Auf der Suche nach dem Regenbogen

Karlheinz Essl im Gespräch mit der Regisseurin Jacqueline Kornmüller über seine
kompositorischen Beiträge zum Projekt Ganymed Nature im Kunsthistorischen Museum Wien


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Photosujet Ganymed Nature
© 2018 by Helmut Wimmer



Jacqueline Kornmüller: Deine Komposition Some Way Up entstand ursprünglich zu dem Bild Gewitterlandschaft von Peter Paul Rubens; hier hat dich besonders der Regenbogen inspiriert.

Karlheinz Essl: Er ist der kleinste, unscheinbarste Teil des Bildes, den man zunächst kaum bemerkt. Beim Lesen des Bildes bin ich zuletzt auf den Regenbogen gestoßen. Er hat in diesem apokalyptischen Vernichtungszenario etwas Tröstendes, er ist ein Hoffnungszeichen. Sofort ist mir der bekannte Song aus dem Film the "The Wizard of Oz" eingefallen: Somewhere over the Rainbow. Das wurde zum kompositorischen Ausgangspunkt meines Stückes; vor allem der Oktavsprung, mit dem das Lied beginnt.

JK: Kannst du mir deine Arbeitsweise ein bisschen erklären?

KHE: Das ist sehr unterschiedlich, je nachdem, in welchem Medium ich gerade arbeite oder in welchem Kontext ich mich bewege. In der Regel ist es so, dass ich zuerst versuche eine Vorstellung von dem zu bekommen, was am Ende herauskommen soll. Ich arbeite zunächst einmal nicht abstrakt, sondern versuche mir eine klangliche Vorstellung zu erträumen. Die größte Arbeit besteht darin, diesen Traum zu transkribieren.

JK: Was sind die Grundelemente deiner Komposition bei Some Way Up?

KHE: Es gibt eine ganze Reihe von Klangstrukturen die mit Naturphänomenen, vor allem mit Gewittern, zu tun haben: Wald und Wind; ein Bach, der zur Flut anschwillt, dazu Donner und Blitz. Und dann gibt es Momente, die von woanders herkommen, das Menschliche außerhalb der Natur. Das sind die Schritte durch das Laub des Waldes, die sich nach und nach in High Heels verwandeln, mit denen eine Frau über den Asphalt stöckelt. Und dann noch Signale: die Sturmglocke und ein daraus abgeleitetes Klangband, das den Glockenton ins Unendliche fortspinnt. Der Grundton von Somewhere Over the Rainbow – der Ton F – ist mein Leitmotiv für den Regenbogen. Ich habe dafür mit dem A-capella-Chor Tulln zusammengearbeitet und Aufnahmen mit ihm gemacht: dreizehn zum Teil atonale Akkorde, die ich in meiner Soundperformance immer wieder einspiele.


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Peter Paul Rubens: Gewitterlandschaft mit Jupiter, Merkur, Philemon und Baucis (ca. 1620-1636)
© Kunsthistorisches Museum Wien


JK: Welches Wetter ist dein Lieblingswetter?

KHE: Wenn ich ganz ehrlich bin: Windstille. Sonnig warm, aber nicht zu heiß. Ich hasse es, wenn es schneit und stürmt. Wenn ich drinnen bin ist es gut, aber ich liebe mildes Frühlingswetter. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich mich gern draußen bewege und radfahre, und das macht natürlich viel mehr Spaß, wenn es windstill ist.

JK: Kommt deine Lieblingsstimmung in der Komposition vor?

KHE: Überhaupt nicht!

JK: In der Entstehungsphase deiner Komposition hast du die ersten Bilder von Helmut Wimmer gesehen. Inwiefern konnten dich die Fotos noch inspirieren, du hattest ja schon deine Vorstellung im Kopf?

KHE: In Wimmers Fotoarbeiten fasziniert mich die Wildheit der Natur mit ihrer unbändigen Kraft. Ihre unglaubliche Schönheit, die in die hehren Räume der Kunst hineinbricht. Alles, was wir hier im Kunsthistorischen Museum sehen – die klassizistische Architektur des späten 19. Jahrhunderts mit diesen wunderbaren Bildern aus der Habsburger-Sammlung – alles ist clean und wunderschön gemalt, ganz auf Repräsentation aus. In diese heile Welt bricht in Wimmers Fotoarbeiten ganz ungestüm die Natur ein. Das Phantastische ist, dass die BesucherInnen das offensichtlich gar nicht bemerken; sie sitzen da auf ihrem Sofa, schauen sich einen Caravaggio an und bemerken gar nicht, dass die Flut bereits über sie hereinbricht.

JK: So wie es in der Wirklichkeit ist.

KHE: Für mich ist das eine zeitgemäße Interpretation des Gewittersturms von Rubens und ein wichtiger Inspirationsfaktor für meine Klanginstallation Where's the Rainbow? – meine zweite Arbeit für Ganymed Nature, die Helmut Wimmer Fotoausstellung The Last Day im Bassanosaal begleitet.



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Updated: 1 Mar 2018

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