

In dieser Zeit habe ich mich intensiv mit Alter Musik beschäftigt. Auch im Zuge meines Musikwissenschaftstudiums war das ein Schwerpunkt. Ich habe mich damals aber auch mit Hindemith und neoklassizistischen Positionen auseinandergesetzt und habe in diesem Stil auch komponiert. Nach dem Tonsatzdiplom stand ich vor der Entscheidung, zu welchem Kompositionslehrer ich gehen sollte. Ich habe mir gedacht, ich möchte einen ganz Radikalen nehmen, der sicher ganz anders gelagert ist als ich. So bin ich zu Friedrich Cerha gekommen. Das war am Anfang sehr schwierig, weil es zu große Unterschiede zwischen uns gab. Deshalb war ich auch zwei Jahre lang nicht in der Lage etwas zu komponieren. Er hat allerdings gesagt: „Sie müssen nicht komponieren. Es reicht mir, wenn Sie Analysen machen.” In dieser Zeit habe ich mich intensiv mit der Wiener Schule auseinandergesetzt, vor allem Berg und Webern. Später dann serielle Musik, Ligeti, Boulez, Stockhausen, und plötzlich war der Damm gebrochen. Ich habe wie ein Besessener zu schreiben begonnen und habe in zwei Jahren mein ganzes Diplomprüfungsprogramm geschrieben.

SB: Also war Ihre Entscheidung, zu Cerha zu gehen, im Endeffekt die Richtige?

KHE: Unbedingt. Ich glaube, ich wäre nicht hier, wo ich jetzt bin. Er hat mich gewissermaßen gerettet, wenn man so will. Er hat mich erschlossen. Er hat mir eine neue Welt eröffnet. 1983, anläßlich des hundertsten Geburtstages von Anton Webern, gab es im Konzerthaus ein großes Webernfestival. Nach dem Unterricht hat mich Cerha immer dorthin mitgenommen, und ich habe da Musik gehört die mich buchstäblich umgehauen hat. Das war mein Damaskus-Erlebnis. Das hat mein ganzes musikalisches Weltbild nachhaltig geprägt. Ich habe dann letztendlich auch meine Dissertation auf der Musikwissenschaft über Webern geschrieben. Besonders interessiert hat mich die Frage des Traditionsbezuges, weil Webern gerade im Spätwerk, immer wieder darauf rekurriert hat, dass er eine Synthese von Bach und Beethoven herzustellen versuchte. Was mich sehr beschäftigt hat, waren einerseits die Vertreter der Moderne, andererseits aber eben auch deren Traditionsbezug. Denn ich denke, als Komponist beginnt man nie bei Null, man knüpft in gewisser Weise immer irgendwo an.

SB: Meinen Sie also, dass die Kenntnis der Tradition wichtig ist, um etwas eigenes Neues schaffen zu können?

KHE: Also ich persönlich, würde das hundertprozentig so sehen. Ich kenne aber auch Leute, nicht unbedingt aus dem akademischen Umfeld, die Traditionsbezüge bewusst ablehnen oder sich nicht dafür interessieren. Aber ich vermisse da oftmals eine gewisse Reflexionsebene. Man merkt es den Stücken auch an. Was oft als neu, als Erfindung oder als state-of-the-art verkauft wird, ist dann oft nichts anderes, als ein Aufguss von Dingen, die früher schon einmal gemacht worden sind. Heute muss man als Komponist über ein möglichst breites Wissensspektrum verfügen, was nicht heißt, dass man das alles in sein Werk aufnehmen muss. Nur weil man über Mozart und Beethoven Bescheid weiß, heißt das noch lange nicht, dass man wie sie komponiert. Es wäre aber gut, zu wissen, wie es geht. Das ist auch der Grund, warum in den Tonsatz- Studien hier an der Uni diese Referenzkomponisten, wie Bach und Palestrina bzw. Josquin gelehrt werden. Nicht um sie zu kopieren, sondern weil man an dieser Materie sein Handwerk und sein Gehör schult. Was ich bei meinen Studenten in den Vordergrund heben möchte, ist die Auseinandersetzung mit der musikalische Moderne. Mit Wissen über Literatur, Kunst und andere Komponisten.

SB: Hören Sie eine neue Richtung bei Ihren Studenten an der Universität heraus?

KHE: Ich habe meine Stelle erst vor wenigen Tagen angetreten und konnte erst jetzt meine Klasse kennenlernen - in Form von Einzelgesprächen. Ich bin sehr beeindruckt von der unglaublichen Vielfalt, die sich mir geboten hat. Jeder ist ganz eigenständig und hat seine eigene Ausprägung. Was mir heute auf jeden Fall eine Konstante scheint, ist dass es dieses frühere Schubladen-Denken heute glücklicherweise nicht mehr gibt. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich eine Kompositionsklasse mit Schwerpunkt Elektroakustischer und Experimenteller Musik übernommen habe, die allein auf Grund dieser Ausrichtung sehr offen ist. Die Leute, die bei mir studieren, haben auch überhaupt keine Berührungsängste zu Formen und Stilen der Popularmusik, auch wenn Sie es nicht unmittelbar in den eigenen Arbeiten verwenden. Man sieht auch, dass diese Auseinandersetzung mit früher nicht so angesehenen Kunstformen heute kein Problem mehr darstellt.

SB: Welche Bedeutung hat Popularmusik für Sie? Hören Sie Popularmusik?

KHE: Ja, ich höre sie immer wieder. Es liegt vielleicht daran, dass die Musik, die man als Jugendlicher gehört hat, einen sein ganzes Leben lang begleitet. Und es gibt bestimmte Sachen, die wenn ich sie höre, für mich bestimmte Emotionen transportieren. Ich höre sehr gerne die Musik der Gruppe CAN, wenn ich länger im Flugzeug sitze. Aber auch Rockmusik wie Jimi Hendrix, Cream, Frank Zappa und Gentle Giant.

SB: Was sind die wichtigsten Ziele ihrer Arbeit hier im Haus?

KHE: Für mich ist das Wichtigste, dass ich die Studierenden, nachdem ich sie kennen gelernt habe, öffnen möchte. Ich möchte einfach, dass sich das, was bereits vorhanden ist, weiter entfalten kann. Mir geht es nicht darum, sie in eine Richtung zu drängen oder mit bestimmten Wissen zu versorgen, sondern möchte in erster Linie ihre Anlagen zur Entfaltung bringen. Und dafür ist mir jedes Mittel recht. Das ist sehr individuell, das kann man gar nicht über einen Kamm scheren, aber es geht sicher nicht darum, dass meine Studierenden alle kleine Essls werden. Auch mein Lehrer Friedrich Cerha hat nie erwartet, dass wir so komponieren wie er.

SB: Wie sind sie darauf gekommen, an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien zu unterrichten?

KHE: Als vor zwei Jahren diese Stelle ausgeschrieben wurde, habe ich mir die Anforderungen durchgelesen und dabei verblüfft festgestellt: „Das bin ja ich!“ Aufgrund meiner vielfältigen Tätigkeiten hat das Profil auf mich gepasst. Einerseits war ich 12 Jahre lang Kompositionslehrer am Elektronischen Studio der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, andererseits habe ich durch meine Tätigkeit im Essl Museum – als Veranstalter von Konzerten mit Neuer und Experimenteller Musik – auch andere Bereiche abdecken können. Und schließlich beschäftige ich mich seit nahezu 25 Jahren mit allen Formen der Computermusik und entwickle Software für kompositorische Anwendungen, die über das Internet erhältlich ist.


in: Kunsträume 12/2007 - Monatszeitschrift der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien



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Updated: 9 Jul 2016