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Gesättigt mit Intention

Karlheinz Essl im Gespräch mit Gerold W. Gruber



Gerold W. Gruber: Sie sind als Komponist und als Organisator - Musikmanager - von Konzerten im SCHÖMER-HAUS tätig...

Karlheinz Essl: Ich sage lieber Intendant oder Programmgestalter, ich sehe mich nicht als Kulturmanager, obwohl gewisse Aufgaben durchaus in diesen Bereich fallen.

GG: Lehnen Sie den Begriff "Kunstmanagement" ab?

KHE: Nein, ich kenne Personen, welche das gut können, aber für mich trifft er nicht zu! Ich bin Komponist und Künstler, bin aber durch die Arbeit im SCHÖMER-HAUS mit Aspekten des Management auch konfrontiert. Es ist aber kein Sprungbrett zu einer anderen Karriere.

GG: Für die österreichische Kulturlandschaft wäre eine solche Personalunion, mit den Erfahrungen und Erfolgen der vergangenen Jahre, in vielen Bereichen zu wünschen. Die österreichischen Komponisten kümmern sich zu wenig um ihre Promotion, darin erkenne ich ein Manko unserer Komponistenszene; und durch ihre Person wäre ein Beispiel gegeben, aus diesem Dilemma herauszukommen.

KHE: Ich promote ja nicht mich selbst, ich promote die Musik und die Projekte, die ich im SCHÖMER-HAUS realisieren kann. Ich sehe mich auch nicht in Konkurrenz zu den großen etablierten Konzertveranstaltern. Obwohl die Programme nicht vordergründig publikumsfreundlich sind, sprechen sie einen großen Personenkreis an. Der Schwerpunkt liegt auf Innovation und Avantgarde jeder Stilrichtung, auch wenn es sich um alte Musik handelt.

GG: Kommen die Menschen aufgrund des ungewöhnlichen Umfeldes, nämlich des Gebäudes?


SCHÖMER-HAUS
Klosterneuburg

Das SCHÖMER-HAUS in Klosterneuburg
© 2012 by Pez Hejduk


KHE: Es ist das Haus, es sind die Bilder, die hier hängen, und auch die außergewöhnlichen Programme, die hier stattfinden.

GG: Dabei wird die österreichische zeitgenössische Musik in den internationalen Rahmen gestellt, außer bei "Wien modern" oder kleineren Festivals wie "Hörgänge" wird diese Art der Programmgestaltung zuwenig forciert. Die österreichischen Komponisten wären aber viel mehr präsent, wenn sie bereit wären, sich diesen Aufgaben zu stellen, so wie Sie es tun.

KHE: Ich placiere österreichische Komponisten nicht nach kulturpolitischen Überlegungen, ich nehme nur Stücke, die mir in den Kontext eines Konzeptes passen, egal ob es sich dabei um Österreicher, Deutsche oder Südamerikaner handelt.

GG: Die Aufführungen rechnen sich nicht von alleine, es sind sicher Subventionen nötig. Wie stehen Sie zu Kunstsponsoring?

KHE: Von öffentlicher Hand erhalten wir keine Subventionen, diese Konzerte werden durch die Kunstförderung des SCHÖMER-HAUSES getragen. Diese Förderung hat zwei Schwerpunkte, einerseits die Bildersammlung, andererseits die Konzerte, beides im Rahmen der Unternehmensphilosophie des SCHÖMER-HAUSES.

GG: Können Sie diese näher erläutern?

KHE: Es ist unsere Auffassung, daß Kunst Kreativität freisetzt und daß sie uns durch die Verwirrung, die sie gelegentlich auslöst, anregt, andere Sichtweisen von Welt zu gewinnen. Wenn ich eine Musik höre, die mir sehr fremd ist oder die mir bedrohlich erscheint, habe ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich schließe die Ohren und verweigere mich, oder ich lasse meine Kriterien beiseite und bin offen für neue Eindrücke, woraus eine Art Katharsis entstehen kann und ein Reflexionsprozeß einsetzt.

GG: Ist es denkbar, daß Musik heutzutage vermehrt als "event" rezipiert wird denn als bildungsbürgerliche "Erbauung"?

KHE: Ich sehe das durchaus positiv, solange eine programmatische Idee dahintersteht. Früher sagte man "Gesamtkunstwerk", heute vermögen mehrere Kunstformen aufeinander zu verweisen, und der Kontext, in dem das stattfindet, spielt heute eine große Rolle. Durch Radio und CD kann ohnehin jeder Musik pur erleben, für viele gibt es keine Notwendigkeit, ins Konzert zu gehen... Die Notwendigkeit besteht dann für diese Menschen nur, wenn es mehr ist als das Klangprodukt.


Halle des SCHÖMER-HAUSES
Klosterneuburg

Die offene viergeschoßige Halle des SCHÖMER-HAUSES
© 2012 by Pez Hejduk


GG: Dieses Haus repräsentiert Offenheit in der räumlichen Anlage, aber auch gleichzeitig das, was Sie Kontruktivismus nennen. Diese beiden Elemente sind auch wichtige Komponenten Ihres kompositorischen Denkens.

KHE: Ich bin überzeugt, daß jede Musik konstruktive Momente besitzt, außer sie wird - wie bei Scelsi - aus anderen Quellen gespeist. Mit den konstruktiven Mitteln kann der Schritt über den eigenen kompositorischen Horizont gelingen. Die abstrakte Konstruktion zeigt einem das ferne Licht, das man durch den kompositorischen Akt zu erreichen sucht, um so ins Neuland vorzustoßen. Daraus ergibt sich auch die Chance Offenheit zu erwirken. Wenn die Botschaft allein aus meinem Kopf kommt, kann sie keinen neuen Raum schaffen. Ich aber bemühe mich, eine offene Situation zu schaffen, wo der Hörer einsteigt wie in ein Labyrinth und sich seine eigenen Wege sucht. Das ist ein Vorgang, den ich ganz bewußt forciere, indem im zeitlichen Ablauf viele Fäden gleichzeitig laufen, die der Zuhörer aufgrund der Komplexität nicht zur Gänze verfolgen kann - er hört seine eigene Fassung des Musikstücks, auch bei jedem erneuten Anhören.

GG: Sie arbeiten jetzt mit "Modulen", die computergeneriert sind, die auf ähnlich komplexe Weise miteinander vernetzt sind.

KHE: Der Einsatz des Computers ist unterschiedlich. Als ich vor kurzem im IRCAM (Paris) war, mußte ich jedes kleinste Detail dem Computer mitteilen, weil er dann die Musik daraus generiert hat. Und es klang nicht nach Computer, sondern "natürlich". Alles das, was ich brauchte, um "Natürlichkeit" zu erzeugen, mußte ich dem Computer kommunizieren. Im Gegensatz dazu arbeite ich nun an einem neuen Stück, bei dem ich den Computer kaum verwende und neue Erfahrungen durch das Schreiben entdecke. Es ist ein immerwährender Reflexionsprozeß. Der Computer tendiert dazu, einen ganzen Komplex zu generieren, ich möchte aber beim aktuellen Stück an jedem Punkt die Weichen stellen können. Im Hintergrund ist der Computer vielleicht für zeitliche Entwicklungsprozesse oder Permutationen von Materialien behilflich.

GG: Sie haben sich mit der Chaostheorie beschäftigt und sie bei Kompositionen angewandt, z.B. bei Ihrem Streichquartett Helix 1.0. Wie stehen Sie heute dazu?

KHE: Mitte der 80er Jahre war das für mich ein wichtiger Ausgangspunkt, mittlerweile ist es eine Modeerscheinung geworden. Als Grundprinzip ist allenfalls die graduelle Unterscheidung von Chaos und Ordnung nach wie vor interessant, ich rekurriere aber nicht mehr darauf. Über Internet verfolge ich die Diskussionen auf diesem Gebiet, mich interessiert aber eher die Metapher, nicht die naive Umsetzung des naturwissenschaftlichen Phänomens in Musik.

GG: Mit welchen Ideen sind Sie derzeit konfrontiert?

KHE: Ich beschäftige mich mit dem Verhältnis des Individuums zur Masse - aktuell in einem Auftragswerk des "Klangforums" für drei Solisten und Ensemble (Cross the Border, 1994/95). Hier interessiert mich das Solistenkollektiv, das gemeinsam handelt, aber wiederum aus drei Individuen besteht, und das Ensemble, das als Masse handelt, aber gleichzeitig Tendenzen zur Individualisierung aufweist.

GG: Was hat Sie an der Beschäftigung mit Harald Naegeli fasziniert?

KHE: Das waren weniger seine Spraybilder (die ich nebenbei sehr mag), vielmehr seine Federzeichnungen, die sogenannten "Partikelzeichnungen". Er nimmt ein Blatt Papier und eine feine Stahlfeder und setzt einen Punkt und einen weiteren. Aus ihrer Stellung zueinander setzt er den dritten Punkt und so weiter. Indem er Punkt auf Punkt setzt, beginnt Struktur zu wuchern, über Wochen entstehen sodann pflanzliche, organisch anmutende, komplexe und facettenreiche Gebilde, die in allen Richtungen lesbar sind. Auch hier wiederum entsteht durch den Prozeß des Betrachtens das Bild immer neu. Man konstruiert sich sein Bild aus der Betrachterperspektive.

GG: Das weist wieder auf Ihre Kompositionstechnik zurück...

KHE: Die Musik, die so etwas zuläßt, muß ganz bestimmte Anforderungen erfüllen. Zufallstonfolgen erlauben solche Hörerfahrungen nicht.

GG: Welche Musik erlaubt dies?

KHE: Das geht bei polyphoner Musik (etwa beim späten Bach) genauso wie bei guten seriellen Stücken wie Gruppen von Stockhausen, Lachenmann, aber auch bei Ferneyhough etc. Bei Cage funktioniert es nicht, da er bewußt auf Intentionalität verzichtet. Es hat zwar seit den 60er Jahren Tendenzen gegeben, das Subjekt auszuschalten, das ist für mich allerdings heute nicht interessant. Der Komponist hat ein Werk zu schaffen, das gesättigt ist mit Intention, dabei gleichzeitig dem Zuhörer Raum läßt für sein persönliches Erleben: Nur so kann "Offenheit" (nicht "Beliebigkeit") entstehen.

© 1994 by Österreichische Musikzeitschrift


in: Österreichische Musikzeitschrift, hrsg. von Marion Diederichs-Lafite, Nr.11/94



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Updated: 9 Jul 2016