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Neue Verbindungen von Kunst, Musik und Architektur

Der Komponist und Musikkurator Karlheinz Essl im Gespräch mit Daniel Ender



Daniel Ender: Seit 1994 sind Sie Musikintendant der Sammlung Essl. Was hat sich seit dieser Zeit in den Programmen und bei den Rahmenbedingungen verändert?

Karlheinz Essl: Jeder Mensch macht in seinem Leben einen Prozess durch, eine Veränderung. Und ich glaube, dass ich vor 10 Jahren ganz anders argumentiert hätte als heute. Mitte der Neunzigerjahre hatte ich ästhetische Leitvorstellungen, die nun etwas anders ausschauen. Damals hat mich radikal Neue Musik interessiert, New Complexity und Ähnliches...

DE: Also damalige Avantgarde, wie sich das dargestellt hat.

KHE: Ja, was damals state of the art war. Ferneyhough und Konsorten, das hat mich sehr interessiert. Ich habe immer noch eine gewisse Affinität dazu, aber für mich ist das jetzt nur eine Möglichkeit in diesem breiten Spektrum. Das hat sich für mich inzwischen unglaublich erweitert. Durch die Beschäftigung mit Improvisation, mit freien Formen der Musik, die nicht unbedingt notiert sein müssen, mit Computertechnologie, mit Elektroakustik, hat sich der Fokus sehr verändert und damit auch die Konzertprogramme.


SCHÖMER-HAUS Klosterneuburg

SCHÖMER-HAUS
Uraufführung von Mark Applebaum's Asylum
WIEN MODERN, 14 Nov 2004


DE: Hatte das auch Auswirkungen auf die äußere Form der Konzerte?

KHE: Das ist rein inhaltlich, weil der äußere Rahmen im Grunde gleich geblieben ist, es sind die Häuser. Damals gab es nur das Schömer-Haus, am Anfang, bis 1999, dort mache ich vier- bis fünfmal im Jahr große Konzerte mit eingeladenen Ensembles – da wird im wesentlichen komponierte Musik gespielt. Vor allem natürlich Neue Musik, aber auch Alte Musik – damit meine ich vorbarocke Musik –, und die Klammer, die inhaltlich gefüllt werden will, ist letztlich das Schömer-Haus mit der kathedralartigen Akustik und seinen umlaufenden Galerien: Ein Zentralraum, der damit eine ganz bestimmt Art von Musikprogramm nahe legt. Daher programmiere ich hier Musik, die mit dem Raum arbeitet, ob das jetzt Gabrieli, Machaut oder Stockhausen ist, ist zweitrangig. Dieser Raumaspekt ist vielleicht wichtiger als ein ästhetisch-ideologischer. Ich habe auch Christian Muthspiel bei mir gehabt, mit einem Crossover Jazz-Projekt. Da ist für mich der Raum mit seinen Anforderungen akustischer und inhaltlicher Natur viel wichtiger als irgendeine ideologische Fragestellung.

Die große Erweiterung kam im November 1999, als das Essl Museum hier eröffnet wurde. Von Anfang an – bereits in der Planungsphase – gab es mit dem Architekten Heinz Tesar, der mit uns sehr gut befreundet ist, Einverständnis darüber, dass nur die Musik die Architektur spürbar werden lässt. Tesar ist ein großer Musikfan und sagt, dass es wichtig ist, seine Räume als Konzerträume zu nutzen, auch wenn sie nicht dafür gebaut sind, und da war es für mich wichtig, eine andere Fokussierung zu finden. Das Schömer-Haus ist immer noch vorhanden – mit Raummusik, komponierter Musik –, und im Museum habe ich den Fokus auf diese anderen Arten von Musik gelegt – das Ephemere, das Installative, das Performative, die Granzüberschreitung, und so habe ich hier eine Reihe konzipiert, die sich react_ chain_ nennt. Das hat mit Reaktion, aber auch mit Kette und Kettenreaktion zu tun. Die ursprüngliche Idee war, dass ein Konzert das andere ergibt, und dass sich ein Pool von Musikern einfindet, die gemeinsam miteinander Verbindungen eingehen. Das hat sich dann nicht ganz so realisieren lassen, aber die Idee, dass man hier Musikprogramme macht, die Grenzen ausloten, ist nach wie vor zentral.


Essl Museum - Voice Mutator

VoiceMutator
Sound/Video/Performance von Milena Iossifova
Essl Museum, 2 Aug 2003


DE: Gab es durch die Lage an der Grenze, der Peripherie der Großstadt, Probleme?

KHE: Das ist natürlich eine ganz spezielle Situation – problematisch würde ich gar nicht sagen –, weil wir nicht mit Laufkundschaft rechnen können wie in der Innenstadt, sondern die Leute, die zu uns kommen, kommen gezielt, und es ist mittlerweile so, dass wir die Konzerte immer am Mittwoch veranstalten. Da ist ab 18 Uhr auch freier Eintritt in die Ausstellungen. Diese Besucher bleiben oft bis zu den Konzerten. Das heißt, sie stolpern zufällig herein. Wir haben zwar mittlerweile auch schon einen harten Besucher-Kern, aber was ich als Veranstalter großartig finde, dass wir nicht nur für die 700 Neue-Musik-Fans von Wien Modern Programme machen, sondern auch Leute erreichen, die so etwas sonst nie gehört hätten. Und es passiert mir oft, dass diese BesucherInnen nachher zu mir kommen und sagen: „Ich muss Ihnen sagen, ich wäre da nie freiwillig hingegangen, aber es hat mir total gefallen“, oder: „ich war berührt.“ Da gibt es auch eine Möglichkeit, die Leute an einem Ort mit neuen Formen von Musik zu konfrontieren, wo sie das nicht erwartet hätten.

DE: Liegt in solchen spontanen Konzerterlebnissen auch eine Chance gegenüber den großen Veranstaltern, oder anders gefragt: Wie positionierten Sie sich gegenüber diesen Etablierten?

KHE: Das ist nicht das Thema. Ich sehe mich in keinster Weise als Gegenveranstalter oder in Konkurrenz, das ist lächerlich, weil wir so klein sind und uns eben in einer Randlage befinden. Ich sehe das als spezielles Angebot für Leute, die sich für Dinge interessieren, die sie vielleicht anderswo nicht hören könnten, und das wird auch angenommen. Ich bin glücklich, dass wir inzwischen schon einen internationalen Ruf haben als Ort, wo Kunst, Musik und Architektur in ganz neuen Formen Verbindungen eingehen.

DE: Erleichtert der Bezug auf die Räume, der Zusammenhang, in dem die Kompositionen entstehen oder präsentiert werden, die Kommunikation mit dem Publikum?

KHE: Ich glaube schon. Ich habe das im Schömer-Haus erlebt. Seit es dieses gibt, waren die Leute immer angetan von der Architektur, vom Raumgefühl, und auch von den Bildern an der Wand. Ich glaube schon, dass die Räume sehr helfen, die Musik an den Mann und an die Frau zu bringen. Das ist vielleicht in einem klassischen Konzertsaal ein bisschen anders. Ich möchte nichts gegen diese Säle sagen, die schon ihre absolute Notwendigkeit haben, auch für die neue Musik. Es gibt viel Musik, die dort gut aufgehoben ist und auch gut klingt. Aber es gibt so viele interessante Formen, die den Raum anders einbeziehen, und das Publikum auch anders ansprechen und Leute auch erreichen, die sonst nicht ins Konzert gehen würden.


Von Hirschen und Röhren

Von Hirschen und Röhren
Eine tönende Installation von Beat Zoderer und Karlheinz Essl
Essl Museum, 2007


DE: Im Museum spielen auch Klanginstallationen eine große Rolle.

KHE: Ja, das haben wir mit dem Architekten gleich zu Beginn so besprochen. Klanginstallationen haben normalerweise keinen richtigen Ort, und wir haben uns darauf verständigt, dass wir das als Begleitung zu Ausstellungen von der Infrastruktur des Hauses von Anfang an einplanen. Das heißt, es gibt einen Studioraum, in dem ich über ein großes Steckfeld fix installierte Lautsprecher im Haus mit Klangsignalen bespielen kann. Die Lautsprecher sind schon an bestimmten Plätzen eingebaut, was den Vorteil hat, dass man nicht erst etwas aufbauen und Kabel ziehen muss, sondern dass alles in den Räumen schon vorhanden ist. Dass man damit auch Ausstellungen, die oftmals sehr bildlastig sind, durch den Klang eine neue Sinnlichkeit gibt, die man ohne den Klang nicht hätte.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit einer speziell für eine Ausstellung gemachten Klanggestaltung andere Stimmungen schafft. Das ist nichts Manipulatives, aber es ist ein Unterschied, ob man in einen leeren Raum kommt, der absolut still ist, und wo die Bilder an der Wand sind, oder ob da etwa klingt, und dadurch eine andere Art von Wahrnehmung hervorruft. Das muss nichts Lautes sein, auch nichts Permanentes. Manchmal genügt nur eine kleine Irritation, dass etwas klingt, das man gar nicht als Musik wahrnimmt, sondern als merkwürdige Art von Atmosphäre, die man da vielleicht nicht vermuten würde. Ich kann mir erlauben, hier viel auszuprobieren. Wenn die Sachen nicht funktionieren, kann ich sie jederzeit wieder abdrehen. Dadurch, dass ich in der Regel niemanden damit beauftrage, sondern das selbst mache, bin ich auch sehr frei zu sagen: Das hat nicht funktioniert, lassen wir’s. Das ist auch der Grund, warum ich dafür keine Aufträge vergebe. Ich habe das eine zeitlang probiert, es gab ein oder zwei wirklich gute Projekte, aber die anderen waren einfach nicht mit der Realität des Hauses in Übereinstimmung zu bringen. Das waren für sich stehende Kunstwerke, die mit der Architektur und den Bildern in keinster Weise korrespondiert haben.

DE: Der Klang hat hier eine dienende Funktion, oder?

KHE: Wenn man es so will. Er kann auch im Zentrum stehen, aber immer eingebunden in den Gesamtkontext. Ein ganz tolles Beispiel war eine Nitsch-Ausstellung: 2003 hat er bei uns im Großen Saal eine riesige Installation aufgebaut mit Relikten einer Malaktion, die er vor Jahren bei uns im Schömer-Haus gemacht hat. Ich habe dafür eine Klanginstallation gemacht, die wiederum Klangmaterialien aus seinem „Sechstagesspiel“ als Grundlage verwendet, und plötzlich hat das Ganze Leben erhalten – eine unglaublich packende Wirkung: Die Musik spricht direkt zur Seele. Das haben wir alle hier am eigenen Leib verspürt.



in: ÖMZ 8-9, 2007

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Updated: 16 Dec 2016