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A-m@ze-ing

Karlheinz Essl im Gespräch mit Esther Planton und Andrea Lexer
Telefoninterview, 3. Dezember 2008



Esther Planton / Andrea Lexer: Lieber Herr Essl, danke für Ihre Bereitschaft uns einige Fragen zu sich und ihrer kompositorischen Arbeit zu beantworten.

Karlheinz Essl: Hallo, sehr gerne, aber vielleicht machen wir kein Frage-Antwort-Spiel, sondern ein gemütliches Gespräch...

EPAL: Welche Stücke werden Sie am 15. Jänner 2009 bei Ihrem Konzert im Rahmen der Campus Musick - Reihe spielen?

KHE: Ich werde einerseits Stücke spielen, die sich auf andere Musik beziehen wie das Gold.Berg.Werk (für Streichtrio und Live-Elektronik) oder meine Bearbeitung des Dissonanzenquartettes von W.A. Mozart - Deconstructing Mozart für Orgel und Elektronik -, weiters ein Stück aus dem Sequitur-Zyklus und abschließend Father Earth - eine rockige Hommage an die Krautrock-Band CAN. Und all das werde ich auf meinem Computer-Instrument m@ze°2 performen.


Karlheinz Essl performing at Campus Musick (15 Jan 2009)

Karlheinz Essl: Live-Performance mit m@ze°2
Campus Musick Klagenfurt, 15 Jan 2009


EPAL: Was ist m@ze°?

KHE: m@ze°2 ist ein Akronym und steht für Modular Algorithmic Zound Environment. Es ist eigentlich mehr als ein Instrument. Im Grunde ist es eine Echtzeit-Komponier-Umgebung, welches mir im Augenblick erlaubt, quasi orchestrale elektronische Musik zu spielen aber auch zu improvisieren. Ebenso ermöglicht mir m@ze° mit anderen Improvisationskünstlern ohne Vorgaben zu musizieren.

EPAL: Treten Sie auch mit traditionellen Instrumenten auf?

KHE: In Klagenfurt werde ich selbst E-Gitarre spielen und habe eine Spieluhr im Gepäck. Meine Spieluhr besitzt statt der Walze einen Lochstreifen, den ich selbst hergestellt habe. Meine Komposition wird in den Lochstreifen gestanzt, in die Spieluhr eingelegt und mit der Kurbel abgespielt.


Karlheinz Essl spielt Sequitur VIII
Campus Musick Klagenfurt, 15 Jan 2009


EPAL: Wovon hängt ihre Wahl der Stücke für ein Konzert ab? Ist dies ortsabhängig?

KHE: Ja, denn bei diesem Konzert in Klagenfurt treffe ich auf Studierende der Angewandten Musikwissenschaft und in diesem Kontext ist es für mich spannend Stücke vorzustellen, die Bearbeitungen bekannter Werke von J. S. Bach und W. A. Mozart sind. Andere Kontexte erlauben eine abstraktere und zum Teil auch eine längere Auswahl an Stücken, aber diese universitäre Umgebung und meine Bekanntschaft mit Simone Heilgendorff haben diese Auswahl zum Resultat.

EPAL: Welche Fähigkeiten muss man mitbringen um so ein Instrument wie das m@ze° entwickeln zu können?

KHE: Diese Software habe ich mir selbst auf den Leib geschrieben - darin stecken 15 Jahre Entwicklungsarbeit und Forschung. Meine Klangwelt und meine Art, wie ich über Musik denke, sind darin eingearbeitet. Daher bin ich der einzige, der dieses Instrument als solches verstehen und spielen kann. Da ich weder Informatiker noch Mathematiker bin, erfolgte die Entwicklung dieses Programms im Sinne eines „learing by doing“. Mein Programmieren bezieht sich allerdings immer auf die Komposition und das musikalische Gestalten.

EPAL: Können Sie uns diese Programmiersprache vereinfacht erklären?

KHE: Diese Sprache heißt Max/MSP. Sie ist im Bereich der experimentellen elektronischen Musik recht verbreitet und wurde Ende der 1980er Jahren in Paris am IRCAM entwickelt. Dort habe ich sie während eines Aufenthalts 1992/93 für mich entdeckt. Max/MSP ist kein Programm zum Anwerfen wie eine Waschmaschine, sondern ein System um eigene Programme zu erstellen.


Karlheinz Essl improvisiert auf seinem Computerinstrument m@ze°
Campus Musick Klagenfurt, 15 Jan 2009


EPAL: Komponieren Sie auch mit anderen Medien?

KHE: m@ze°2 verwende ich hauptsächlich als Live-Instrument bzw. für bestimmte Stücke. Wenn ich hingegen Instrumentalmusik komponiere, verwende ich hauptsächlich Papier und Bleistift, oder ich nehme ein Instrument zur Hand. Aber auch abstrakte Mittel, wie Zahlen oder Graphen auf Millimeterpapier, dienen mir als Ausgangspunkt.

EPAL: Wo würden Sie sich als Komponist einordnen?

KHE: Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen! (lacht) Ich lasse mich nicht einordnen. Ich mache sehr unterschiedliche Sachen und bin stolz darauf, dass man mich in keine Schublade stecken kann. In den 90er Jahren wurde ich von Komponisten wie Brian Ferneyhough oder auch Karlheinz Stockhausen inspiriert und habe mich den Ideen der „New Complexity“ verbunden gefühlt. Vielleicht liegt es am Älterwerden, aber die Stücke, die in den letzten Jahren entstanden sind, erscheinen eher ruhig und sind ganz anders energetisch aufgeladen und manchmal sogar durchaus meditativ.

EPAL: Liegt Ihr Hauptaugenmerk nach wie vor darin, Regeln zu finden, die zu Unvorhersehbarem führen?

KHE: Ja, das kann man schon sagen! Gerade auch deshalb, da mein m@ze°2 nicht vollständig kontrollierbar ist. Gewissen Komponenten dieses Systems haben ein Eigenleben, das ich zu einem gewissen Grad steuern kann. Den unkontrollierbaren Teil verwende ich bewusst als Provokation meiner selbst, um nicht in meiner kompositorischen Arbeit festzufahren.

EPAL: „Ich habe eine genaue Klangvorstellung im Kopf, schlafe darüber, und das übriggebliebene Gerüst davon ist der Ausgangspunkt für die weitere Vorgehensweise“. Trifft diese Beschreibung des Kompositionsvorganges noch zu?

KHE: Das war vielleicht früher mal so. Jetzt fügt sich zwar noch so manches im Halbschlaf, aber das ist kein allgemeiner und typischer Verlauf meiner kompositorischen Arbeit.

EPAL: Komponieren Sie auch mal rein aus dem Bauch heraus?

KHE: Strukturen sind mir immer wichtig, auch wenn sie mir zunächst nur als Inspiration dienen. Sind diese ersten Schritte – die Erstellung eines strukturellen Systems – getan, habe ich eine vorgegebene Richtung, aufgrund derer sich das Stück im besten Fall wie von selbst schreiben kann – also durchaus „aus dem Bauch“. Obwohl bei meinen Live-Performances viel Unvorhersehbares und Freies vorkommt, bedarf es trotzdem einer Struktur im Hintergrund.

EPAL: Nun zum Thema „Klanginstallationen“. Haben Sie sich vor Bernhard Gàl damit beschäftigt, oder wer hat wen beeinflusst?

KHE: Ich bin älter und habe mich dementsprechend schon früher mit diesem Genre beschäftigt. Gegenseitige Beeinflußungen sehe ich nicht, auch unterscheiden sich unsere Ausgangspunkte. Bernhard Gàl lässt den Klang mehr wie ein bildender Künstler in seine Arbeit einfließen. Ich hingegen betrachte meine Installationen schwerpunktmäßig als Musikinstallationen – als Übertragung meines Konzepts von Echtzeit-Komposition in den öffentlichen Raum.

EPAL: Mit welchem Ergebnis soll der Zuschauer eines Ihrer Konzerte verlassen?

KHE: Ich würde mir wünschen, dass er hochgestimmt ist, fröhlich und berührt.

EPAL: Können Sie Ihren Stil in einem Satz beschreiben?

KHE: XXX (eXtremely eXperimental eXpressionism)

EPAL: Vielen Dank für das Interview.


in: Programmheft zu Karlheinz Essls Portraitkonzert A-m@ze-ing am 15.01.2009
Alpe-Adria-Universität Klagenfurt, Alte Kraftkammer

Fotos und Videos: Claudius von Wrochem



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Updated: 16 Jul 2016