portrait animation

LIVE?

Über das Verhältnis von Komposition und Live-Performance.
Karlheinz Essl im Gespräch mit Tim Schaffrick


Tim Schaffrick: Wie groß ist der Anteil der Liveauftritte an Ihrer gesamten künstlerischen Tätigkeit?

Karlheinz Essl: Ich schreibe inzwischen viel weniger Partituren und der Anteil von Live-Projekten nimmt mittlerweile einen weit grösseren Raum ein. Das Verhältnis hat sich sehr stark verschoben. Früher war ich ja vorwiegend Schreibtischkomponist.

TS: Wie hoch ist der finanzielle Anteil der Live-Gagen im Vergleich zu anderen künstlerischen Tätigkeiten?

KHE: Die Kompositionsaufträge die ich bekomme sind extrem schlecht bezahlt; eigentlich sind das nur Anerkennungsbeträge. Deshalb verdiene ich mit dem, was ich “live” mache, mehr als die Hälfte, vielleicht zwei Drittel meiner Einnahmen als Musiker. Was relativ gut geht, ist der Verkauf von CDs von Klanginstallationen. Gerade läuft im Museum der Sammlung Essl eine Ausstellung über Aboriginal Art, dafür habe ich eine Klanginstallation [ULURU] komponiert, die die Ausstellung begleitet. Die CD davon verkauft sich sehr gut, weil die Besucher das in der Ausstellung “live” hören und dann gerne die CD haben möchten.

TS: Wie stark hat sich das Verhältnis zwischen Liveauftritten, Studioarbeit und Projektarbeit im Laufe Ihrer Karriere verändert??

KHE: Bis zu meinem 23. Lebensjahr war ich Kontrabassist und habe sehr viel live gespielt, dann Komposition studiert und den Kontrabass und das Livespielen komplett eingemottet, aber es blieb aber immer eine Sehnsucht danach. Dabei habe ich aber gewusst, dass es mir unmöglich ist, zurück zu den akustischen Instrumenten zu gehen. Bei meiner Auseinandersetzung mit Computern und elektronischer Musik ist mir dann klar geworden, dass dies die Medien sind, mit denen ich mich am besten ausdrücken kann. So entstand 1996 ein erster Ansatz zur Entwicklung eines Computerinstruments - das war dann der Knackpunkt.

Bei den Salzburger Festspielen 1997 hatte ich zwei Portraitkonzerte innerhalb der Reihe “Next Generation”, das war Höhepunkt und zugleich Abschied von meiner “normalen” kompositorischen Karriere. Da habe ich gemerkt, jetzt bin ich sehr hoch gekommen, aber ich möchte nicht mehr weiter in diese Richtung - das war für mich ausgereizt. Von diesem Augenblick an habe ich mich sehr stark mit Live-Spielen beschäftigt, war mit unterschiedlichsten Musikern, darunter Christian Fennesz, in Kontakt und wir haben gemeinsam Konzerte gemacht. Das war eine ungeheure Befreiung für mich und hat auch meine kompositorische Arbeit sehr stark geprägt - und daraus sind vollkommen andere Projekte entstanden.

TS: Wie wichtig ist der Liveauftritt für die eigene künstlerische Arbeit?

KHE: Liveauftritte sind also im Lauf der Zeit immer wichtiger geworden. Studioarbeit – als kompositorisches Experimentierfeld - und konzeptionelle Arbeit sind aber natürlich immer “da”. Ein Komponist des 21. Jahrhunderts kann nicht mehr nur in den geschützten Bereichen der “Neuen Musik” existieren. Ich habe also 1996 mit der Entwicklung meines elektronischen Instruments m@zeº2 (geschrieben mit der Computersprache Max/MSP) begonnen. Dieses Computerinstrument ist ganz auf mich zugeschnitten, ändert sich ständig und spiegelt dabei den momentanen Stand meiner Arbeit wider. Für jedes Konzert gibt es Modifikationen, ich muss ständig “neue Saiten aufziehen” oder irgend etwas Neues dazuprogrammieren. Aber es ist nicht nur ein Instrument, sondern eben auch ein Kompositions-Environment. Damit verschmelzen die Aspekte von Komposition, Instrument und Aufführung.

TS: Wie stark haben Liveauftritte Ihre künstlerische Entwicklung beeinflußt?

KHE: Durch die Spannung zwischen Performern und Zuhörern ergeben sich manchmal geradezu magische Momente, die man nie anders erreichen könnte. Deshalb arbeite ich aber auch so gern ausserhalb der Konzertsäle.

TS: Hat sich Ihre persönliche Situation der Auftrittsmöglichkeiten in den letzten Jahren verändert, welche Gründe waren/sind dafür ausschlaggebend?

KHE: In den 80er und 90er Jahren bezog ich mich meistens auf die etablierten Konzertsäle, dann aber immer mehr auf andere Räumen wie Fabrikhallen, Kirchen, Museen… Zur Zeit schreibe ich ein Stück für sieben Posaunen [Faites vos jeux!], die im Freien bei einem Kraftwerk spielen werden - damit erreiche ich auch ein ganz anderes Publikum.

TS: Ist die eigene künstlerische Tätigkeit auch ohne Liveauftritte vorstellbar?

KHE: Ich bin nicht abhängig vom Livespielen.

TS: Werden die Liveauftritte selbst organisiert oder ist ein/e Promoter / Agentur dafür zuständig, oder besteht eine Mischung aus Eigenorganisation und Fremdorganisation?

KHE: Ich habe keine Agentur. Ein Engagement entsteht meist dadurch, dass Veranstalter mich direkt kontaktieren; der Dreh- und Angelpunkt dafür ist meine Website.

TS: Welche Ereignisse müssen auftreten, damit ein Auftritt von Ihrer Seite aus abgesagt wird?

KHE: Ich habe eigentlich noch nie abgesagt, ausser bei Naturkatastrophen, Krankheit, Tod…

TS: Welchen Anteil im Freizeitverhalten nehmen Konzertbesuche zu anderen Künstlern ein?

KHE: Ich trenne eigentlich nicht zwischen Arbeit und Freizeit, aber ich habe Kinder und lebe auf dem Land, da ergibt es sich relativ selten, zwei Mal im Monat vielleicht.

TS: Gibt es ein Ereignis zum Thema „Liveauftritt“, dass in Ihrer künstlerischen Karriere von besonderer Bedeutung war?

KHE: Letztes Jahr in Brüssel bei dem Festival ARS MUSICA hatten wir einen sehr erfolgreichen Auftritt mit einem nicht notierten Stück, mit Musikern, die nicht aus der Improvisation kommen (dem Ensemble Recherche), bei dem ich als Komponist und “live” als Musiker beteiligt war. Dieses Konzert mit anschliessendem Publikumsgespräch mit sehr vielen Fragen habe ich als sehr beglückend empfunden.


Telefoninterview, geführt am 12.08.2004 für das
MICA-Special: "Musikwirtschaft / Live-Sektor Österreich"



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Updated: 19 Sep 2004