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Karlheinz Essl

Was ist ein Spielzeugklavier?


Sie kennen dieses Instrument sicherlich aus dem Comics "The Peanuts". Dort gibt es einen kleinen Jungen namens Schröder, der auf einem Kinderklavier herumklimpert. Das Spielzeugklavier wurde lange Zeit nicht als Instrument ernst genommen. Vor mehr als 60 Jahren hat ein Komponist namens John Cage, der dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag feiert, zum ersten Mal dafür ein Stück geschrieben, die Suite for Toy Piano. Mittlerweile aber hat sich dieses Instrument durchgesetzt, nicht zuletzt Dank der österreichischen Pianistin Isabel Ettenauer, die sich ausführlich damit beschäftigt hat. Weil es damals noch kaum Werke für dieses Instrument gab, hat sie verschiedene Komponisten und Komponistinnen (u.a. auch Manuela Kerer) gebeten, Stücke zu komponieren und damit ein Repertoire aufgebaut, das mittlerweile international reüssiert. Und weil sich immer mehr MusikerInnen und KomponistInnen für dieses Instrument interessieren, gibt es inzwischen eine internationale Toy Piano Szene.


Isabel Ettenauer performing whatever shall be at Schlosstheater Schönbrunn
12 Nov 2011, Vienna


whatever shall be entstand 2010 für die amerikanische Toy-Pianistin Phyllis Chen, die mir den Auftrag dazu erteilt hat. Wir haben das Stück im selben Jahr in New York uraufgeführt. 2005 habe ich mit Kalimba erstmals für das Toy Piano komponiert und in Folge eine Reihe ganz unterschiedlicher Stück geschrieben, weil mich das Instrument so fasziniert hat: Mit einem Klavier hat es nämlich gar nichts zu tun. Es klingt mehr wie ein Glockenspiel oder eine Art Gamelan. Es hat zwar Tasten, aber eine Offenheit im Klang, die mir ganz andere Möglichkeiten gibt, als wenn ich für ein normales Klavier komponiere. Schlage ich dort eine Taste an, höre ich sofort Mozart und Beethoven mitklingen. Dies ist beim Toy Piano jedoch nicht der Fall.

In whatever shall be wird das Spielzeugklavier in einer ganz unüblichen Weise verwendet. Es wird mit einem speziellen Kontaktmikrophon abgenommen, das am Resonanzboden angebracht ist. Die Klänge werden in ein speziell dafür geschriebenes Computerprogramm eingespeist, das daraus in Echtzeit einen sehr komplexen elektronischen Sound generiert. Bis auf wenige Stellen wird aber nicht auf den Tasten gespielt, sondern vor allem im Innenraum. Das heißt, das Spielzeugklavier wird zu einer Art Schlaginstrument. Der Resonanzboden wird mit den Fingern gestreichelt, geschabt, gekratzt und geklopft. Ausserdem werden verschiedene kleine Werkzeuge verwendet wie ein Dreidel - ein vierseitiger Kreisel, dem man beim jüdischen Chanukka-Fest verwendet. Ganz am Schluss kommt eine Spieluhr vor, der das Stück seinen Namen verdankt: "whatever shall be", eine kleine Melodie aus dem Film "The Man Who Knew Too Much" von Alfred Hitchcock. Dort gibt es diese berühmte Szene, wo dieses Lied gesungen wird: "che sera, sera, whatever will be, will be." Dieses kleine Melodiechen ist sozusagen die kompositorische Keimzelle meines Stücks und wird in verschiedener Weise - melodisch und rhythmisch - verarbeitet. Ganz am Ende wird die Spieluhr auf den Resonanzboden des Toy Pianos aufgesetzt, und ganz langsam diese Melodie durchgekurbelt. Da hört man sie zum ersten Mal und erinnert sich, dass alles, was man davor gehört hat, ja eigentlich aus dieser Melodie stammt.


Karlheinz Essl im Gespräch mit Manuela Kerer für die
Radiosendung Querschnitte: Tasteninstrumente (1.7.2012)


RAI Bozen



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Updated: 10 Aug 2015