Fünf Fragen an Karlheinz Essl

Gestellt von Walter Pobaschnig für Literatur outdoors – Worte sind Wege
5 Feb 2021


Lieber Karlheinz, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe zeitig auf. Die Katzen wollen umsorgt sein. Dann nehme ich mir Zeit für Stille, um Kraft zu sammeln. Nach dem Frühstück mit meiner Frau beginnt der Arbeitstag. Früher bin ich in mein Studio oder auf die Musikuni gefahren. Heute – in Zeiten von Corona – gehe ich nur selten außer Haus. Ich steige in mein Dachkabäuschen, wo ich mir einen Arbeitsplatz eingerichtet habe. Während des Semesters unterrichte ich dort online, in streng getaktetem Stundenrhythmus. Das geht besser, als ich anfangs gedacht hatte. Mittags koche ich. Das entspannt und bringt mich auf andere Gedanken. Wenn es die Zeit und das Wetter zuläßt, treibt es mich hinaus ins Freie. Oft mit dem Fahrrad. An unterrichtsfreien Tagen bereite ich mich auf mein wöchentliches Kompositionsseminar vor. Oder ich widme mich meiner eigenen künstlerischen Arbeit. Treffe MitstreiterInnen auf Zoom, um aktuelle oder zukünftige Projekte zu besprechen. Vieles davon ist im letzten Jahr ausgefallen. Neue Präsentationsformate mussten entwickelt werden. Von Zeit zu Zeit finden aber auch „echte” Begegnungen statt, wie früher. Proben im kleinstmöglichen Setting. Treffen mit Studis und KollegInnen.


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Karlheinz Essl im Studio kHz
© 2020 by Victor Brazdil


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Leben im Moment. Spontan auf die ständig wechselnden Bedingungen reagieren. Neue Ideen zulassen. Ausgetretene Pfade verlassen. Andere unterstützen. Miteinander, nicht gegeneinander arbeiten. Die Worte Konkurrenz, Leistungssteigerung und Wettbewerb aus dem Sprachschatz verbannen.


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Karlheinz Essl
© 2019 by Pepo Schuster


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Früher bin ich viel gereist. War ständig unterwegs. Das wird sich in Zukunft ändern. Ich habe gelernt, dass es auch andere Formen des Austausches gibt. Aber trotzdem möchte ich die persönlichen Begegnungen nicht missen. Die Pandemie hat uns gezwungen, das Wesentliche im Auge zu behalten. Vieles ist verzichtbar. Ich muss nicht jeden Abend eine Veranstaltung besuchen oder Leute treffen.

Musik spielt eine wichtige Rolle, weil sie so unmittelbar berühren kann. Sie entführt uns in Welten, die wir noch nicht kennen. Verführt zum Hineinhören ins Innere der Klänge. Eröffnet neue Horizonte. Verändert dadurch unser Leben. Und bereichert es.

Aber wie kann Musik wieder „live” erlebt werden? Die althergebrachten Formate einschließlich ihrer sozialen Aspekte stehen auf dem Prüfstand. Online-Konzerte empfinde ich jedoch wie schlecht belichtete Schwarzweißfotos einer blühenden Landschaft. Man erkennt zwar den Inhalt, wird emotional aber wenig berührt. Wir alle ringen nach neuen Lösungen. Und sind gefordert wie nie zuvor. Noch gibt es keine Antworten. Aber viele Fragen.


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Karlheinz Essl im Kunsthistorischen Museum by Ganymed Nature
© 2018 by Helmut Wimmer


Was liest Du derzeit?

Die eben erschienene ungekürzte Ausgabe von Haruki Murakamis Chroniken des Herrn Aufziehvogel, neu übersetzt von der genialen Ursula Gräfe. Murakamis Blick auf die moderne japanische Gesellschaft und ihre althergebrachten Traditionen ist verstörend und aufregend zugleich.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Sei fest im Hoffen.
Stark in der Beschwörung.
An Liebe reich.
So wirst du überdauern.
Marie Luise Kaschnitz, Dann sei geübt im Traum
aus: Gedichte 1939-1945


Vielen Dank für das Interview lieber Karlheinz, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!


5.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.



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Updated: 28 Feb 2021

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