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Déviation

Karlheinz Essl im Gespräch mit Maximilian Blumencron

Anläßlich eines Konzertes zum 25jährigen Jubiläums
des Ensemble 20. Jahrhundert
im Großen Sendesaal des Österreichischen Rundfunks

ORF


Maximilian Blumencron: Als nächstes steht Déviation von Karlheinz Essl auf dem Programm. Was ist das eigentlich für ein Gefühl, wenn man in der Reihenfolge gleich nach Mozart kommt?

Karlheinz Essl: Das gleiche Gefühl, als wenn man nach Stockhausen kommt.

MB: Wär es Ihnen lieber, nach Stockhausen gespielt zu werden? Oder ist das eher unangenehm für Sie, nach Mozart dranzukommen? Ihre Stücke finden ja meistens statt in Konzerten mit zeitgenössischer Musik.

KHE: Ich denke, daß Neue Musik auch immer etwas von der Alten Musik reflektiert. Es ist für mich ein Privileg, nach Mozart gespielt zu werden, weil der Hörer dadurch jetzt andere Ohren bekommen hat, und vielleicht deshalb mit einer neuen Sichtweise auf meine Musik zugeht. Wie gesagt, Mozart und Stockhausen sind beides sehr große Komponisten, und ich freue mich, daß dieses Stück von Stockhausen [Kontrapunkte (1952/53)] vom "Ensemble 20. Jahrhundert" unter Peter Burwik nicht so gespielt worden ist wie bei seiner Uraufführung.

MB: Die war wann?

KHE: 1953 in Köln, glaube ich.

MB: Nein, ich meine die Uraufführung Ihres Stückes - wann war die?

KHE:Ich spreche jetzt nicht von meinem Stück, sondern von dem von Stockhausen. In den 40 Jahren seitdem hat sich viel getan, daß man heute diese Musik nicht mehr so knöchern, kalt und erbarmungslos spielt wie damals. Sondern daß das ein Musik wird, die fast etwas von Schubert atmet. Ich habe mit dem Peter Burwik einmal darüber diskutiert und ihm gesagt: Ich wünsche mir, daß dieses Stück von Stockhausen so gespielt wird, daß man fast glaubt, es sei ein Schubert. Und ich habe das Gefühl, daß die gerade gehörte Interpretation recht nahe an das herangekommen ist.

MB: Wie wissen Sie eigentlich, daß das damals so knöchern gespielt wurde? Sie haben ja damals noch gar nicht gelebt.

KHE: Ich kenne die Aufnahmen, auf WERGO gibt es eine alte Aufnahme.

MB: Mit Scherchen?

KHE: Ich weiß nicht. Ich interessiere mich nicht so für Plattenaufnahmen... Es ist aber bekannt, daß es auch dem Webern endlich ergangen ist, der anläßlich der Urauführung der Symphonie op. 21 geklagt hat: "Eine hohe Note, eine tiefe Note, eine Note in der Mitte - wie die Musik eines Verrückten!" So wurde damals die Musik von Webern gespielt! Der wollte aber eine Musik haben, die auch fast wie ein Schubert in großen Bögen und großen Gesten daherkommt.

MB: Ihr Stück, das wir jetzt hören werden, ist in zwei Klanggruppen geteilt, eine links vom Dirigenten, die andere rechts von ihm. Vielleicht ein paar Worte noch zu Ihrer Komposition. Sie heißt "Déviation", also "Umleitung, Ableitung, Abweichung". Wie ist das zu verstehen?

KHE: Vielleicht beginnen wir zunächst ganz empirisch bei den Klanggruppen. Anders als bei Stockhausen, wo die einzelnen Klanggruppen Familien bilden, bestehen bei meinem Stück die Gruppen aus drei Instrumenten, die miteinander nichts zu tun haben. Das ist zunächst einmal ein Schlaginstrument (Schlagzeug bzw. Klavier), ein Blasinstrument (Baßklarinette bzw. Flöte) und ein Streichinstrument (Violine bzw. Violoncello). Diese Situation - aufgrund der heterogenen Ensembles, wobei wiederum jedes Instrument in der anderen Gruppe einen Partner hat - allein schon diese Besetzung legt den Keim für das ganze Stück. Wenn es um "Déviation" (also um "Abweichung") geht, kann man dies freilich nur in Bezug auf die Antipode verstehen, nämlich die Annäherung. Und das ist auch das Wesen und der Inhalt dieses Stückes, daß es versucht, aus verschiedenen Situationen des miteinander Umgehens, des miteinander Sprechens, verschiedene Formen der Annäherung zu finden und sich daraus wieder zu lösen. Das hat eigentlich viel mit zwischenmenschlicher Kommunikation zu tun, mit politischen Prozessen, Meinungsbildung.

MB: Wann ist es uraufgeführt worden?

KHE: 1994. Ich habe das Stück für die Solisten des Ensemble InterContemporain geschrieben, deswegen sind die einzelnen Stimmen auch sehr solistisch.

MB: Eigentlich gedacht, es ohne Dirigenten zu spielen.

KHE: Nur ist das unter 10 Proben nicht zu machen. Aber es wird jetzt immer mit Dirigenten gemacht, und ich finde das auch durchaus richtig.

MB: Wieviele Stunden haben Sie dieses Werk geprobt?

Peter Burwik: Abzüglich der Pausen: vielleicht 8 Stunden.

MB: Wir hören nun "Déviation" von Karlheinz Essl mit dem "Ensemble 20. Jahrhundert" unter Peter Burwik.



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Updated: 6 Jan 2006