Barbara Eckle

Toys 'R' Us. Spielzeug in der Neuen Musik

Karlheinz Essls Musik für Toy Pianos
SWR2 | JetztMusik

SWR2 - Südwestrundfunk


Ausschnitt eines Radiofeatures von Barbara Eckle mit O-Tönen des Komponisten Karlheinz Essl
Erstsendung am 19.09.2016 im Radiosender SWR2



Toy Piano

Nach Cage’s Suite for Toy Piano blieb es zunächst 30 Jahre still um das Spielzeugklavier. Erst seit den achtziger Jahren erfreute es sich größerer Beliebtheit. Mit steigender Tendenz. Bekannte Komponisten wie Georg Crumb oder Louis Andriessen haben schon dafür geschrieben. Aber kaum einer hat dem Toy Piano einen so großzügigen Platz in seinem Oeuvre eingeräumt wie der 1960 geborene Österreicher Karlheinz Essl. Ganze neun - zum Teil große Werke - sind seit 2005 von ihm entstanden. Als Solowerke, Ensemblestücke, mit und ohne Live-Elektronik oder Zuspielung. Für seine Toy Piano-Vorliebe bringt Essl einen durchaus einleuchtenden Grund hervor:

„Wenn ich zu einem Klavier gehe und eine Taste anschlage, dann schwingt in diesem Ton schon die ganze Geschichte des Instruments mit. Ich höre sofort den ganzen Bach, den Beethoven, den Mozart, den Schönberg, den Stockhausen. Beim Toy Piano ist das überhaupt nicht der Fall. Dieser Klang ist noch nicht konnotiert. Das heißt, er ist eigentlich noch sehr offen und erlaubt mir als Komponist, ganz frei damit umzugehen, ohne mich mit irgendeiner Tradition zu belasten.”

Wie viel Klavier steckt denn im Spielzeugklavier? Karlheinz Essl führt uns ins Innere eines Toy Pianos:

”Es gibt hinten (an der Rückseite) einen sogenannten Tonkamm: ein Metallbügel, an dem dünne Metallstäbe befestigt sind. Sie sind gestimmt und haben eine bestimmte Länge. Beim Anschlag auf eine Taste wird ein Ton ausgelöst. In dem Moment, wo ich die Taste drücke, schlägt ein Hammer auf diesen Metallstab. Allerdings ist es jetzt völlig egal, ob ich die Taste lang oder kurz halte. Der Ton ist immer der gleiche, weil es keine Dämpfung gibt. D.h. man kann damit eigentlich gar nicht Töne liegen lassen wie beim Klavier oder legato oder staccato spielen. Die Tonerzeugung ist immer gleich, wie bei einem Schlaginstrument (einem Idiophon).”


Karlheinz Essl am Toy Piano (mit Jack Hauser und Sabina Holzer)
Probe zur Performance Oracle Night


Auch wenn der Vergleich zum Klavier - wie sich gezeigt hat - nicht wirklich indiziert ist, offenbart sich das Toy Piano klanglich als ziemlich karge Sache mit so begrenzten Möglichkeiten, dass man sich fragt, welches Kind sich mit diesem Spielzeug hinter dem Ofen hervorholen lässt, geschweige denn welcher Komponist. Aber - Karlheinz Essl gewinnt gerade dieser Begrenzung große Reize und Vorzüge ab.

”Das Ausschöpfen der Möglichkeiten - das hat mich interessiert. Eher die Reduktion. Die Begeisterung für das Kleine, das sich groß machen möchte. Das war eigentlich mein Movens. Wenn man sich beim Komponieren nicht mit allem beschäftigen muss, sondern weiß, es gibt nur die und die kleinen Möglichkeiten. Und das soll ausgelotet werden. Das ist eigentlich eine ganz tolle Hilfe auch beim Schreiben eines Stücks.”

Das Klavier in Miniaturgröße mit dem einfältig klingelnden Klang mag sich kaum zu expressivem, nuancierten Tastenspiel eignen. Ausdrucksstark ist es aber als Gesamterscheinung. Es beschwört eine vermeintlich einfache, unschuldige, sorgenfreie Kinderwelt herauf. Zumindest, wenn man dem nichts entgegensetzt. Aber genau das tut Karlheinz Essl mit seinen Toy Piano Kompositionen. Er holt eine andere Dimension der Toy Piano Klanglichkeit in den Vordergrund, die dem westlichen Hörer auf Anhieb vielleicht verborgen sein mag.

”Dieser Kinderaspekt hat mich nie interessiert, der war mir völlig egal. Was mich aber bei diesem Instrument gefesselt hat war, dass es eigentlich klingt wie ein kleines Gamelan oder eine Kalimba. Und besonders interessant wird es, wenn man das Instrument elektronisch verstärkt bzw. manipuliert. Und da hat mich genau das interessiert, aus diesem kleinen, unscheinbaren Klingelinstrument etwas zu machen, das weit über dieses Naïve und Kindliche hinausgeht.”


Kalimba

Karlheinz Essl, der als Komponist auch eine große Affinität zu aussereuropäischen Instrumenten hat, schrieb 2005 sein erstes Toy Piano Stück mit dem Titel Kalimba. Nach dem ähnlich klingenden afrikanischen Daumenklavier benannt weißt das Stück auf eine andere Musikkultur hin. Und indem Essl das Spielzeugklavier mit dieser aussereuropäischen Klangwelt assoziiert, dissoziiert er es gleichzeitig von der Kinderspielzeugwelt, in der wir dieses Instrument automatisch verorten.

”Das war eigentlich so ein Stück wo ich zeigen wollte, was man mit dem Toy Piano machen kann. Weil ich schon so viele Stücke gehört habe, die klanglich immer sehr ähnlich waren - ziemlich einförmig. Ich habe mir gedacht, dass man eigentlich irgendetwas anstellen müsste, damit das Toy Piano gesprengt wird. Dass es aus sich heraus explodiert und aus den Gedärmen des Klaviers etwas ganz ganz wunderbar schillernd Buntes entsteht. Und dann ist mir die Idee gekommen, einen kleinen Lautsprecher im Innenraum des Instruments zu stecken, so dass man ihn gar nicht sieht. Es gibt nun eine Zuspielung, die nur aus 8 Noten besteht, die am Toy Piano eingespielt wurden und mit einem ganz komplizierten Kanon-Generator prozessiert werden. Das ergibt dann Klangschlieren und unglaubliche facettenreiche Gestalten aus dem Klavier. Und dann beginnen die Leute plötzlich zu sagen: Himmel, das ist doch gar nicht mehr das Toy Piano! Was ist denn da los? Ist es kaputt gegangen?”


Kalimba (2005) performed by Isabel Ettenauer
From the CD whatever shall be (edition eirelav 002, 2013)


under wood

Die meisten Toy Piano Kompositionen Essl scheinen darauf angelegt zu sein, landläufige Vorurteile und Klischees, die dem Instrument anhaften, zu widerlegen. Denn befreit von allen Konnotationen kann das volle Klangpotential des Toy Pianos tatsächlich erst zur Geltung kommen und erweitert werden. In under wood - einem Stück von 2012 für zwei verstärkte, teilweise präparierte Spielzeugklavier und Ensemble - bettet Essl die Toy Pianos in den Kontext herkömmlicher Instrumente so ein, dass die klangliche Begrenzung weder als Manko, noch als Vorzug sondern als neutrale Tatsache dasteht, auf der Essl das Konzept und das Setting seines Stücks aufbaut. Die Toy Pianos stehen in der Mitte, recht und links Instrumentenpaar aus Bläsern und Streichern. Hinter den Toy Pianos steht ein Akkordeon, das dem resonanzschwachen Instrument eine Art virtuellen Hallraum baut. Zudem exponiert Essl das Toy Piano hier als so vielseitig wandelbares Instrument, dass das Stigma der Beschränktheit bloß noch als Gerücht im Raum stehen bleibt.

”Man weiß gar nicht mehr, was für ein Instrument das ist, weil es ja diese zwei Funktionen hat: einerseits gibt es diese schlagzeugartigen Klänge (deswegen gibt es in diesem Stück auch kein Schlagzeug), andrerseits wieder dieses Klingelnde… Es gibt in den Solopassagen dieses Stücks vieles, das an Concerti aus dem Barock erinnert, wobei es natürlich nicht Barockmusik ist. Es gibt dieses polyphone Spielwerk in ganz kurzen, verdichteten Passagen. Und das Ensemble ist eigentlich auch nicht anderes als ein Resonator. Das Toy Piano ist hier wirklich das Zentrum, das vom Ensemble kommentiert und verstärkt wird.”


under wood (2012)
Performed during the ISCM World Music Days on 12 Oct 2014 at the Wrocław Philharmonic Concert Hall (Poland)
Ensemble Court-Circuit (dir. Julien Leroy), Jean-Marie Cottet (toy piano)



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Updated: 27 Sep 2016