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Internationales Mitmach-Projekt zu Anton Weberns 70. Todestag

Karlheinz Essl im Gespräch mit Nicola Tribes
WDR3 | TonArt
10 September 2015


Am 15. September 1945 wurde Anton Webern beim Rauchen vor der Haustür versehentlich von einem amerikanischen Soldaten erschossen. 70 Jahre später erinnert der Komponist Karlheinz Essl mit einer internationalen Klanginstallation an den österreichischen Komponisten.

Den ganzen Tag lang soll am 15. September überall auf der Welt jede Viertelstunde ein Läuten zu hören sein, gespielt von tausenden Computern überall auf der Welt. Dieses Läuten ist Teil von Karlheinz Essls Sound-Installation WebernUhrWerk, das auf Weberns letztem, unvollendetem Werk beruht.

Was Karlheinz Essl zu diesem Projekt bewegt hat und wie leicht es ist daran mitzuwirken, verrät er in WDR 3 TonArt.



Nicolas Tribes: In wenigen Tagen steht der 70. Todestag von Anton Webern an. Der Komponist war 1945 vor der drohenden Invasion der Roten Armee von Wien gen Westen in das kleine Städtchen Mittersill geflohen. Dort wurde er dann in vermeintlicher Notwehr von einem amerikanischen Soldaten erschossen. Im Gedenken an diese tragische Ereignis hat der österreichische Komponist und Webern-Experte Karlheinz Essl sein Projekt WebernUhrWerk entworfen. Ich habe mit Karlheinz Essl vor der Sendung gesprochen und ihn gefragt, was sich den genau hinter dem WebernUhrWerk verbirgt.

Karlheinz Essl: Es handelt sich um eine Komposition, die unendlich lange ist und sich auch nie wörtlich wiederholt, und die aus einem nicht veröffentlichten Werk Anton Weberns, das er in seinen letzten Lebenswochen skizziert hat, abgeleitet ist.


Anton Webern, Foto: Ludwig Zenk, 1940?

Anton Webern, Foto: Ludwig Zenk (1940)
Originalfoto aus dem Besitz von Karlheinz Essl


NT: Wieso unendlich lang? Wie geht das?

KHE: Es ist keine notierte oder vorproduzierte Komposition. Ich habe eine Algorithmus erfunden, der aus einer Zwölftonreihe von Anton Webern mit Hilfe komplexer Verfahren immer neue Strukturvarianten erzeugt. Und diese wiederholen sich nie.

NT: Jetzt heißt es ja WebernUhrWerk… Wie wird diese Musik denn erklingen? In welcher Form und in welcher Zeit?

KHE: Ich war früher viel in Holland und Belgien. Mich haben dort immer die Glockenspiele fasziniert, die in den alten Städten zu hören sind: sog. Carillons - gestimmt Glocken, meistens auf Kirchtürmen, die zu bestimmten Zeiten gespielt werden. Also nicht das normalen Glockengeläute, wie wir es in Deutschland und Österreich kennen, sondern richtige Musikstücke, meistens aus dem Barock, sind dort zu hören. Mich hat es einmal interessiert, dass man so etwas elektronisch simuliert. Ich habe zu diesem Zweck Glockensamples verwendet von einem sehr berühmten Carillon in Gent (Belgien). Das ist sozusagen die Klangbasis des WebernUhrWerks. Aber dahinter steht ein virtueller Komponist, der aus der überlieferten letzten Zwölftonreihe Anton Weberns in Echtzeit kurze Glockenpassagen generiert.

NT: Jetzt wissen wir grob, wie diese Musik zusammengesetzt ist. Und wir haben auch eine kleinen Ausschnitt vorbereitet, den wir uns jetzt einmal anhören:


Demo-Aufnahme WebernUhrWerk
© 2015 by Karlheinz Essl


NT: Das ist also Musik, die das WebernUhrWerk generiert hat. Jetzt haben wir diese Computerprogramm das Musik generieren kann auf Grundlage des letzten Webern-Stückes. Am 15. September ist der Todestag von Anton Webern. Wie soll diese Musik an diesem Tag erklingen?

KHE: Die Idee war, dass an verschiedenen Ort der Welt interessierte Menschen dieses WebernUhrWerk abspielen. Dazu braucht man nur die Software herunterladen und auf seinem Computer zu starten und dann einen Lautsprecher anschließen.


Software WebernUhrWerk
© 2005-2015 by Karlheinz Essl


NT: Ist diese Musik, die dann erklingt, der Musik von Webern in irgendeiner Weise ähnlich?

KHE: Es ist sicher eine Weiterführung der Musik von Webern, die möglicherweise gewisse Assoziationen zulässt. Aber meine Verfahrensweisen gehen doch über das hinaus, was Webern gemacht hat - nhne jetzt Webern zu diskreditieren. Aber es ist natürlich keine Stilkopie, sondern eine Weiterentwicklung von Ideen, die Webern in seinem Spätwerk formuliert hat.

NT: Also Ihnen ist es ein Anliegen, dass an diesem Todestag eine Musik, die sich direkt auf Anton Webern bezieht erklingt an so vielen Orten wie möglich. Ich glaube, sie haben da auch über Facebook einen Aufruf gemacht und versuchen, dieses Programm so weit wie möglich zu verbreiten und dadurch eben diese Musik erklingen zu lassen. Warum ist es Ihnen so wichtig, an Webern zu erinnern?

KHE: Ich halte Anton Webern für einen der bedeutendsten Komponisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dem wir ganz viel verdanken. Ich denke, die ganze elektronische Musik und die Computermusik wäre ohne die visionäre Grundlagenarbeit Weberns nicht denkbar. Auch der Serialismus der 50er Jahre beruft sich ja ganz dezidiert auf Anton Webern, wenngleich er ihn möglicherweise komplett missverstanden hat.

NT: Was hat den Anton Webern entwickelt, dass die Komponisten so fasziniert hat in den 50er Jahren?

KHE: Das sind mehrere Aspekte. Das eine ist diese unglaubliche Konzentration des Ausdrucks. Die spätromantische Schwülstigkeit, wie wir sie von Wagner kennen mit seiner „unendlichen Melodie” ist sozusagen total zurückgefahren. Alles ist extrem verknappt und konzentriert. Und dann diese unglaubliche Klanglichkeit, ich denke da an die Orchesterstücke op. 6 - das ist eine Musik, die mich - als ich sie zum ersten Mal gehört hatte als junger Student - vom Stockerl hat und mein ganzes Leben verändert hat. Und zuletzt noch eine ganz spezielle Weise Musik zu denken, indem man sozusagen in die Atome der Musik hineingeht und versucht, sie völlig neu zu denken.

NT: Sie haben gerade gesagt, dass diese Begegnung mit der Musik Weberns ihr ganzes Leben verändert hat. Wie hat das genau stattgefunden?

KHE: 1983 gab es anlässlich des 100. Geburtstages von Webern ein großes Webernfest im Wiener Konzerthaus. Ich erinnere mich, wie ich nach einer Unterrichtsstunde bei Friedrich Cerha mit ihm zusammen ins Konzerthaus gegangen bin. Ich sitz’ da im Großen Saal, vor mir Claudio Abbado mit dem London Symphony Orchestra, und die spielen da eine Musik, die ich nie zuvor in meinem Leben gehört hatte, nämlich die Orchesterstück op. 6. Ich war dermassen berührt und beeindruckt, dass ich mir gedacht habe, alles das, was ich bis dahin als Komponist gemacht habe, ist völlig wertlos. Ich muss neu anfangen, ich muss irgendwie mein Leben ändern. Das hat mich dann letztlich auch dazu gebracht, dass ich neben meinem Kompositionsstudium in musikwissenschaftliche Dissertation über Anton Webern geschrieben habe.

NT: Was können wir, vielleicht auch als Hörende, die nicht unbedingt die Komponistenbrille aufhaben, was können wir von Anton Webern lernen oder was können wir mit ihm erfahren?

KHE: Seine Musik hat eine spirituelle Dimension, die - auch wenn man nichts versteht und nichts weiß über sein musikalisches Denken - einen unmittelbar berühren kann. Für mich hat seine Musik immer einen Ewigkeitsbezug. Eine Musik, die nicht gebunden ist an irgendwelche Moden oder Geschmäcker, sondern die für meine eine Zeitlosigkeit hat und eine Tiefe und eine Klarheit, die ich selten in Musik erlebe.

NT: Das sagt der Komponist Karlheinz Essl. Er hat eine Software bzw. einen Musikgenerator zu Ehren von Anton Webern entworfen und er lädt ein, bei der Aktion World-Wide Webern mitzumachen. Die Infos dazu finden Sie auf WDR3.de


Transkription eines Telefonats vom 28.8.2015
für die Radiosendung TonArt des WDR 3
Erstsendung: 10.9.2015



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Updated: 20 Sep 2016