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KUNSTRADIO: "Amazing Maze"

Karlheinz Essl im Gespräch mit Reinhard Kager

ORF

18 Sep 1997


Reinhard Kager: Was sonst in Konzerten strikt verboten ist, dürfen Sie heute ungehindert tun: schwätzen Sie mit, um den Lauf dieses Abends mitzugestalten, bei dem eine ungewöhnliche Komposition des österreichischen Komponisten Karlheinz Essl live aus dem Großen Sendesaal des ORF Funkhauses Wien übertragen wird. Reinhard Kager begrüßt Sie zu einer Koproduktion zwischen KUNSTRADIO und ZEIT-TON, die bis Mitternacht ganz im Zeichen der Interaktivität stehen wird. Schwätzen ist natürlich nur im übertragenen Sinne möglich, aber Sie können via Telefon oder Internetleitung tatsächlich den Ablauf einer höchst ungewöhnlichen Komposition Karlheinz Essls ganz maßgeblich beeinflußen. Amazing Maze heißt dieses 1996 konzipierte Stück, daß heute in einer Version für 7 Live-Musiker, Sampler, Computer und eben aktive Internet-User und telefonierende Hörerinnen und Hörer erklingen wird. Bis 24 Uhr können Interessierte übrigens auch direkt zum Live-Geschehen hier im Großen Sendesaal des ORF Funkhauses stossen.

Um Ihnen den Ablauf dieses ungewöhnlichen Abends näher zu erläutern, steht uns jetzt der Komponist dieser interaktiven Komposition Rede und Antwort. Ich begrüße Karlheinz Essl hier im Studio, um ihn gleich mit der ersten Frage zu konfrontieren: Gibt der Titel Ihres Stücks Amazing Maze (was wörtlich übersetzt etwa "erstaunliches Labyrinth" oder "wunderbarer Irrgarten" bedeutet) bereits die Programmatik, die leitende Idee der Komposition vor, sofern man überhaupt von einer Komposition im konventionellen Sinne sprechen kann?


Labyrinth auf dem Fußboden der Kathedrale von Chartres


Karlheinz Essl: Die Idee des Labyrinths fasziniert mich schon seit vielen Jahren, weil es diesen Aspekt der Unendlichkeit aufweist, des Sich-Verlierens, weil man durch das Umherirren immer wieder zu ähnlichen oder gleichen Stellen gelangt und durch das Gehen selbst Erfahrungen macht - mit diesem Musik-Environment, oder, wenn man es auf sich selbst bezieht, mit dem Leben ganz allgemein.


Ablauf des Abends

RK: Um jetzt unseren Hörern den Ablauf dieser Komposition etwas deutlicher zu machen, vielleicht ganz kurz wie das Ganze technisch laufen soll.

KHE: Die Situation sieht folgendermaßen aus: 7 Musiker befinden sich auf der Bühne. Im Zentrum die Schlagzeugerin Elisabeth Flunger. Links und rechts die Komponisten Richard Barrett am Sampler und ich selbst am Computer. Hinter uns jeweils zwei Bläser: der eine ist Helmut Neugebauer mit Saxophon, Flöte und Live-Elektronik; sein akustisches Pendant ist David Ender auf ethnischen Blas- und Streichinstrumenten. Dahinter zwei Saiteninstrumente: die elektrische Variante, gespielt von Peter Panayi an der E-Gitarre, und als sein Konterpart die amerikanische Violinistin Mary Oliver.

RK: Gibt es überhaupt Noten zu diesem Stück?

KHE: Das ist eben das Besondere an diesem Stück, daß es eben nicht eine vorgefertigte Konstruktion ist, oder eine reproduzierbare Komposition, sondern eine Art von Materialkonstellation mit gewissen Spielregeln, die für jede Realisation neu gefunden werden müssen. Es hat mehr zu tun mit einem Spiel, das gewisse Elemente hat (Spielsteine, Wege, Regeln), aber das man jedesmal neu spielen und zusammensetzen kann.

RK: Und diese Materialen, sind die notiert, oder gibt sie der Computer ad hoc vor?

KHE: Die Materialien sind hunderte Klänge, die ich aufgenommen habe, die einer ganz bestimmten klanglichen Syntax untergeordnet sind. Daraus ergibt sich - gemeinsam mit bestimmten Verarbeitungs-Algorithmen, die diese Samples miteinander kombinieren - ein Environment, welches das ganze Stück durchflutet und in wechselnden Intensitäten erscheint. Darauf reagieren dann wiederum die Musiker, aber auch auf einander und auf das, was sich im Moment ereignet.

RK: Welche Rolle spielen nun dabei die Zuhörer? Inwieweit können sie in diesen Ablauf eingreifen?

KHE: Die Konstellationen der Musiker, die miteinander spielen, wird durch ein Computerprogramm gesteuert, das wiederum einen Zufallsalgorithmus beinhaltet. Das heißt: bei jedem Impuls, den dieses Programm erhält, entscheidet der Zufall, welche Musiker miteinander spielen. Und dieser Impuls kommt von außen, nähmlich von den Hörerinnen und Hörern an den Radioapparaten bzw. den Internetusern. Wenn eine bestimmte Internet-Adresse

http://www.essl.at/bibliogr/maze-kunstradio.html

angewählt wird, erhalten Sie eine Webpage mit der Beschreibung des Projektes. Dort finden Sie auch einen Button, den Sie anklicken können, der direkt Ihren Impuls an uns Musiker weitergibt. Das heißt: ob Sie jetzt eine bestimmte Telefonnummer wählen oder im Internet diesen Button drücken, ergeben sich durch Ihren Impuls neue Konstellationen von Musikern, die zusammen spielen. Sie können dann am Radioapparat oder am Internet (via RealAudio) sofort hören, was ihre Aktion bewirkt hat. Sie wissen zwar nicht, was es sein wird, weil sie nicht bestimmen, was das passieren soll; sie geben uns einfach nur einen Impuls, der die Musik unmittelbar ändern wird.

RK: Darf ich da hier noch ergänzen: Das geht alles auch über Telefon, und wir haben hier eine eigene Telefonnummer zum Ortstarif (0660-6953). Wenn Sie diese Nummer wählen, können Sie aktiv in dieses interaktive musikalische Geschehen eingreifen. - Was können konkret jetzt die Einschaltungen unserer Zuhörerinnen und Zuhörer bewirken? Nur die Veränderung der Zusammensetzung der Musiker, oder auch bestimmte Prozesse Ihrer Komposition?

KHE: Nur die Konstellation der Musiker. Aber darauf aufbauend werden die Musiker die Prozesse, die momentan gerade aktiv sind, weiterführen oder auch fallenlassen. Es ist nun aber nicht so, daß sich die Musik nun von Moment zu Moment schlagartig ändert, sondern daß immer entweder ein Musiker zu einer bestehenden Konstellation dazugefügt oder abgezogen wird. Dadurch ergeben sich gleitende Übergänge, wo im Maximalfall alle 7 Musiker beteiligt sind, oder - im Minimalfall - das absolute Stille eintritt. Was eine sehr spannende Situation darstellt, weil wir erst dann weiterspielen können, sobald wieder ein Schaltimpuls von außen kommt.


Real Time Composition

RK: Ich darf Sie zitieren: "Musik, die sich im Augenblick ihres Erklingens wie von selbst komponiert und nicht bloß Realisation eines vorgefertigten Textes ist. Eine Musik, die auf äußere Einflüsse zu reagieren vermag und in ihrer zeitlichen Ausdehnung potentiell unendlich ist, ohne sich zu wiederholen." - Hat das nicht alles auch etwas mit Improvisation - der besser: kontrollierter Improvisation - zu tun?

KHE: Ich komme von meiner musikalischen Herkunft eigentlich aus dem Bereich der Improvisation. Ich habe in meiner Jugend zuerst Rockmusik gespielt, und später Jazz und dann experimentelle Musik. Das Improvisieren war dann eine zeitlang sehr, sehr wichtig, und wurde dann fallengelassen zugunsten eines Kompositionsstudiums und eines sehr intensiven Arbeitens im Bereich der komponierten Musik, was ich noch immer mache. Aber da ist immer die Sehnsucht nach dem Unmittelbaren, nach dem im Augenblick Geschaffenen, geblieben. Die Verbindung dieser beiden Welten von Komposition und Improvisation ist mir ein großes Anliegen. Seit einigen Jahren ist es mir - auch mithilfe von Computertechnologie - möglich geworden, mir Spiel-Environments zu bauen, die meine kompositorischen Ideen als Algorithmen (oder Computerprogrammen) beinhalten, mit den ich dann als Musiker interaktiv musiziere, ich möchte fast sagen: komponiere.


Live-Elektronik

RK: Wie sind Sie eigentlich auf Live-Elektronik gestoßen? Was interessiert Sie, was fasziniert Sie daran?

KHE: Nun, gestoßen bin ich darauf schon sehr früh. Ich erinnere mich noch, als mich als Fünfzehnjähriger Stockhausen zu interessieren begann, war mein größter Traum, einmal einen Moog-Synthesizer zu besitzen. Ich habe mir allerdings diesen Traum nie erfüllen können...

RK: Mittlerweile sind die Träume natürlich weit höher als ein Moog-Synthesizer...

KHE: Ich weiß nicht... Mich stören heute diese großen Kisten... Ich besitze selbst nur ein PowerBook, auf dem ich alles mache. Mein Traum ist eine konzentrierte, kompakte Maschine, auf der alles läuft, was ich haben möchte. - Bei der Live-Elektronik interessiert mich in erster Linie nicht der spektrale, klangliche Aspekt - also die Erweiterung des Instrumentalen durch andere Farben - mich fasziniert viel mehr der kompositorische Aspekt, nämlich: Strukturgenerierung, neue Arten von Klangkonstellationen zu bauen, und diese in Echtzeit zu beeinflußen.

RK: Das heißt, schon auch der Aspekt des Spontanen, der ja lange Zeit in der Musikgeschichte ein ganz wesentliche Rolle gespielt hat, aber erst jetzt im Zuge der Entwicklung hin zur Interpretationsmusik weitgehend zurückgedrängt wurde.

KHE: Für mich ist das wieder das Anknüpfen an meine frühere Auseinandersetzung mit experimenteller und improvisierter Musik, die mir immer sehr viel bedeutet hat, und die ich jetzt mit den Augen eines Komponisten wieder neu entdecke.

RK: Sie haben ja auch schon recht früh Kontakte mit dem Pariser IRCAM geknüpft. Inwieweit hat auch die Erfahrung damit den Hang zur Interaktivität beeinflußt?

KHE: Das war tatsächlich der Ausgangspunkt. Als ich 1992 ans IRCAM kam, um dort Entsagung - ein Stück für Ensemble und Live-Elektronik - zu realisieren, hatte ich dort die Möglichkeit, mit der IRCAM Signal Processing Workstation zu arbeiten, einer Maschine, die in Echtzeit Klänge verarbeiten und generieren kann. Neben der Komposition an dem Auftragswerk habe ich - um die Maschine kennenzulernen und auch um auf andere Gedanken zu kommen - begonnen, an Amazing Maze zu arbeiten. Das hieß damals zwar noch anders (Real Time Composer). Ich war fasziniert davon, mit dem Material von Entsagung ein Environment zu bauen, das in Echtzeit eine Musik vergleichbarer Komplexität und Dramatik und Expressivität erzeugt.

RK: Es haben sich nun verschiedene Lager formiert, wo die einen sehr stark zur Live-Elektronik hin tendieren, während die anderen sich stärker in die Spektralanalyse begeben und die Live-Elektronik ablehnen weil sie meinen, sie sei technisch auf einem viel zu niederen Stand und würde klanglich keine Vorzüge bieten. Wie stehen Sie dazu?

KHE: Nun, mein Ausgangspunkt ist nicht der klangliche oder spektrale Aspekt. Mich interessiert viel mehr der kompositorische, also die Erweiterung der strukturellen und expressiven Möglichkeiten. Deswegen ist das für mich auch kein Thema, daß die Musik nicht die technischen Möglichkeiten voll ausschöpfen kann. Im Gegenteil: mich interessiert auch dieser Aspekt einer "arte povera", also der armen Kunst, die nicht unbedingt mit den ganz großen und teuren High-Tech-Equipments arbeitet, sondern mit kompakten und intelligenten Anlagen.


Entstehungsgeschichte

RK: Vielleicht konkret noch einmal zu ihrem Stück des heutigen Abends, Amazing Maze, das ja ursprünglich einmal als Klanginstallation konzipiert war. Das hat sich dann im Laufe der Zeit zu einem Instrumentalstück weiterentwickelt, und wird heute zum ersten Mal in einer Ensemblebesetzung realisiert.

KHE: Das Stück wurde letztes Jahr bei dem Festival NEMO '96 in Chicago eingereicht. Der Kurator, der Komponist Bob Falesch hat nun die Idee geboren, ob man das für eine Klanginstallation gedachte Computerprogramm nicht dafür verwenden könnte, es im Zusammenspiel mit dem Baßklarinettisten Gene Coleman aufzuführen. Ich war von dieser Idee zunächst überrascht, dann begeistert, und habe das Stück entsprechend umgearbeitet zu einem Improvisations-Environment für einen Computerspieler (nämlich dem Komponisten Bob Falesch) und dem Instrumentalsolisten Gene Coleman. In der Folge hat sich darauf der Cellist Jeffrey Krieger in das Projekt eingeschaltet, der auf einem elektrischen Cello in Verbindung mit einem Computer und diversen Steuerpedalen ganze Live-Performances bestreitet. Für ihn schrieb ich eine eigene Version von Amazing Maze, wo er auch den Computer selbst steuert.

RK: Er muß nun direkt auf die Computersignale reagieren.

KHE: Er macht beides: er spielt seinen eigenen Part auf dem Cello und interagiert mit dem, was der Computer von sich gibt, kann aber wiederum selbst auch den Computer kontrollieren.


Musikbeispiel 1:

Jeffrey Krieger, Amazing Maze
Soloperformance für Cello und Computer
Arts and Technology Symposion, Connecticut College 1997


Improvisation

RK: Bei der heutigen Fassung von Amazing Maze, die live vom KUNSTRADIO und der Sendung "Zeit-Ton" übertragen wird, interagiert nicht nur ein einziger Instrumentalist mit der Live-Elektronik, sondern mehrere Instrumentalisten miteinander und gleichzeitig auch Zuhörerinnen und Zuhörer mit den Instrumentalisten, indem sie sich über Internet oder Telephonleitung einklinken. - Ist es überhaupt möglich, in dieser Form von sehr ausufernden, komplexen Prozessen, so zu reagieren, daß dabei noch ein sinnvolles Stück herauskommt?

KHE: Die Frage ist, was Sie unter einem "sinnvollen Stück" verstehen... Es entsteht diese Musik aufgrund von Energie- und Spannungsflüssen, weißt damit auch eine gewisse Kausalität und Entwicklungslogik auf, die unmittelbar spürbar ist. - Im Bereich der Improvisation weiß man natürlich nie genau, wo man letztlich landet, ob alles glücken wird: es ist eine Fahrt mit offenen Segeln ins wilde Meer und für uns Musiker mindestens ebenso spannend wie für die Hörer.

RK: Wie wissen nun eigentlich die Instrumentalisten, wenn ein Zuhörer angerufen bzw. via Internet reagiert hat, wie er nun darauf reagieren soll bzw. mit wer miteinander spielt?

KHE: Die Bühne im Großen Sendesaal ist relativ groß und bietet ausreichend Platz für die 7 Musiker, auf die jeweils ein farbiger Scheinwerfer gerichtet ist. Jedesmal, wenn ein Musiker angestrahlt wird, weiß er, daß er nun spielen muß. Für die Hörer im Konzertsaal bietet das einen zusätzlichen optischen Reiz.

RK: Aber es hängt schon sehr davon ab, wie man aufeinander hört. Es kommen dabei doch wohl Erfahrungen des Jazz mit hinein.

KHE: Der Jazz ist nicht die einzige improvisierte Musik. Ich denke da an gewisse ethnische Musiken, auch wenn die gelegentlich sehr stark an bestimmte Muster gebunden ist; ich denke auch an freie Improvisation, wie sie die Geigerin Mary Oliver betreibt, die aus dem Bereich der ernsten Musik kommt. Oder an Richard Barrett, der sich als Komponist im Felde der "Neuen Komplexität" international einen Namen gemacht hat.

RK: Ein Wort vielleicht noch zur Zusammenstellung der Musiker. Es fehlt ja auf, daß einerseits Komponisten und Live-Elektroniker vertreten sind, andrerseits kommt auch eine E-Gitarre vor und vor allem auch dieser ethnische Aspekt...

KHE: Es geht hier um die Vermittlung von Gegensätzen. Der australische E-Gitarrist Peter Panayi spielt daneben auch noch das griechische Volksmusikinstrument Bouzouki, und ein leidenschaftlicher Funk-Gitarrist, der aber auch doch die Fähigkeit des völlig freien Improvisierens und des sensiblen Reagierens auf klangliche Konstellationen einbringt. - Das gleiche gilt auch für die Schlagzeugerin Elisabeth Flunger, die aus der Ernsten Musik kommt und auch Komposition studiert hat und sich viel mit graphisch notierter Musik und John Cage beschäftigt hat. - Helmut Neugebauer wiederum ist aus dem Bereich des Jazz zu uns gestoßen, er ist Mitglied der Gruppe "Die Vögel Europas" und auch als experimenteller Elektroniker von Bedeutung. Und David Ender wiederum hat Ethnomusikologie studiert, ist auch Schriftsteller und spielt seit über 10 Jahren gemeinsam mit Jack Hauser im Improvisations-Duo "F. Wake" und bei der "Herren-BigBäng".

RK: Wir stecken hier mit diesem Prinzip der Interaktivität eigetlich noch in den Anfängen. Glauben Sie, daß das eine Zukunftschance haben wird?

KHE: In meinem Schaffen auf jeden Fall. Nur ist das für mich keine Alternative zum Komponieren im emphatischen Sinne, also dem Aufschreiben von Musik, sondern eine enorme Bereicherung meines persönlichen Horizontes. Daneben kann ich dadurch mit Musikern in anderer Weise in Kontakt treten, neue Arten von Interkommunikation zu erproben. Und zuletzt kann ich damit auch die Einsamkeit zu überwinden, die einen überfällt, wenn man wochenlang in seinem Elfenbeinturm eimgeschlossen ist, um eine Partitur zu schreiben.


Musikbeispiel 2:

Elisabeth Flunger & Karlheinz Essl, Amazing Maze
Version für Schlagzeug und Computer
Wiener Konzerthaus, Nov. 1996



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Updated: 17 Nov 2014