Karlheinz Essl im Gespräch mit Peter Jarolin

BALKAN, DAS SIND DIE ANDEREN

Der Komponist Karlheinz Essl hat zu der von Harald Szeemann kuratierten Balkan-Ausstellung in der Sammlung Essl eine Konzertserie programmiert, die Künstler aus Bulgarien, Serbien, Ungarn und der Türkei vorstellt. Das Gespräch führte Peter Jarolin.

Karlheinz Essl


KURIER: Herr Essl, zur Sonderausstellung BLUT & HONIG - Zukunft ist am Balkan wird es auch eine vierteilige Konzertreihe geben, die Sie zusammengestellt haben. Was ist da zu hören?

KARLHEINZ ESSL: Der Ausstellungskurator Harald Szeemann hat mich schon vor zwei Jahren gebeten, ein Musikprogramm dafür zu entwickeln. Ich hatte offen gestanden wenig Kenntnis über die zeitgenössische Musik des Balkans. Ich bin dann auf diverse Namen gestoßen, wollte aber nicht jene Künstler nehmen, die ohnehin bei diversen Festivals hierzulande aufgetreten sind. Also musste ich es anders versuchen.

Und wie?

Ich habe im Internet ein Posting gemacht auf einer Seite, die speziell auf elektronische Musik zugeschnitten ist. Da habe ich Komponisten gesucht, die mit Hilfe der Elektronik die Musik aus ihrem sozio-historischen Hintergrund reflektieren. Denn ich wollte nicht den üblichen "internationalen" Elektronik-Sound haben, wo keiner unterscheiden kann, ob der aus Nowosibirsk oder aus Kairo kommt. Ich habe hunderte Antworten bekommen und dann eine Vorauswahl getroffen. Daraus habe ich zuletzt vier Projekte ausgewählt, die paradigmatisch ganz bestimmte Positionen abdecken sollen.

Welche?

Ich wollte geographisch eine möglichst gute Verteilung, wobei die Türkei und Serbien als Bereichsgrenzen gesetzt waren. Dazu kamen noch Bulgarien und Ungarn.

Ungarn?

Ja. Ungarn liegt zwar nicht am Balkan, aber am Balkon des Balkans. Zu diesem Projekt bin ich wie die Jungfrau zum Kind gekommen: Während einer nächtlichen Autofahrt habe ich das Radio eingeschalten und darin unglaublich tolle, zwingende Musik gehört. Das war Franz Hautzinger, der mit dem Abstract Monarchy Trio gespielt hat. Die habe ich daraufhin eingeladen, weil ich die Musik und auch den Namen sehr passend finde.

Was zeichnet das DJ-Duo aus Belgrad aus?

Das Belgradeyard Sound System kommt aus dem Dunstkreis des Radiosenders B92, der Widerstand gegen Milosevic geleistet hat. Die beiden DJs machen kreative Musik, die viel mit Soundscapes arbeitet. In Serbien ist auch musikalisch unglaublich viel passiert. Das will ich zeigen. Die stilistische Bandbreite war mir bei allen Projekten enorm wichtig. Auch typisch Balkan-Spezifika werden zu hören sein, vor allem bei dem Projekt mit den Türken.

Inwiefern

Das Erdem Helvacioglu Project setzt sich in seiner Performance "Living in Istanbul" ganz gezielt mit der Klangwelt dieser Stadt auseinander, die ja am Schnittpunkt zwischen Asien und Europa, zwischen Orient und Okzident, liegt. Erdem operiert u.a. mit Soundtracks türkischer B-Movies, die dort ziemlich beliebt sind. Und er grast auch den sogenannten Popular-Bereich ab, ohne aber Popularmusik zu machen. Der folkloristische und Balkan-spezifische Aspekt dabei ist die Straßenmusik aus Istanbul, die in abgewandelter Form präsentiert wird.

Wie sind Sie auf Bulgarien gekommen?

Bulgarien ist das eigentlich Kernland des Balkan, und liegt zwischen Serbien und der Türkei. Als ich die Arbeiten von Milena Iossifova gehört habe, musste ich sie geradezu einladen. Sie ist eine junge Komponistin und Klangkünstlerin, die momentan in New York arbeitet. Sie singt und spielt mit ihrer Stimme und hat ein eigenes Instrument - den voiceMutator gebaut, das ihre Stimme umwandelt.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Das ist ein Gerät, eine Art von Skuptur. Milena singt mit ihrer Stimme hinein, und durch Manipulation des Gebildes ändert sich dann ihre Stimme.

Sie wollen selbst kein Projekt entwickeln?

Nein, ich wollte mich da als Komponist nicht selbst featuren. Aber ich mache einen kleinen Side-Act namens Bloody Honey gemeinsam mit João Castro Pinto, einem Elektronik-Musiker aus Portugal. Das ist kein Konzert, sondern passiert während des normalen Ausstellungsbetriebes. Die Leute gehen durch und wir sitzen da und machen Musik.

Eine reine Improvisation?

Ja und nein. Jeder von uns hat sich Balkan-Klangmaterial organisiert, das der andere nicht kennt. Über das vorgegebene Material improvisieren wir dann gemeinsam. Das wird ohnehin eine Art "Blind Date", weil wir noch zusammen musiziert haben.

Und das Publikum hört während des Sehens zu?

Ja, zumindest am 2. Juli. Wir werden uns sicher einen Raum suchen, wo viel Laufkundschaft vorbeikommt.

Gibt es einen einheitlichen Musikstil am Balkan?

Nein. Es gibt dort alles: Vom Trivialsten bis zum Ausgeflipptesten, aber keinen verbindlichen Stil. In Bulgarien gibt es etwa kaum Elektronische Musik. Und wenn, dann gehen die Künstler ins Ausland. In Serbien ist das ganz anders. Da war immer ein starkes Widerstandspotenzial vorhanden. Vor allem der Sender B92 hat da viel getan und einen eigene Kultur begünstigt. Aber man muss das jeweils von Land zu Land differenzieren. Ich habe den Fokus auf Programme gelegt, die sich mit ihren geschichtlichen und soziologischen Wurzeln auseinandersetzen.

Was bedeutet das Wort Balkan für Sie persönlich?

Balkan - das sind immer die anderen. Wenn man die Leute dort fragt, will doch keiner vom Balkan sein. Nein, im Ernst: Für mich ist der Balkan einen Auseinandersetzung zwischen Orient und Okzident. Das ist ein farbiges, reiches, hochexplosives Gemisch aus verschiedenen Kulturen und diversen ethnischen Gruppierungen. Mit einem unglaublichen Spannung- und Aggressionspotenzial. Zum einen heißt Balkan übersetzt "nur" Gebirge. Aber es bedeutet auch: Blut [vom türkischen kan]. Und auch: Honig [vom türkischen bal]. Beides lässt sich aus ein und demselben Wort ableiten. Wenn das in der Musik zum Ausdruck kommt, wenn diese Spielen mit der Tradition und das Brechen derselben erfahrbar wird, dann haben wir viel erreicht.


KURIER (Do 15.05.2003) - Sonderbeilage "Kunst am Balkan"
© 2003 by KURIER / Peter Jarolin



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Updated: 9 Jul 2016