Portrait

Deconstructing Mozart

Karlheinz Essl im Gespräch mit Gustav Danzinger

Zeitton-Sendung
Ö1: 03.10.2006


Gustav Danzinger: Sehr geehrte Damen und Herren! Zu ZEITTON begrüßt Sie heute Gustav Danzinger. Es gibt ein Konzert, das wir am vorletzten Samstag im Dom von St. Pölten aufgenommen haben im Rahmen des Festivals "Musica Sacra". Ein Konzert, bei dem sich zwei Klangwelten begegneten: Die Welt der Elektronik und die Welt der Kirchenorgel. Karlheinz Essl, der hier im Studio zu Gast ist, hat eine Komposition mit dem Titel Deconstructing Mozart geschaffen und gemeinsam mit Franz Danksagmüller ausgearbeitet und realisiert. Also - wie unschwer zu erkennen ist - sein und des Festivals Beitrag zum Mozartjahr. Es dreht sich dabei um ein ganz konkretes musikalisches Thema, und das wäre dieses:


Aussschnitt aus Deconstructing Mozart I (2006)
Karlheinz Essl: Computer und Elektronik


Ich nehme an, das viele unserer Hörerinnen und Hörer das erkennen konnten, obwohl's gar nicht so leicht ist. Was war das, und warum haben Sie das genommen?

Karlheinz Essl: Das war die Langsame Einleitung zum Dissonanzenquartett KV 465 von Mozart. Ein Streichquartett, das schon damals bei den Zeitgenossen für Verwirrung gesorgt hat, weil man es nämlich mit den damaligen Mitteln der tonalen Musiksprache nicht befriedigend analysieren konnte, und bis heute nicht. Es handelt sich dabei um ein Stück chromatischer Musik, die zwar noch an ein tonales Korsett gebunden ist, aber sich immer wieder daraus befreit und trotzdem absolut sinnvoll und logisch erscheint. Das war für mich eine Metapher, wo der Mozart plötzlich im 3. Jahrtausend ankommt.

GD: Mozart, der Grenzgänger?

KHE: Mozart, der Zukunftsperspektiven eröffnet.

GD: Es dreht sich jetzt bei Ihrer ganzen Komposition, deren Aufbau wir ja noch kurz erklören wollen, ausschließlich um diese Langsame Einleitung, die dem Mozartschen Quartett seinen Beinamen - also eben Dissonanzenquartett - verschafft hat.

KHE: Die Langsame Einleitung ist sozusagen unser Materialsteinbruch. Diese haben wir einige Wochen vor dem Konzert an der Domorgel von St. Pölten aufgenommen. Wir: das sind Franz Danksagmüller, früher Domorganist in St. Pölten, jetzt Professor für Orgel in Lübeck. Er war ein Student von mir am SAMT (dem Studio for Advanced Music and Media Technology) an der Bruckneruni in Linz. Wir beiden haben gemeinsam - quasi vierhändig - diese Einleitung zu dem Streichquartett auf der Orgel gespielt. Eigentlich ein unübliches Verfahren, dass man ein Streichquartett auf die Orgel überträgt; wir wollten aber die Struktur dieses Stückes auf den Orgelklang applizieren.

GD: Also "Thema con Variazioni", sozusagen.

KHE: Das wäre der traditionelle Ansatzpunkt gewesen. Wir haben das aber als Materialsteinbruch aufgefasst. Aus der Aufnahme dieses Stückes habe ich dann in meinem Studio wichtige und für mich prototypische musikalische Gestalten, Gesten, Akkordverbindungen und Figurationen herausgelöst und daraus einen Materialfundus angelegt, der in einer bestimmten Weise angeordnet wurde.

GD: Wenn ich den Titel "Mozart Deconstructed" hernehme, dann heißt das eigentlich, dass Sie sozusagen die Aussenhaut von einem Skelett entfernen, die Muskeln wegtun und es bleibt das Skelett über. Ist das so etwas wie Tonsatzanalyse - im übertragenen Sinne?

KHE: Es ist eher die Analyse der Geschichte, oder des musikalischen Denkens. Wenn wir als normale "user" klassische Musik hören, hören wir oft nur die Oberfläche. Weil uns heute die ständige Auseinandersetzung und auch der spielende/musizierende Nachvollzug fehlt. Die Absicht war nun, diese Oberflächen abzuschälen, um zu sehen, was sich dahinter verbirgt und was daraus noch gemacht werden kann. Die zweite Absicht war, die Orgel - laut Ligeti eine monströse Maschine - in ihre Einzelteile zu zerlegen. Wir wollten einerseits den Mozart dekonstruieren, aber zugleich auch die Orgel selbst. Und am Schluss aus diesem "Scherbenhaufen" etwas Neues machen, das zu uns sprechen kann.

GD: Dann vielleicht doch eher Mosaiksteine als Scherbenhaufen...

KHE: "Scherbenhaufen" klingt jetzt sehr pejorativ. "Mosaik" gefällt mir besser: man hat die verschiedenen Elemente wie bei einem Puzzle, die ich neu zusammen setze - ohne Rücksichtnahme auf jene musiksprachlichen Konventionen, die damals geherrscht haben und die man damals natürlich befolgen musste.

GD: Und ein kleines Beispiel, wie weit man damit kommt, möchte ich vorweg noch geben. Gegen Ende dieses Stückes von etwa einer dreiviertel Stunde Dauer, haben Karlheinz Essl und Franz Danksagmüller gemeinsam an Orgel und elektronischem Equipment improvisiert - hier ist es schon sehr schwierig, die Mozartschen Zellen zu erkennen.


Aussschnitt aus Deconstructing Mozart III (2006)
Karlheinz Essl: Computer und Elektronik
Franz Danksagmüller: Kirchenorgel


GD: Wie wir an diesen musikalischen Ort gelangt sind, von dem wir uns jetzt wieder langsam fortbewegen, das können wir dann gleich gemeinsam in der chronologischen Abfolge hören. Wie ist es aber, Herr Essl, dazu gekommen, dass Sie das sozusagen gemeinsam zunächst in Einzelbestandteile zerlegen und dann gemeinsam wieder aufbauen bzw. abwechselnd aufbauen? Den ersten Beitrag habe Sie geliefert mit einer Komposition, die Sie für Ihren Computer gemacht haben. Anschließend hat dann Franz Danksagmüller improvisiert - über das selbe Material oder über seinen Zugang?

KHE: Da möchte ich zunächst eines richtig stellen. Es handelt sich dabei nicht um eine Komposition von mir, sondern um eine Komposition von Franz Danksagmüller und mir. Wobei es Teile gibt, die ich komponiert habe; Teile gibt, die er komponiert hat und Teile gibt, wo wir gemeinsam improvisieren. Jeder hat einen Soloteil gestaltet und hatte dabei alle Freiheiten. Ich habe - wie eingangs geschildert - das Material in seine Einzelteile zerpflückt und damit quasi ein Mosaik gebaut. Franz Danksagmüller hingegen hat sein Solo in Organistenmanier motivisch-thematisch aufgezogen. Er steigert sich im Laufe seines Stückes in eine furiose Trance-Improvisation hinein, die mich unheimlich beeindruckt hat. Weil ich noch nie einen Organisten mit einer derartigen Kraft spielen gehört habe, obwohl das ja gerade auf der Orgel recht gut geht. Was aber Franz Danksagmüller hier geliefert hat, war über alle Maßen erstaunlich.

GD: Und den anschließenden Schlussteil haben Sie dann gemeinsam gestaltet.

KHE: Für den Schlussteil haben wir uns auf anderes Material bezogen. Zwar haben wir immer noch mit der Orgel gearbeitet, allerdings jetzt mehr mit den akustischen Abfallprodukten des Instruments. D.h. alles was wir zuvor als Klangstruktur gehört haben - als harmonischen Ablauf, als Melodie - ist jetzt nicht mehr hörbar, weil wir da nämlich den Orgelmotor ausgeschaltet haben. Man hört jetzt nur mehr das Klappern und stellenweise auch nur mehr den Wind, wenn er durch halbgezogene Register in die Pfeifen strömt. Die Orgel wird so immer mehr dekonstruiert, abgeschnitten oder ausgeräumt und in ihre Einzelteile zerlegt. Zuletzt war das nur mehr ein Klangrausch in Rauschspektren, die aus Orgelpfeifen gewonnen worden sind.

GD: Und Sie mit Ihrer Elektronik haben dabei was gemacht?

KHE: Ich habe die Elektronik genauso gespielt wie Franz die Orgel, nämlich als Instrument unter enormen körperlichen Einsatz. Seit 1998 habe ich ein eigenes Instrument namens m@zeº2 entwickelt, das auf einem Computerprogramm basiert, welches sich als work-in-progress ständig weiter entwickelt. Im Grunde ist das aber ein Kompositions-Environment, das mir erlaubt, im Moment - in Echtzeit - in Reaktion auf einen anderen Musiker oder auf mich selbst, zu komponieren. Dieses System steuere ich von aussen über verschiedene Gerätschaften: Drehregler, Schieberegler, Pedale und Tasten...

GD: ...wodurch sie die diversen Parameter dessen, was da in dem Computer drinnen ist, verändern können wie Tonhöhe, Dauer, Struktur...

KHE: ...und zwar in jeglicher Weise. Das System verfügt auch über eine gewisse Autonomie, wodurch es mir von sich aus bestimmte Dinge anbietet. Ich kann aber in jedem Moment entscheiden, wie weit ich dies eingrenze oder frei lasse. Deswegen gibt's immer sehr viel Überraschung. Um jetzt mit diesem Instrument eine Stück zu spielen, muss ich dafür eine Komposition schreiben.

GD: Das, was wir also jetzt komplett hören werden, das ist eine ganz, ganz einmalige Sache. Das können Sie beide nicht genau wortwörtlich wiederholen.

KHE: Völlig richtig.

GD: Karlheinz Essl und Franz Danksagmüller: Deconstructing Mozart. Die beiden Komponisten oder Erfinder sind auch die Ausführenden an Elektronik und Orgel in der Domkirche von St. Pölten.


Deconstructing Mozart in einer Binauralaufnahme
Franz Danksagmüller: Orgel, Karlheinz Essl: Elektronik



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Updated: 10 Aug 2015