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Sonnez la cloche!

Karlheinz Essl im Gespräch mit Alice Ertlbauer
anläßlich der Aufführung von Sonnez la cloche!

ORF Linz, 27.02.2003

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Sonnez la cloche! - live



Sonnez la cloche! - live



Sonnez la cloche! - live

Live-Performance von Sonnez la cloche!
ORF Linz, 27.02.2003
"Treffpunkt Neue Musik"

Videostills: Bruno Vaplon
  Alice Ertlbauer: Karlheinz Essl studierte Musikwissenschaft, dissertierte über Anton Webern und war Schüler von Friedrich Cerha und Dieter Kaufmann. Was war ausschlaggebend, dass Sie letztlich am Computer "kleben" blieben und heute am SAMT unterrichten und auch Software für computer-unterstützes Komponieren entwerfen?

Karlheinz Essl: Ich glaube, dass es sich da um ein Missverständnis handelt, denn ich klebe nicht am Computer. Es gibt in meiner Arbeit zwei verschiedene Bereiche: Einerseits mache ich Elektronische und Live-Elektronische Musik; darüber hinausgehend schreibe ich aber immer noch Partituren, und zwar von Hand, ohne Computer: also Instrumentalmusik im klassischen Sinn, auch wenn diese Musik alles andere als "klassisch" ist, sondern ähnlich wie meine Elektronische Musik klingt.

AE: Sie sind auch verantwortlich für die Musik und den Sound in der Kunstsammlung Ihres Vaters - der Sammlung Essl - in Klosterneuburg. Hat Sie die Tatsache, dass Sie schon von Früh auf zeitgenössischer Kunst umgeben waren, geprägt in Richtung zeitgenössische Musik?

KHE: Die Kunst, von der ich als Kind in meinem Elternhaus umgeben war, war damals noch sehr bescheiden. Die Einflüsse kamen primär nicht von dort, sondern eher durch die Auseinandersetzung mit avancierter Rockmusik, beispielsweise von der deutschen Gruppe CAN. In der Zeit, in der andere mit Mopeds durch die Gegend fuhren, hatte ich eine Band. Wir spielten experimentelle Rockmusik und haben uns sehr mit Karlheinz Stockhausen beschäftigt. Obwohl wir seine Musik und seine Texte damals kaum richtig begreifen konnten, hat er uns doch nachhaltig beeinflußt. Viel später kam das wieder zurück, im Laufe meines Studiums an der Wiener Musikhochschule, und damit war wieder die Verbindung zu meiner Jugendlichenzeit hergestellt.

AE: Und dann kehrten Sie auch zurück zur Antike, mit Ihrem Stück Sonnez la cloche!. Hintergrund ist James Joyce' "Ulysses". Wie sehr beeinflusst Sie die Literatur in Ihren Werken?

KHE: "Ulysses" war und ist immer noch ein Buch, das mich persönlich sehr berührt und vielfach auch inspiriert hat. Ich denke, dass man dieses Buch niemals ganz zu Ende liest, sondern dass man es immer wieder aufsucht, um Stellen nachzulesen. Das Stück, was wir heute hören werden, entstand während eines Workshops für die AVANTGARDE in Schwaz / Tirol. Ich habe dort u.a. mit Glockenklängen gearbeitet, die ich von der Stadtpfarrkirche aufgenommen hatte. Bei der Arbeit an dem Stück ist mir plötzlich dieser Titel eingefallen: "Sonnez la cloche!" Ich konnte mich dunkel entsinnen, dass mir dieses Zitat vor langer Zeit einmal untergekommen war, und dann erinnerte ich mich, dass ich mir in meinem Exemplar des "Ulysses" diese Stelle extra angestrichen hatte, weil sie mir damals als 19jähriger so gut gefiel: dieses doppeldeutige Wortspiel, dass nicht nur "Läute die Glocke!" bedeutet, sondern auch etwas anderes. Eine pikante, erotisch aufgeheizte Szene: Zwei Männer sitzen in einer Bar und werden von einem Mädchen bedient, die ein Strumpfband trägt. Diese beiden Herren feuern nun die Kellnerin an, ihren Rock ein Stückchen hochzuschieben, und das Strumpfband schnalzen zu lassen, denn "cloche" bedeutet neben Glocke auch Strumpfband. Im Zusammenhang mit meinem Glockenstück erschien mir dieser Titel nun sehr passend, weil es in dieser Komposition auch auch ein erotisch-orgiastische Komponente gibt.

AC: Ich hoffe, dass unserer Landesdirektor jetzt nicht enttäuscht ist über Ihre Assoziation, der er war ja schließlich einmal Religions-Chef des Österreichischen Hörfunks in Wien, denn jetzt müssen wir bei Glocken immer auch an Strumpfbänder denken. - Sie haben schon erwähnt, dass Sie dieses Stück für ein Festival in Schwaz kreiert haben. Ich habe eingangs gesagt, Ihr Werk wäre keinen Uraufführung - aber die Art, wie Sie es präsentieren, ist ja doch wieder neu. Es ist nicht dasselbe, was damals in Schwaz zu hören war. Kann man in diesem Fall ihrer heutigen Live-Performance nicht vielleicht doch von einer Art Uraufführung sprechen?

KHE: In diesem Fall greifen die überkommenen Kategorien nicht mehr. Das Stück hat keinen vorgegebenen Fahrplan, wo man auf einem Zug aufspringt und um 14:37 am Ziel ankommt; es erscheint eher als "Environment" - eine Landschaft, in der ich mich wie ein Spaziergänger bewege und diese Umgebung durch mein Hören austaste. Ebenso, wie sie als Hörer nicht wissen, wohin dieses Stück sich entwickelt, geht es mir selbst. Ich habe zwar alle möglichen Materialien vor mir liegen, aber ich bin genau wie Sie ein Hörender, ein Tastender, ein Suchender und erlebe in diesem Stück immer wieder neue Aspekte, die sehr von der momentanen Situation - die nicht voraussehbar ist - abhängen.



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Updated: 1 Mar 2008