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Die Lust an der Spieluhr

Karlheinz Essl im Gespräch mit Sven Hinz
BR4 | Horizonte
22 September 2015

BR-Klassik - Bayerischer Rundfunk


Transkription einer Radiosendung über den Determinismus in der Musik von Sven Hinz mit O-Tönen des Komponisten Karlheinz Essl über seine Stücke WebernUhrWerk und WebernSpielWerk.

Erstsendung am 22.09.2015 im Radiosender BR 4 Klassik.



(...) Letztlich geht es beim Komponieren, wie wohl in jeder Kunst, um Balance zwischen Freiheit und Struktur. Wohl nur wenige Kunstschaffende würden behaupten, allein der Fantasie und den Launen des Augenblicks zu folgen. Jeder Einfall könnte auch anders sein. Gerade die Schrankenlosigkeit unbegrenzter Vorstellungskraft kann den Schaffensprozess lähmen. Welche von unzähligen Möglichkeiten soll man wählen? Gäbe es nicht noch andere, noch bessere, noch schönere Tonfolgen, Rhythmen, Motive und Themen?

Karlheinz Essl: „Ich bin immer wieder beim Komponieren vor einer Stelle gestanden, wo ich gedacht habe, warum so und nicht anders? Ich hab immer gedacht, ich möchte eigentlich, dass ich Vorschläge bekomme, die nicht in meinem Kopf sind. Und da hab ich begonnen, eben schon in den achtziger Jahren, mit Computern zu arbeiten, (...) ohne mich als Komponist aufzugeben.“


WebernUhrWerk - Demo
© 2015 by Karlheinz Essl


Über den Marktplatz von Mittersill ertönen Glockenklänge. Es ist der 15. September 2005, und auf den Tag genau vor sechzig Jahren ist in dieser idyllischen Kleinstadt in Österreich Anton Webern erschossen worden. Das Glockenspiel im Rathaus lässt langsame Akkorde in der Art eines Trauermarsches ertönen. Alle Viertelstunde erklingt eine andere Melodie. Das Merkwürdige ist: das Rathaus von Mittersill hat überhaupt kein Glockenspiel.

Karlheinz Essl: „Wir haben auf dem Marktplatz neben der Kirche in ein Dachfenster einen Lautsprecher eingebaut, der an einen Computer angeschlossen war. Dieser hat die verschiedenen Melodien des WebernUhrWerks in Echtzeit generiert und genau mit der Uhrzeit synchronisiert. Das Interessante war, dass das im öffentlichen Raum stattgefunden hat. Die Leute, die dort leben, wissen natürlich, wie ihre Stadt klingt. Und plötzlich hören sie da Glocken, die sie noch nie gehört haben, mit merkwürdigen Melodien. Es gab eine gewisse Aufregung und Irritation, da keiner wusste, wo diese Klänge herkommen und was sie bedeuten.“

Die „merkwürdigen Melodien“ generieren sich aus einer Zwölftonreihe, die Anton Webern entworfen hat. Sie sollte die Grundlage für sein op. 32 bilden, die Kantate „Das Sonnenlicht“. Doch dazu kam es nicht mehr: Amerikanische Soldaten durchsuchten sein Haus, Webern trat ins Freie, um eine Zigarre zu rauchen und stieß mit einem Soldaten zusammen, der vor dem Haus Wache hielt. Dieser eröffnete sofort das Feuer.


WebernUhrWerk - Ausschnitt
© 2015 by Karlheinz Essl


Zum 60. Todestag Weberns erteilte die Stadt Mittersill einen Kompositionsauftrag an Karlheinz Essl. Der in Wien lebende Kompositionsprofessor hatte bereits über Webern promoviert und seit den achtziger Jahren die Technik des algorithmischen Komponierens entwickelt. Innerhalb gewisser Vorgaben trifft ein Computer Zufallsentscheidungen, die dann in Klang oder in Noten verwandelt werden. In Mittersill waren es Aufnahmen von Glockenklängen, Samples, die elektronisch angesteuert wurden. Doch damit war die Idee noch nicht erschöpft. Am Abend erklang eine Kammerversion des „WebernUhrWerks“, gespielt auf einem winzigen Toy Piano, das WebernSpielWerk.

Karlheinz Essl: „Den Algorithmus, der dieses Stück erzeugt, hab ich mit der Hand noch einmal auskomponiert. Es ist sozusagen die Schrumpfung der großen Kirchenglocke in ein Kammermusikinstrument, wenn Sie so wollen.“


WebernSpielWerk
Isabel Ettenauer: Spielzeugklavier
Karlheinz Essl: Ringmodulator
© 2005 by Karlheinz Essl


Anders als ein „ausgewachsenes“ Konzertinstrument hat ein Spielzeugklavier keine Saiten, sondern metallene Stäbe, die angeschlagen werden. Ihr Klangspektrum ist, ähnlich wie bei einem Glockenspiel, inharmonisch und in gewisser Weise atonal. Durch das lange Ausklingen von Glocken und Stäben entsteht der Eindruck eines einzigen, statischen Zwölftonakkordes.

Das „WebernUhrWerk“ ist übrigens als offenes Kunstwerk konzipiert, an dem jeder teilnehmen kann. Die Software mit dem Kompositionsalgorithmus ist frei verfügbar, man kann sie herunterladen und ohne jede Vorkenntnisse Carillonsequenzen im Webern-Stil generieren.

Die Beschäftigung mit dem Spielzeugklavier führte bei Karlheinz Essl zu einem weiteren Werk mit dem Titel Kalimba. Auch hier kombinierte er das Instrument mit einem Computer, doch diesmal in umgekehrter Weise. Nicht der Computer bestimmt, was auf dem Instrument erklingt, sondern die gespielten Klänge werden elektronisch transferiert. Die Pianistin spielt eine achtstufige Skala in ständiger Wiederholung, die vom Computer aufgenommen und in verschiedenen Geschwindigkeiten wiedergegeben wird, solange, bis ein achtstimmiger Proportionskanon entstanden ist. Ein Uhrwerk, ein Spiel aus großen und kleinen Rädern.


Kalimba
Isabel Ettenauer: Spielzeugklavier
© 2005 by Karlheinz Essl



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Updated: 29 Sep 2015