Portrait

Zungenreden: Werkstattgespräch

Karlheinz Essl im Gespräch mit der Schauspielerin Eva Linder
über sein radiophones Hörstück Zungenreden (1990)

Ausschnitt aus einer Radiosendung des ORF Kunstradios
Erstsendung: 15.11.1990

orf-klein


Karlheinz Essl · ZUNGENREDEN: Werkstattgespräch

Eva Linder und Karlheinz Essl über ihre Zusammenarbeit für das Hörstück Zungenreden (1990)


Transkription

Eva Linder: Eigentlich ist es ja so, dass der Text nach und nach zerfällt. Am Anfang gibt es ja noch Sinnzusammenhänge - da kann man sich ja noch etwas Konkretes vorstellen. Dann kommen aber deutsche Worte in Kombinationen, die keinen Sinn mehr ergeben. Und dann löst sich der Text immer mehr auf. Da haben Karlheinz und ich versucht, andere Sprachmelodien darauf zu legen. Wenn sehr viele R waren oder CH, dann hat man es entweder arabisch oder griechisch oder spanisch oder französisch oder bayrisch oder steirisch versucht auszusprechen. Und da kann man sich witzigerweise, obwohl das Wort keinen Sinn ergibt, ein Gefühl darunter vorstellen: heiter oder streng. Oder es gibt so lustige Buchstabenkombinationen, die so ähnlich wie deutsche Worte klingen; dann kann man etwa Befehle oder Antworten da hineindenken.


Karlheinz Essl: Wenn ich mit Sprache arbeite, dann interessiert mich in erster Linie ihr musikalischer Gehalt. Es geht mir darum, die Wörter und Wortstrukturen der Sprache auf ihre musikalische Verwendbarkeit abzutasten. Mich interessiert mehr die Klangwelt der Worte, ihre syntaktischen und klanglichen Beziehungen als eine vordergründige semantische Ebene.

Mein erstes Sprachstück war eigentlich ein Theaterstück. Es nannte sich In the Cage. Dieses eineinhalbstündige Stück haben wir vor drei Jahren mit Leuten des von John Szeiler gegründeten Theaterkollektivs Angelus Novus (u.a. auch Eva Linder) in der Alten Schmiede uraufgeführt. Darin ging es mir um Ähnliches wie bei Zungenreden. Ich habe einen Text von John Cage über "Unbestimmtheit" genommen und mittels eines Computerprogramms ein Labyrinth durch diesen Text gelegt, dieses Labyrinth dann aufgearbeitet und mit den Sprecherinnen einstudiert.

Bei Zungenredemn hat mich diesmal aber interessiert, den Text in seine Bestandteile - seine Phoneme und Klangpartikel - aufzulösen und diese dann neu zusammenzusetzen. Die Absicht war, ein Hörspiel zu schreiben, das wie ein normales Hörspiel beginnt mit einem eindeutig semantischen Text, der dann nach und nach seine Orientierung verliert und sich immer mehr auflöst. Im Verlaufe dieses Prozesses bilden sich schließlich künstliche Sprachen, die Assoziationen an alle möglichen Sprachen und Dialekte erwecken: europäische und indogermanische Sprachen, aber auch japanisch oder altgriechisch.


Eva Linder: Es ist hier so wie die Fantasie eine Kindes abläuft, im besten Sinne des Wortes: so facettenreich und vielfältig wie Kinder denken. Und das ist ja auch das Schönste an der Kunst, dass man sich eine Form von Naivität bewahrt, die unangreifbar ist und auch nicht ideologisch missbraucht werden kann.

Man kann emotional etwas hineindenken. Und das gefällt mir. Und drum war das Arbeiten daran auch so spassig. Man hatte die Möglichkeit, die Textkomposition wie eine Partitur zu nehmen und zu interpretieren. Karlheinz hat mir die Möglichkeit gegeben, das auch zu bearbeiten; selbst wie ein Musiker oder ein Instrument damit umzugehen. Diese Form von Emanzipation finde ich wirklich anregend!


Karlheinz Essl: Die Struktur dieser Texte, die ich generiert habe, ist so permeable und durchlässig, dass sich viele Bezugsmöglichkeiten ergeben. Sie ist so offen, dass der Hörer das Gehörte assoziativ verknüpfen kann. Und das möchte ich dem Hörer auch freilassen: dass er von mir nicht in eine bestimmte Richtung gezwungen wird: „das ist die Message, das musst du so hören!”, sondern dass er auf Grund seiner eigenen Voraussetzungen sich sein Stück im Kopf komponiert.


Eva Linder: Bei manchen Worten ergibt sich so ein absurder Sinn. Obwohl es nichts bedeutet verbirgt sich ein Gefühl dahinter. Ich denke mir, wenn man mit einem Kind eines anderen Sprachkreises so sprechen würde, die würden vielleicht einen Dialog mit dir anfangen können! Diese Ebene gefällt mir daran. An der Kunst mag ich dieses Kindliche, diese Freude! Gerade das Absurde bringt dich wieder dorthin, über das bestehende Reale genauer nachzudenken.

Wenn ich mich mit diesen Texten beschäftige denke ich mir, da habe ich fürs Weltgeschehen kaum was getan. Aber für mein Verständnis der deutschen Sprache gegenüber sehr viel! Wir sind ja so mit der Sprache verbunden, dass man das gar nicht reflektieren kann… Das Absurde macht uns für das Alltagsleben wieder sensibler und aufmerksam.

Karlheinz Essl: Eva, das war ja genial was du da von dir gegeben hast!

Eva Linder: Weil mir diese Arbeit so viel Spass macht! Ich habe mich sicher vierzehn Tage damit beschäftigt. Das sind für mich wirklich interessante Übungen. Theater ist ja nicht nur das Spielen vor Publikum, sondern sich mit Sprache und Inhalten zu beschäftigen. Mit gefällt ja deine Idee, dass du so ein Sprachlabyrinth hernimmst. Ich ahme ja sehr gerne verschiedene Sprachen nach.


Karlheinz Essl: An der Sprache schreckt mich sehr oft die Eindeutigkeit, die sie vorgibt, aber die nicht vorhanden ist. Und ich glaube, dass man mehr vom Klang der Wörter ausgehen sollte und von dort mehr Information bekommt als von einer korrekten grammatikalischen und semantischen Struktur der Sprache. Das war für mich auch ein Akt der Befreiung: mich von der deutschen Sprache nach und nach zu entfernen in eine ganz abstrakte freie Sprache, die mir viel mehr Freiraum lässt als sie eine natürliche Sprache vorgibt.


„Sprechen heißt in Tautologie zu verfallen.”
Ich möchte den Hörer mit etwas konfrontieren, das ihm fremd ist und das er nicht kennt. Aber ihm auch eine Sicherheit geben, dass er irgendwo ankommt. Ich lasse ihn aber nicht alleine. Ich möchte, dass er in diesen Prozess einsteigt und sich quasi selbst drinnen entdeckt und wiederfindet. Ohne ihm vorzuschreiben, welchen Weg er zu gehen hat. Ich gebe ihm etwas Schönes, etwas Reiches und Komplexes, in dem er sich bewegen kann, ohne abzustürzen.

Es gibt zwei Ausgangspunkte: Das eine war das schon erwähnte Theaterstück In the Cage, das ich vor drei Jahren gemacht habe und dessen zugrunde liegende Idee mich nach wie vor interessiert, weil ich sie noch nicht ganz aufgearbeitet habe. Und dazu kommt, dass ich dieses Stück als Musikstück komponiert habe, ganz von musikalischen Vorstellungen ausgehend. Aber die AKM (die Verwertungsgesellschaft für Autoren, Komponisten und Musikverleger) hat mir mitgeteilt, dass sie dieses Werk nicht als Musikstück erachten, was mich aber nicht davon abgeschreckt hat, so etwas nochmals zu machen. Bei In the Cage ging es mir um die Auflösung der grammatikalischen Zusammenhänge, die sich zu neuen Sinnzusammenhängen fügen. In Zungenreden wollte ich die Sprache ins Klangliche auflösen, ins völlig Abstrakte, wenn man das so sagen darf. Und dafür bieten sich auch die Möglichkeiten des Studio an. Hier kann ich diese Vorgänge uneingeschränkt realisieren; auf der Bühne geht das nicht.

Ausschnitt aus einer Radiosendung des ORF Kunstradios
Erstsendung: 15.11.1990



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Updated: 31 May 2020

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