Where's the Rainbow?

KUNSTRADIO-Sendung über Karlheinz Essls Klangkomposition für das Theaterprojekt Ganymed Nature

Erstsendung: Sonntag 13.5.2018, 23:00 - 00:00 Uhr
ORF Kunstradio, Gestaltung: Anna Soucek

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Kunstradio-Sendung vom 13. Mai 2018 auf Ö1
Live-Performance: Karlheinz Essl



Anna Soucek: Guten Abend wünscht Ihnen Anna Soucek. Neben mir im Studio sitzt der Komponist und Soundkünstler Karlheinz Essl, dessen Komposition Where's the Rainbow? wir heute Abend spielen. Dieses Stück ist die Kunstkopf-Radiofassung eines Soundenvironments, das ursprünglich für das Theaterprojekt Ganymed nature entstanden ist, ein Theaterprojekt von Jacqueline Kornmüller im Kunsthistorischen Museum. Darin gibt es verschiedene Beiträge, die von jeweils einem Gemälde inspiriert sind und die auch genau vor diesem stattfinden: literarische, schauspielerische und musikalische Beiträge. Karlheinz Essl hat dafür ein Soundenvironment geschaffen, inspiriert von der „Gewitterlandschaft” von Peter Paul Rubens. Was ist auf diesem Bild, das sehr imposant und ungestüm ist, eigentlich zu sehen?

Karlheinz Essl: Der Gesamteindruck ist der eines Weltuntergangs, einer Apokalypse. Wo nicht nur ein Gewitter passiert, sondern eine ungeahnte Katastrophe über die Menschen hereinbricht, die alles Leben zerstört. Und das ist auch die Geschichte hinter diesem Bild: Darin findet man eine Figurengruppe, die auf eine Geschichte aus den Metamorphosen des Ovid verweist: Die Erzählung von Philemon und Baucis, die von den Göttern besucht werden. Weil sie diese bei sich aufgenommen haben, wird dieses alte Ehepaar von der Vernichtung verschont.
Aber was sieht man auf dem Bild? In der Mitte einen Berg, der durch eine Blitz hell erleuchtet ist. Man sieht Regen, Sturm, entwurzelte Bäume. Einen Wildbach, in dem eine Kuh, die sich in einem umgestürzten Baum verfangen hat, ertrinkt. Eine Mutter, die versucht, ihr neugeborenes Kind aus den Fluten zu retten. Das Schönste aber ist links unten der kleine Regenbogen.


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Peter Paul Rubens: Gewitterlandschaft mit Jupiter, Merkur, Philemon und Baucis (ca. 1620-1636)
© Kunsthistorisches Museum Wien


AS: Ganz unvermutet taucht dieser Regenbogen dort am unteren Bildrand auf. Das war eine Anregung für Sie, den Sie als Botschaft der Hoffnung interpretieren in diesem Wahnsinn, der auf dem Bild tobt.

KHE: Der Regenbogen war mein eigentlicher Ausgangspunkt. Die Schilderung eines Untergangs, einer Katastrophe ist für einen Künstler natürlich eine immens spannende Herausforderung, aber eigentlich eine „aufg’legte Sache”. Viel interessanter finde ich es, sich von der anderen Seite zu nähern: Was kommt danach?
Der Regenbogen wurde dem Gemälde erst ganz spät hinzugefügt, denn das Bild war ursprünglich viel kleiner. Es wurde von Rubens in drei Arbeitsphasen immer mehr erweitert, und ganz zum Schluss ist die volle Größe entstanden mit dem Regenbogen und der Figurengruppe, was zu einer ganz neuen Interpretation führte.

AS: Man muss vielleicht noch hinzufügen, dass dieses Bild lange Zeit nicht öffentlich zu sehen war aus restauratorischen Gründen. Jetzt ist es im Kunshistorischen Museum ausgestellt und wird eben im Rahmen von Ganymed nature an speziellen Abenden von Karlheinz Essl mit einer Klanglandschaft begleitet. Wie ist denn die Komposition dieser Klanglandschaft entstanden? Woraus haben Sie diese zusammengesetzt und generiert?

KHE: Ich habe mich viele Monate mit dem Phänomen Gewitter beschäftigt, weil ein Gewitter immer aus ganz vielen verschiedenen Komponenten besteht, die zusammenspielen. Ich habe versucht, diese einzelnen Komponenten in dem Bild zu finden. Bevor das Gewitter beginnt, herrscht die Idylle. Noch ist alles in Ordnung, man hört einen Wald mit Vögeln, das Gluckern eines Bächleins. Aber im Laufe des Gewitters, wenn der Regen kommt und der Wind, dann verstummen die Vögel, man hört Blitze und Donner und der Bach schwillt an zu einer Sturzflut. Diese einzelnen Komponenten habe ich in dem Bild lokalisieren können, indem ich in einen 3x3 Raster darüber gelegt habe. In jedem dieser Quadranten konnte ich einen Gewitterbestandteil finden, dem ich einen bestimmten Sound zugeordnet habe. Wobei das nicht einfach ein statisches Klangobjekt ist, das abgespielt wird, sondern ein generativer Prozess, der diesen Klang in Echtzeit erzeugt.
Der Sturm war besonders schwierig. Ich habe lange Zeit mit Sturmaufnahmen gearbeitet, aber das hat überhaupt nicht funktioniert. Im Radio klingt das überhaupt nicht als Sturm, sehr unecht und künstlich.

AS: Weil die räumlich Dimension fehlt?

KHE: Ja, und weil man dieses Phänomen nicht über zwei Lautsprecher übertragen kann. Man muss ja mitten im Sturm drinnen sein. Ich habe schließlich den Sturm mit elektronischen Mitteln synthetisiert als Nachbildung des Naturphänomens, aber generativ gedacht; d.h. der Klang ensteht aus dem Moment heraus aufgrund eines Algorithmus, dessen Parameter ich im Laufe des Stücks verändern kann: die Intensität, Dichte, Länge der Sturmphasen und das Pfeifen des Windes kann ich auf einem Steuerpult einstellen und den Sturm damit performativ gestalten. In der binauralen Fassung, die wir heute hören, pfeift einem der Sturm regelrecht um die Ohren!


Foto: Helmut Wimmer

Photo © 2018 by Helmut Wimmer


AS: Das heißt aber, die Figur des Wettergottes, den Sie beim Theaterstück Ganymed nature im KHM darstellen, ist nicht so weit hergegriffen? Sie performen ihr Stück in einem Kostüm, das aus einem goldenen Daunenmantel besteht - sein sehr imposantes Ding! Sie stehen in der Mitte des Galerieraumes am Computer und spielen den Wettergott. Warum ist das so inszeniert?

KHE: In der Inszenierung von Jacqueline Kornmüller bezieht sich das auf den Film The Wizard of Oz (1939), wo dieser Wettergott am Schluss tatsächlich auftritt. Man sieht ihn in seinem Kabäuschen, wo er an einem Steuerpult das Wetter entfesselt. Da ich meine elektronische Musik nie von der Konserve abspiele, sondern immer im Moment aus den einzelnen Zutaten neu zusammensetze, ist mir das sehr vertraut, wie man mit Reglern und verschiedenen Controllern eine Klanglandschaft in Echtzeit gestalten kann.

AS: Welche Unterschiede gibt es zwischen der Live-Performance vor Ort im KHM, wo man das Bild gemeinsam mit andern auch betrachten kann, und der Radiofassung, die sie fürs KUNSTRADIO angefertigt haben?

KHE: Das eine ist eine konzentrierte Kurzfassung, ein kurzes Gewitter, dessen Ablauf ich allerdings immer neu gestalte. Der Radiofassung hingegen liegt eine Partitur zugrunde mit einer genau ausgearbeiteten zeitlichen Dramaturgie von 45 Minuten. Nach der Einstudierung dieser Ablaufplans und vielen Proben habe ich das Stück dann auswendig eingespielt, in einem Zustand des „flows”, ohne ständig auf den Computer starren zu müssen. Mit der Erinnerung und Vorstellung des Resultats und dem haptischen Gefühl meiner Regler konnte ich schließlich diesen 45-minütigen Ablauf live aufnehmen.


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Karlheinz Essl: Where's the Rainbow? - Software & Realization Score (p. 6)
© 2017 by Karlheinz Essl


AS: Dieses Stück werden wir heute im KUNSTRADIO hören als Radio-Uraufführung. Können Sie uns noch etwas über die Dramaturgie dieser binauralen Radiofassung erzählen?

KHE: Es beginnt mit einer bukolischen Idylle in einem friedlichen Wald, aufgenommen zur Morgendämmerung. Daraus habe ich zwei kurze Auschnitte herausgelöst die so prozessiert werden, dass daraus eine unendliche Klanglandschaft entsteht, die sich nie wiederholt. In diese paradiesische Idylle bricht allmählich der Mensch ein. Man hört jemanden durchs Laub stapfen. Die Schritte verändern sich und werden zu Stöckelschuhen, die über den Asphalt trapsen. Dann kommt langsam ein Wind auf, die Vögel werden leiser und der erste Regen setzt ein. Dann aber transformiert sich die Szene. Ich wollte ja nicht bloß ein Sounddesign machen, sondern etwas darüber Hinausgehendes, Transzendiertes schaffen. Die Soundscape färbt sich ein, sie wird zu einem Ton - eine Glocke ertönt, und man hört plötzlich auch einen Chor singen. Das ist der a capella chor tulln , für den ich ein Stück komponiert hatte und Auszüge daraus aufgenommen habe: 13 Akkorde, mit der ich das Thema des Filmsongs „Over the Rainbow” in extremer Zeitlupe einspiele. Die Harmonisierung ist allerdings völlig atonal. Man erkennt zwar die Melodie, aber ihre Begleitung ist nicht in unserem konventionellen Dur-Moll-System verortet. Aus diesem Widerspruch entwickelt sich etwas ganz Eigentümliches, Neues.


Harmonic Structure: mixed choir

Harmonische Struktur der Chor-Einspielungen
© 2017 by Karlheinz Essl


AS: Sie arbeiten einerseits viel mit Computerprogrammen und Algorithmen, andrerseits aber auch mit dieser Naturromantik und Soundscapes. Sie verwenden auch die menschlichen Stimmen eines Chors, aber das Ganze ist ja digital hergestellt. Sie imitieren natürliche Prozesse in einer sehr synthetischen Herangehensweise.

KHE: Völlig richtig! Das Endprodukt soll nicht synthetisch klingen, sondern natürlich. Mit ist es darum, Natur nicht zu beherrschen, sondern sie zu erzeugen. Und zwar mit digitalen Mitteln, aber ohne digitale Ästhetik. Die Ästhetik des Digitalen ist mir völlig fremd. Und selbst wenn ich mit Computerprogrammen arbeite und Software schreibe, die selbstverständlich in der digitalen Domäne beheimatet sind, ist es mir immer wichtig, dass das Resultat nicht „digital”, sondern - wenn wir schon beim name dropping sind - „analog” klingt.

AS: In den kommenden 46 Minuten hören Sie nun das Stück „Where’s the Rainbow?” von Karlheinz Essl. Wir bitten Sie jetzt, ihre Kopfhörer aufzusetzen - es ist nämlich ein binaurales Stück, das am besten mit Kopfhörern genossen werden kann.


© 2018 by Karlheinz Essl & Anna Soucek



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Updated: 14 May 2018

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