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Erfahrungen mit Elektronischer Musik

Karlheinz Essl im Gespräch mit Carl-Markus Piswanger
3. April 2008



  Carl-Marcus Piswanger: Was waren die wichtigsten Einflussfaktoren, dass Sie elektronische Musik produzieren – waren es eher Personen, die Technik oder das musikalische Ergebnis?

Karlheinz Essl: Die Technik ist zwar wichtig, aber nur Mittel zum Zweck. Entscheidend ist für mich immer das musikalische Ergebnis. In meiner musikalischen Entwicklung hat aber eine Person eine wichtige Rolle gespielt: Als Teenager bin ich zufällig über Karlheinz Stockhausen gestolpert und zwar über die deutsche Krautrock-Band CAN. Zwei ihrer Musiker waren Studenten bei Stockhausen. Über weitere Recherchen bin ich dann zur LP „Kontakte“ von ihm gekommen. Und so etwas habe ich bis dahin noch nie gehört: faszinierend und gleichermaßen irritierend - diese Musik hat mich buchstäblich „aus den Socken gehaut“. Ich wollte dann aber auch verstehen, wie eine solche Musik zustande kommt. Gemeinsam mit meinem Freund Jack Hauser haben wir daraufhin jahrelang Stockhausens „Texte zur Musik“ (duMont) durchgearbeitet. Parallel dazu haben wir auch selber experimentelle Rockmusik gespielt, die auf freier Improvisation beruhte.

Elektronische Musik selber zu machen war für mich lange Zeit unvorstellbar, da die dafür notwendigen Instrumente und Gerätschaften - wie z.B. ein Synthesizer oder Studioeinrichtungen - unerschwinglich waren. Mit 14 bastelte ich mir aus einem Elektronikbaukasten einen kleinen „Home-made“-Synthesizer mit Fotozellen. Je nachdem, welche Bewegung vor der Fotozelle stattfanden, ergaben sich daraus unterschiedliche Klangstrukturen, die vornehmlich im Bereich des Quietschens angesiedelt waren. Zur gleichen Zeit arbeitete ich mit meinem Bruder zusammen, der experimentelle Fotos machte. Er produzierte daraus sehr merkwürdige Diashows, dich ich vertonte. Dafür nahm ich Improvisationen meiner Band auf einem Kassettenrekorder auf baute aus diesem Klangmaterial meine ersten Klangcollagen baute. Dabei arbeitete ich mit einfachen technischen Tricks wie das Abspielen von zerknüllten Tonbändern oder die Veränderung der Abspielgeschwindigkeit durch Ausbremsen des Antriebsmotors.


CMP: Sie arbeiten schon lange mit Software zur Musikgestaltung. Mit welchem technischen Equipment arbeiten Sie?

KHE: Ich arbeite mit der Programmiersprache Max/MSP, benannt nach dem Computer- und Soundpionier Max Mathews. Sie wurde im IRCAM entwickelt, das in den 1970er Jahren von Pierre Boulez in Paris gegründet wurde. Ich habe dort Anfang der 1990er-Jahre als Komponist gearbeitet. Im IRCAM wurde bereits sehr früh mit Echtzeitklangsynthese mit Hilfe von Mainframes (PDP 11), später auch auf Basis von NeXT-Computern gearbeitet.

Mit Hilfe von Max/MSP lässt sich eine Komposition als algorithmisches Modell beschreiben und in Echtzeit erzeugen, was wiederum die Veränderung des im Moment entstehenden Klanges möglich macht, indem die Systemparameter zur Laufzeit modifiziert werden. Dadurch wird der Computer zu einem Instrument, wodurch echte Interaktion zwischen Mensch und Maschine möglich, die in beide Richtungen abläuft. Oder man lässt Computer mit sich selbst musizieren, wobei die manuelle Interaktion durch Steueralgorithmen (die vielfach mit Zufallsoperationen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen operieren) abgelöst wird - das Stück spielt dann im sog. „Autopilot“-Modus.


CMP: Sie sind lange im Bereich der elektronischen Musik tätig, wo gehen technische Entwicklungen hin?

KHE: Das ist sehr schwer zu sagen und notgedrungener Maßen sehr spekulativ. Zwei Aspekte zeichnen sich aber ab. Einer davon ist die Erzeugung neuer Klangräume - etwa mit Hilfe der sog. Wellenfeldsynthese. Anstelle von einzeln positionierten Lautsprechern werden die Wände eines Hörsaales mit Paneelen ausgekleidet, in denen hunderte kleine Lautsprecher eingebaut sind, die einzeln angesteuert werden. Dadurch wird eine neue Dimension der plastischen Darstellung von Klangabläufen im Raum möglich, was wiederum den Hörer in einer ganz neuen Weise in die Musik eintauchen lässt.

Die zweite Entwicklung ist die Vernetzung unterschiedlicher Medien, die jedoch viel weiter geht als in den heutzutage verbreiteten "Multimedia"-Konzepten. Die einzelnen medialen Welten sollen miteinander interagieren, sodass sich beispielsweise der Klang aus dem Bild und gleichzeitig das Bild aus dem Klang ergibt - ein rückgekoppeltes System, das zur Autopoiese fähig ist und "immersive Erlebniswelten" entstehen lässt, die wir uns nicht einmal im Traum vorstellen können.


in: Monitor - Das Magazin der Informationstechnologie (Dezember 2008)



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Updated: 17 Jan 2009