PassauerNeuePressevom 16.9.1997 FEUILLETON

Der dem Computer komponieren lehrt

Portrait und Gespräch mit dem Wiener Avantgarde-Komponisten Karlheinz Essl


VON HERMANN SCHMIDT

Portrait


Er ist gerade 37 Jahre alt und zählt schon zur Spitze der internationalen Komponisten-Avantgarde. Jener Avantgarde, die den Postmodernismus meidet wie der Teufel das Weihwasser und die auch mit neo-romantischen Strömungen nichts am Hut hat: Für den 1960 in Wien geborenen Karlheinz Essl ist es nicht Kreativität, die Kunst auslöst, sondern die Kunst, die durch einen Akt der Verwirrung und Verstörung Kreativität freisetzt. Dazu dient zunehmend die elektronische Datenverarbeitung, der Computer. Dem Komponisten geht es immer weniger um Durchkonstruiertes als um Regeln, die in Unvorsehbares führen: "Werk und Prozeß lassen sich als Extremwerte auffassen, zwischen denen vielfältige Zwischenstufen und Übergangsformen denkbars sind. Es ist ein grundsätzlicher Fehler, Offenheit mit Beliebigkeit zu verwechseln."

Essl, der bereit ein umfangreiches Werkverzeichnis vorweisen kann, promovierte 1989 über "Das Syntese-Denken bei Anton Webern". Studiert hat er bei Friedrich Cerha (Komposition) und Dieter Kaufmann (elektro-akustische Musik). Seinen bisher größten Erfolg feierte der innovative Musiker heuer mit zwei umfassenden Portraitkonzerten bei den Salzburger Festspielen in hochkarätiger Besetzung ("Ensemble Modern" unter Hans Zender / "Klangforum Wien" unter Johannes Kalitzke). Vor wenigen Tagen widmete der ORF dieser großen Hoffnung auf dem Gebiet neuer Musik eine fast zweistündige Sendung.




Was unterscheidet Sie Ihrer Meinung nach von herkömmlichen Komponisten?

Was ist ein herkömmlicher Komponist? - Ich bin ein Mensch mit Leib und Seele, aber mit zwei Seiten. Normal ist natürlich die instrumentale Komposition. Nur eine bestimmte Szene sieht mich als reinen Elektronik-Komponisten. Aber ich bin da absolut nicht einseitig.

Sie verweigern sich sogenannten Stilrichtungen, habe aber doch eine ganz neue schöpferische Konzeption. Wie würden Sie diese beschreiben?

Ich sehe da kaum eine Zuordnung. Wichtig ist vor allem die Intuition. Aber es gibt sicher auch Vorbilder. Fasziniert bin ich von der Zeit um 1910, bevor Schönberg seine Zwölftonmethode formuliert hat, und von den 50er Jahren, dem Beginn der elektronischen Musik. Von Stockhausen habe ich viel gelernt.

Ist das, was Sie machen, eine späte Rebellion gegen die Serialität - gegen eine formale Ordnung überhaupt?

Ordnung und Chaos sind keine unbedingten Gegensätze. Beide bewegen sich immer aufeinander zu. Auch im Zufall wohnt eine Kausalität. Aber es ist schonso, daß formalen Ideen immer die Richtung in meiner Musik bestimmen.

Kann man vereinfacht sagen, daß für Sie der Weg das Ziel ist?

Dieser Spruch gefällt mir immer wieder; stammt er nicht von Konfuzius? - Nein, ohne Ziel möchte ich keinen Weg gehen. Ich liebe zwar das Flanieren, aber ein Ziel muß sein. Bevor ich zu schreiben beginne, steht das Wesentliche, zumindest das formale Gerüst, schon fest. Ich weiß vorher genau, was ich mit dem Stück sagen will. Wichtig sind mir vor allem die Übergänge zwischen Gegensätze. Das ist für mich ein Reisen durch eine noch unbekannte Klangwelt.

Was sagt Ihnen heute ein Konzertbetrieb, der imme noch den Ritualen des 19. Jahrhunderts anhängt?

Das sehe ich sehr zwiespältig. Denn es gibt Konzertsäle, die sehr gut klingen. Aber für meine Stück ist meistens eine herkömmliche Guckkasten die denkbar schlechteste Lösung. Die von Ihnen benannten Rituale hängen immer noch an den Vorstellungen des einstigen Bildungsbürgertums: Man beginnt mit der "Zauberflöte" und arbeitet sich dann langsam durch die Musikgeschichte. Mit 70 ist man dann vielleicht so weit, etwa Schönbergs "Verklärte Nacht" geniessen zu können. - Bei der heutigen Trägerschicht der Neuen Musik ist es allerdings anders: Das sind Menschen, die generell ein breites kulturelles Interessenspektrum haben.

Wie setzen Sie in Ihrer Performance für Passau bei der Kunst Arnulf Rainers an? Entsteht da ein direkter Bezug oder ist der Zusammenhang nur abstrakt?

Nein, einen direkten Zusammenhang gibt es nicht. Ich schätze die Werke von Arnulf Rainer sehr und kenne ihn auch persönlich. Seine Bilder haben etwas Klangliches. Bei meinen Stücken für Passau geht es um eine musikalische Vorgabe für Computer, die vom Rechner auf dieser Basis unvorhersehbar aber doch kontrolliert weiterentwickelt wird. Hauptaspekt ist hier der Computer als Instrument.


© 1997 by Passauer Neue Presse / Hermann Schmidt


in: Passauer Neue Presse (Passau, 24.9.1997)



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Updated: 7 Jul 2002