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ScienceCityTalk: Wie Musik die Welt verändert

Karlheinz Essl im Gespräch mit Elisabeth Nöstlinger
Ö1 | Salzburger Nachtstudio
14 Oktober 2015

Ö1 - Österreichischer Rundfunk


Auszugsweise Transkription eines Podiumsdiskussion am 7.10.2015 im Grazer MUMUTH zur die Frage, wie Musik die Welt verändert mit dem Philosophen Wolfgang Welsch, der Neuropsychologin Annemarie Seither-Preisler und dem Komponisten Karlheinz Essl. Moderation: Elisabeth Nöstlinger. Diese Gespräch wurde eine Woche später im Rahmen der Sendung Salzburger Nachtstudio gesendet.



Statement von Karlheinz Essl
MUMUTH Graz, 7 Oct 2015



Komponieren heute

Elisabeth Nöstlinger: Karlheinz Essl ist Komponist und einer der führenden Elektronikperformer Österreichs. Er hat bei Friedrich Cerha an der Musikuniversität Wien Komposition und elektroakustische Musik bei Dieter Kaufmann studiert. Den Kontrabass, sein Instrument, das Karlheinz Essl lange spielte, hat er seit 25 Jahren in die Ecke gestellt. Heute ist der Laptop sein wichtigstes Instrument. Seit 2007 hat er auch eine Professur an der Musikuniversität Wien für Komposition sowie elektroakustische und experimentelle Musik und er ist auch mit der Kunstuniversität Graz verbunden. Seine Kompositionen werden von manchen Beobachtern konstruktivistisch genannt - das könnte eine Brücke zur Philosophie sein. Spannender ist aber nach dem Statement des Philosophen Wolfgang Welsch, der die Spähren- und Stringtheorie zur Diskussion stellte, dass Komponisten nicht komponierten, sondern durch das Universum komponiert würden. - Fühlen Sie sich also, Karlheinz Essl, komponiert?

Karlheinz Essl: Diese Frage hat mir noch niemand gestellt, aber ich freue mich, dass ich sie heute zum ersten Mal höre. Auch wenn ich als Komponist versuche, ein Klangwerk zu schaffen oder eine Vorstellung von Klang zu realisieren, passiert vieles eigentlich unbewusst. Ganz wichtig sind für mich diese Nächte, wo ich im Bett liege und nicht gut schlafen kann, wo in einem Zustand des Halbbewusstseins Gedanken gewälzt werden und sich Dinge plötzlich klären, die ich vorher nicht so denken konnte. Aber das hilft im Grund noch gar nicht. Da ist ein Bild da, das man zu Greifen versucht, aber es zerrinnt sofort wieder. Und jetzt bin ich aufgefordert, Methoden zu erfinden, um diese Traumbild wieder zu erhaschen und es zur Wirklichkeit werden zu lassen.

EN: In einem Gespräch meinten Sie einmal, dass Sie von ganz wenig ausgehen und dann über viele Stufen das Komplexe zu bauen. Wie erfinden Sie das Unbekannte, wie komponieren Sie am Computer?

KHE: Wer sagt denn, dass ich am Computer komponiere?

EN: Wie und wann komponieren Sie dann?

KHE: Ich komponiere beim Radfahren, in der Badewanne, beim Schlafen. Der Computer ist *ein* Arbeitsmittel, aber ich verwende auch viele andere Mittel wie Bleistift, Papier, Instrumente - auch solche, die ich gar nicht spielen kann, die mich herausfordern, mich mit ihnen zu beschäftigen und ihnen etwas abzugewinnen, das ich noch nicht kenne. - Der Computer kann mir helfen, Vorstellungen, die ich in einer bestimmten Abstraktion definiere und ihm als Algorithmus mitteile, widerzuspiegeln und mir zu zeigen, was daraus werden könnte. Er ist mir ein Gesprächspartner, ein Gegenüber, auf das ich reagiere. Aber letztlich muss ich dann selbst entscheiden, ob ich diese Angebote annehme oder sie verwerfen oder korrigieren muss.

EN: Ihre Kompositionen changieren zwischen Klang und Geräusch. Wollen Sie mit diesen Klängen etwas bewirken?

KHE: Meine Musik richtet sich immer an Menschen. Ich mache keine Musik, die sich an die Sphären richtet. Ich stelle mir immer wieder vor, wer das hört. Dazu kommt, dass ich neben meiner Tätigkeit als Komponist auch ein Livemusiker und Improvisator bin. Meine Spezialität ist "instant composition" - Musik aus dem Moment heraus zu erschaffen, wo ich *nichts* habe. Aus der Situation heraus, oftmals in Zusammenarbeit mit anderen MusikerInnen oder kleinen Ensembles, oft auch nur im Duo wie in der Formation OUT OF THE BLUE mit der Sängerin Agnes Heginger. Dann entsteht aus der Situation etwas, von dem wir zuvor nicht wussten, was es ist. Ganz im Sinne von Adorno, der einmal gesagt hat, das Wesen der Kunst sei es, "Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind." [Vers une musique informelle, 1961]

EN: Wie würde sich das Ergebnis möglicherweise anhören wenn Sie fremdländische Klänge mit einbeziehen, die Sie vorher noch nie gehört haben?

KHE: Da müsste ich schon ziemlich lange daran arbeiten...


OUT OF THE BLUE: Live-Vertonung eines Gedichts von Ingeborg Bachmann
Atelier Feilacher, 26.6.2010


Vielsprachigkeit

EN: In der Musik zeigt sich heute ein breites Spektrum, das über die klassische Musik weit hinausgeht hin zu Jazz, Pop, auch Volksmusik. Welche ästhetischen Parameter gelten hier? Gibt es Grenzen?

KHE: Ich würde mich hüten, jetzt eine ästhetische Theorie aufzubauen. Heutzutage, in Zeiten der Postmoderne - nach Wolfgang Welsche eine Weiterführung der Moderne in einem sehr vielschichtigen, mehrdimensionalen Sprachsystem - gibt es keine Ästhetik mehr, die man ex cathedra proklamiert und nach der man seine Werke komponiert. Jedes Werk, das man schafft, jede Komposition und jede Performance ist eine Ausnahmesituation, wo man auf eine Situation reagiert und eine angemessene Haltung dazu einnehmen muss. Deswegen glaube ich, dass die Ästhetik sich immer aus dem Kontext ergibt, in dem man sich gerade befindet. Diesen Kontext kann man verschieden bedienen: indem man ihn affirmiert, indem man ihn bricht, indem man ihn stört. In diesem Spannungsfeld muss sich jede KünstlerIn, jede MusikerIn positionieren.

EN: Unterscheiden Sie Ihre Kompositionen von Performances, beispielsweise mit Sprayern in Zürich?

KHE: Komposition hat für mich schon etwas von Werkcharakter; wo man am Papier oder meinetwegen mit Hilfe eines Computerprogramms Gedanken festhält oder Algorithmen definiert; etwas komponiert, das Gestaltcharakter hat und als Musik erkennbar ist und eine gewisse Art der Repräsentation aufweist. - Das Improvisieren hingegen ist ein Geschenk des Himmels aus dem Moment heraus, wo Dinge geschehen, an die wir vorher nicht denken konnten.

EN: Und trotzdem festgehalten werden?

KHE: Nun ja, das Schöne ist ja das Ephemere der Musik, die einzige Kunst...

Wolfgang Welsch: ...neben dem Tanz...

KHE: ...die nicht festzumachen ist. Heute können wir natürlich alles aufnehmen und medial verfügbar machen. Aber das ist wie das erzählte Mittagessen.

WW: Also, mich hat das jetzt gewundert! Vorher sagten Sie auf die Frage von Frau Nöstlinger, sie komponieren nicht am Computer. Jetzt klang's aber doch so, als dass am Computer komponiert würde. Die eigentliche Frage ist: Was verwenden Sie den an Tonmaterial? Dass man das am Computer dann bearbeite ist ohnehin klar. Aber verwenden Sie Aufnahmen - Materialien der "musique conrète" wie bei Schaeffer oder Luc Ferrari, die das dann weiterverarbeiten - oder *generieren* Sie alles am Computer?

KHE: Wissen Sie, das ist sehr unterschiedlich! Es gibt Stücke, die ich ganz konventionell am Papier schreibe wie Instrumentalmusik. Daneben gibt es aber auch Stücke, die sich - so wie Sie es eben beschrieben haben - einem "musique concrète"-Ansatz verdanken, basierend auf Tonaufnahmen, die man selber macht oder zusammen mit InstrumentalistInnen, oder "field recordings", aus denen durch bestimmte Prozessierungen Klang bzw. Musik entsteht oder zuletzt, indem man eigene synthetische Klänge generiert. Das sind verschiedene technische Möglichkeiten und Medien, mit denen man arbeiten kann.


Karlheinz Essl: Herbecks Versprechen (2014)
Electronic sound performance upon a poem by Ernst Herbeck



Transkulturalität

EN: Abschließend erzählt der Komponist Karlheinz Essl von einem kulturübergreifenden Musikprojekt an der Musikuniversität in Wien.

KHE: Gemeinsam mit meinem Kollegen Reinhard Karger habe ich letztes Jahr ein sehr interessantes Projekt mit Studierenden an der Wiener Musikuniversität gemacht, wo wir MusikerInnen aus Taiwan eingeladen haben, mit ihren Instrumenten zu uns zu kommen und uns ihre traditionelle Musik vorzuspielen. Dazu hatten wir auch ein junges Streichquartett (das Pacific Quartet Vienna) eingeladen. Unsere Studierenden haben in verschiedenen Workshops die chinesischen Instrumente - die Pipa und die Bambusflöte - kennengelernt, und haben zuletzt Stück für diese Instrumente geschrieben im Zusammenspiel mit Streichquartett bzw. Elektronik. Diese Kompositionen wurden dann in Wien uraufgeführt und im Anschluss daran auch in Taiwan präsentiert. Da war es für mich auch sehr interessant zu sehen, wie diese unterschiedlichen Ästhetiken aufeinander prallen und welche unterschiedlichen Lösungen die KomponistInnen in ihren Werken gefunden haben.

Ich selbst habe dafür ein Stück für Pipa und Elektronik namens Autumn's Leaving geschrieben und habe dafür ein altes chinesisches Gedicht - ein Loblied auf die Pipa - von der Pipaspielerin sprechen lassen und es aufgenommen. Dieses Sprachmaterial kommt dann im Laufe der Komposition mithilfe der Live-Elektronik aus der Pipa heraus - die Pipa spricht sozusagen. Das war für mich ein Versuch, dieses Instrument mit all seiner Geschichte, seiner uralten Tradition und Virtuosität in etwas ganz anderes zu übersetzen, das ich noch nicht kannte. Und dabei hat auch die Elektronik und der Computer geholfen.

EN: Kann dabei auch ein Ohrwurm entstehen?

KHE: In diesem Fall vielleicht schon, weil in dieser Komposition zwei andere Musikstücke zitiert und verarbeitet werden: das eine ist die Beethovens Mondscheinsonate, weil in diesem Pipa-Gedicht über den Mondschein im Wasser gesprochen wird. Sie kommt im Pipa-Part allerdings sehr verändert vor, aber sie kommt vor! Weil das Gedicht zudem eine Herbststimmung widerspiegelt, verwende ich als zweites Zitat den bekannten Jazzstandard Autumn Leaves. Man kann - wenn man es weiß - an manchen Stellen die Mondscheinsonate hören und dabei bemerken, dass die zugleich auch "Autumn Leaves" ist. Eine Art "bridging the gap between those different aspects of languages."


Karlheinz Essl: Autumn's Leaving (2015)
für Pipa und Live-Elektronik

Performed by Huikuan Lin (pipa) and Karlheinz Essl (live-electronics)
Taipei, Eslite Performance Hall (Taiwan) on May 1st, 2015



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Updated: 23 Oct 2015