Youngkwang Yang & Karlheinz Essl

Zwei Welten: Musik zwischen Korea und Österreich

Virtuelles Gespräch zwischen dem koreanischen Komponisten Youngkwang Yang und seinem ehemaligen Kompositionsprofessor Karlheinz Essl über Musik über unterschiedliche Herangehensweisen, Musiktraditionen und asiatische Einflüsse in der neuen Musik.

2020


In der neuen Video-Reihe „Zwei Welten: Musik zwischen Korea und Österreich“ stellt die Koreanische Botschaft in Wien zeitgenössische koreanische Musiker und Komponisten in Österreich vor und ergründen die musikalische und kulturelle Beziehung der beiden Länder.

In der ersten Episode sprechen der koreanische Youngkwang Yang und Karlheinz Essl, sein ehemaliger Kompositionsprofessor an der Wiener Musikuniversität, über Musik und Kultur in Österreich und Korea. Dabei geht es nicht zuletzt um unterschiedliche Herangehensweisen, Musiktraditionen und asiatische Einflüsse in der neuen Musik. Dazu werden zwei Komposition vorgestellt und diskutiert:

under wood (2012) von Karlheinz Essl
Bewegtheit in der Bewegtheit (2019) von Youngkwang Yang
Darüberhinaus erzählt Dr. Karlheinz Essl auch über seinen Aufenthalt in Seoul, die dortigen Eindrücke und die Soundscape S.O.U.L., welche dort entstanden ist.



Dieser Film entstand zwischen November und Dezember 2020 aus Videokonferenzen zwischen Seoul und Wien und wurde am 18.12.2020 von der Koreanischen Botschaft in Wien veröffentlicht.

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Begrüßung und Vorstellung

Yangkwang Yang: Sehr geehrte Damen und Herren! Ich freue mich sehr, Sie ganz herzlich zu diesem Projekt begrüßen zu dürfen. Heute sprechen wir über die unterschiedlichen kulturellen und musikalischen Welten von Österreich und Südkorea. Und dazu werden zwei kompositorische Werke vorgestellt und diskutiert.

Zunächst möchte ich mich ganz kurz vorstellen. Mein Name ist Youngkwang Yang, ich wurde 1982 in Seoul, Südkorea geboren. Ich bin Komponist aus Südkorea. Ich war über 10 Jahre in Österreich als Student und Komponist aktiv, und habe an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien für Komposition und elektroakustische Musik studiert.

Darf ich noch unseren zweiten Mitwirkenden begrüßen - Karlheinz Essl - ein österreichischer Komponist, Klangkünstler, Elektronik-Performer, Musik-Kurator und Kompositionsprofessor an der Wiener Musikuniversität.


Karlheinz Essl: Mein Name ist Karlheinz Essl. Ich bin 1960 in Wien geboren und habe an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien bei Friedrich Cerha Komposition studiert. Nach meinem Studium habe ich am IRCAM in Paris gearbeitet - ein Zentrum für Computermusik, das Pierre Boulez gegründet hat. In den 1990er Jahren bin ich wieder zurück nach Österreich gekommen und habe dort zwölf Jahre lang an der Bruckneruniversität Linz Algorithmische Komposition unterrichtet. 1997 hatte ich bei den Salzburger Festspielen ein Portrait mit mehreren Konzerten und Klanginstallationen. Seit 2007 bin ich an der Wiener Musikuniversität beschäftigt als Professor für Komposition und elektroakustische Musik. Und in diesem Zusammenhang hatte ich auch das Vergnügen, einige Jahre mit Herrn Yang zu arbeiten.


Interkulturelle Erfahrungen

Youngkwang Yang: Für ausländische Studierende bietet Österreich viele Möglichkeiten, nicht nur für Komponisten, sondern auch für Sänger und Musiker. Europa, und vor allem Österreich, steht für mich am Anfang der klasssischen Musikgeschichte, man denke nur an Mozart, Haydn und Beethoven. Wenn man in Österreich studiert und sich dort musikalisch bewegt, lernt man man mehr, als wenn man in seinem Heimatland bleibt. So ist es auch mir passiert, trotz aller kulturellen Unterschiede. Und wenn ich unterhalten wollte, musste ich entweder Englisch oder Deutsch sprechen. Das war meine erste Schwierigkeit am Anfang meines Lebens in Österreich.

Musikalisch war Österreich für mich sehr offen, was ich nicht erwartet hatte. In Wien konnte ich besonders viel über verschiedene Kulturen und deren Musik kennenlernen. Nicht nur asiatische Musik, sondern auch auch amerikanische, arabische und afrikanische. Die waren alle sehr lebendig in Wien. In Südkorea konnte ich das nicht erfahren.

Was mich aber besonders gewundert hat, dass die Menschen in Wien auch asiatische Musik kennen. Nicht nur von berühmten asiatischen Musikern oder Komponisten, sondern auch die verschiedenen Gattungen. Auch mit den asiatischen Kulturen waren manche Österreicher schon vertraut. Ich glaube, deswegen hatte ich kaum Schwierigkeit, mit den Leuten über unsere Musik, also die Musik von Südkorea, und über auch meine Musik zu sprechen.


Karlheinz Essl: Im Lauf meines Lebens hatte ich immer wieder sehr interessante und schöne Begegnungen mit asiatischen MusikerInnen, auch aus Südkorea - einige meiner Studenten kommen von dort. Was mich am Anfang irritiert hat, dass der Zugang zum Komponieren und zur Musik ein völlig anderer ist als bei uns in Europa bzw. im sogenannten „Westen”. Asiatische StudentInnen gehen fast immer von Bildern aus, die sie dann in Klang übertragen. Es ist die Vorstellung eines inneren Bildes, das man vielleicht sogar auch in Worten beschreiben kann, und das dann in Musik umgewandelt wird. Dieser Zugang ist - zumindest für mich - völlig fremd. In Wien gab es eine Tradition (die aus der Wiener Klassik kommt und später zur Wiener Schule führt), Musik als tönend bewegte Form zu sehen. Oder wie es Schönberg ausgedrückt hat: etwas auszudrücken, was nur in Tönen sagbar ist. Wo man keine Worte braucht, keine Bilder, sondern nur mit den Tönen und Klängen, mit dem Material der Musik selber arbeitet. Ein Zugang, der völlig anders ist, als ich es bei meinen koreanischen Studenten und asiatischen MusikerInnen erlebt habe.

Trotzdem hat mich dieser Zugang unglaublich fasziniert. Ich bin 2015 zum ersten Mal in Asien gewesen - zweimal in Taiwan im Zuge eines Kooperationsprojektes mit meiner Musikuni. Letztes Jahr (2019) war ich zum erstmals auch in Korea - für einige Tage in Seoul bei einem Festival für Toy Piano Music. Leider war ich viel zu kurz dort, aber das, was ich dort erlebte hat mich unglaublich beeindruckt, aber auch wiederum irritiert. Seoul, diese riesengroße Stadt, so wurde mit von meinen koreanischen Gewährsleuten erzählt, war für einigen Jahrzehnten noch ein Dorf mit vielen Bauern und Äckern. Mittlerweile ist es eine Metropole geworden, eine Weltstadt mit mehr Einwohnern als Österreich. Das hat mich schon fasziniert, dieser „Clash of Cultures”: dieses alte Seoul mit seinen Palästen und Tempeln, und daneben diese riesigen Hochhäuser mit ihren Lichtreklamen mit all den High-Tech Unternehmen, die dort angesiedelt sind - das hat mich schon ziemlich beeindruckt, aber auch irritiert.


Kompositionsgespräch

Youngkwang Yang: In diesem Projekts werden wir zwei kompositorische Werke vorgestellen. Wir machen aber keine Analysen, sondern lassen die Komponisten ihren künstlerischen Ansatz erläutern. Zunächst die Komposition under wood, die Karlheinz Essl 2012 komponiert hatte.

Herr Essl, als Komponist haben Sie sich in vielen Kompositionen mit dem Toy Pianos - dem Spielzeugklavier - beschäftigt, auch in ihrem Stück "under wood". Gibt es dafür einen Grund? In Ihrem Stück under wood hören wir nicht nur die normalen Klänge des Toy Pianos, sondern auch sehr interessante perkussive Sounds. Können Sie uns mehr darüber erzählen?


under wood für Toy Piano und Ensemble
Gespielt am 7. Oktober 2020 im REAKTOR Vienna (A)
Isabel Ettenauer (Toy Piano) und Ensemble Reconsil Vienna (Dir. Antanina Kalechyts)


Karlheinz Essl: Ich habe 2005 begonnen, mich intensiv mit einem Instrument auseinanderzusetzen, dass ein Kinderklavier ist. Es sieht aus wie ein Klavier. Hinter mir sehen Sie zwei Instrumente - ein kleines mit zwei Oktaven und ein großes mit drei Oktaven. Dieses sogenannte Toy Piano sieht zwar aus wie ein geschrumpftes Klavier, klingt aber völlig anders. Es hat ein ganz andere Tonerzeugung. Das herkömmliche Klavier hat eine sehr reichhaltige Geschichte in Europa. Es entwickelte sich Mitte des 18. Jahrhunderts aus dem Cembalo und wurde dann zu einem Instrument, dass jeder, der etwas auf sich hielt, zu Hause hatte. Ein bürgerliches Möbelstück, auf dem viel Musik gespielt wurde. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert hatte man weder Schallplatten noch Radiogeräte, man konnte auch nicht so oft ins Konzert gehen. Deswegen haben die Leute sehr viel zu Hause musiziert und Repertoirestücke - wie Symphonien von Beethoven - vierhändig am Klavier gespielt. Das Klavier war ein zentrales Instrument mit dem man selbst Musik hörbar machen konnte, die man sonst im Konzert oder in der Oper gehört hätte.

Das Toy Piano wiederum klingt für ich wie ein asiatisches Instrument. Die Klangerzeugung besteht nicht aus Saiten, die angeschlagen werden und einem Dämpfungsmechanismus, mit der man phrasieren und dadurch das Instrument zum Singen bringen kann. Es sind hier Metallstäbe, die mit Hämmern angeschlagen werden und danach - ungedämpft - ausklingen, wie bei einem Schlaginstrument. Von Anfang an hat es mich an indonesischen Gamelan erinnert, oder Tempelglocken. Denn der Klang dieser Stäbe erinnert mehr an Glocken bzw. Glöckchen. Dadurch wurde dieses Instrument für mich sehr interessant, weil man unbelastet von einer Tradition neu damit arbeiten konnte.

Ich arbeite seitdem mit einer ganz wunderbaren Musikerin zusammen: Isabel Ettenauer, die mich auf dieses Instrument gebracht hat. Für sie habe ich eine ganze Reihe von Stücken geschrieben: Solostücke, ein Duo mit Cembalo, vor allem aber Stücke mit Elektronik. Eines der letzten Kompositionen war „under wood” - ein kleines Konzert für zwei Toy Pianos, von ihr gespielt, und einem Kammerorchester.

Diese Toy Pianos sehen wir hier im Hintergrund: das kleine zweioktavige und das große, ein französisches Instrument aus den 1970er Jahren mit einem sehr edlen Ton. Diese Toy Pianos klingen sehr unterschiedlich. Das kleine Instrument habe ich aufgeschraubt und die Tasten und Klangerzeuger auseinander gebaut und es dann sozusagen präpariert. Dadurch entstehen jetzt Klänge, die im Toy Piano normalerweise nicht vorhanden sind - es wird damit zum Schlaginstrument. Mit einem sehr schönen wohlklingenden französischen Instrument und einem präparierten kleinen Toy Piano - beide sind noch dazu elektrisch verstärkt - habe ich ein Setting geschaffen, auf dem die Solistin spielt. Das Orchester im Hintergrund reagiert darauf und antwortet. Es bildet eine Art Klangraum, der um die beiden Toy Pianos aufgespannt ist und immer wieder Kommentare abgibt und Resonanzräume erzeugt. Dies hat für mich auch mehr mit asiatischer Musik zu tun als mit europäischer.

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Youngkwang Young: Bewegtheit in der Bewegtheit für Streichquartett (2019)


Youngkwang Yang: Der Titel meines Streichquartetts Bewegtheit in der Bewegtheit ist beeinflusst vom südkoreanischen Komponisten Isang Yun. "Unbewegtheit in der Bewegtheit" war eine seiner Theorien. Diese besagt, dass Stille nicht still ist, sondern voll innerer Bewegung ist. Diese innere Bewegung spielt in meinem Stück eine wichtige Rolle, deshalb habe ich ihm den Titel "Bewegtheit in der Bewegtheit" gegeben. Dieses Werk basiert auf fünf verschiedenen pentatonischen Tonleitern, die ich selbst ausformuliert habe. Diese fünf Skalen wurden für das gesamte Stück verwendet. Mit diesen Tonmaterial und traditionellen koreanischen Rhythmen wollte ich eine asiatisch inspirierte Atmosphäre schaffen.Diese 5 pentatonischen Skalen sind die Hauptelemente meines Streichquartetts, das aus 5 Abschnitten besteht. Darin soll die traditionelle Atmosphäre so gut wie möglich zum Ausdruck kommen.


Karlheinz Essl: Es ist sehr bemerkenswert, dass für das Projekt „Bewegtheit in der Bewegtheit” Youngkwang Yang die Gattung des Streichquartetts ausgewählt hat. Erlauben Sie mir bitte eine kurzen historischen Rekurs. Das Streichquartett entstand Mitte des 18. Jahrhunderts als eine Gattung, die Luigi Boccherini zum ersten Mal definiert hat, und sehr bald von Joseph Haydn übernommen wurde. Es war zunächst einmal eine Musik zur Unterhaltung des Adels. Sie wurde nicht öffentlich im Konzert gespielt, sondern selbst musiziert, um sich daran zu erfreuen und musikalisch auszutauschen.

Sehr bald hat sich da aber etwas verändert. Diese Gattung - zunächst Spielmusik - wurde durch Haydn und vor allem Mozart zu einem Feld, um kompositorische Experimente durchzuführen und Neuland zu betreten. Über die sog. Haydn-Quartette von Mozart hat Haydn, der Widmungsträger, selbst in einem Brief an Mozarts Vater gesagt: „Ihr Sohn verfügt über die größte Kompositionswissenschaft!” Es ist doch interessant, das schon damals das Wort „Wissenschaft” im Zusammenhang mit Kunst verwendet wurde. Ein Thema, das es bei uns erst seit etwa zwei Jahrzehnten gibt - „Artistic Research” im Gegensatz zu „Scientific Research”. Das wurde damals schon bemerkt. Das Streichquartett wurde von der Spielmusik zu einem Ort musikalischer Experimente. Und deswegen wundert es mich auch nicht, dass Herr Yang für sein Projekt „Bewegtheit in der Bewegtheit” - wo es eigentlich um asiatische Klangvorstellungen geht - ein Streichquartett nimmt.

Ein Streichquartett besteht aus vier Instrumenten: zwei Geigen, Bratsche und Cello, die miteinander in einer Art Gesprächskontext verbunden sind. Johann Wolfgang von Goethe hat einmal gesagt, wenn er ein Streichquartett hört dann erscheint es ihm so, als würden sich vier vernünftige Leute miteinander unterhalten. Im Stück von Youngkwang Yang ist das aber überhaupt nicht der Fall! Man hat nicht den Eindruck, dass da vier MusikerInnen miteinander diskutieren oder sich austauschen. Man hat eher das Gefühl von einem Einzelnen, einem gesamten Organismus, der aus vier verschiedenen Komponenten besteht, die ihn formen. So wie der Körper eines Menschen aus zwei Armen, zwei Beinen, Kopf und Leib besteht. So ist es hier auch. Sie sind miteinander verbunden, aber Teil eines gemeinsamen Ganzen. Und sie spielen auch wie ein großes, heterophones Gebilde.

Interessanterweise kommt hier nicht nur die Pentatonik vor, die in der asiatischen Musik eine zentrale Rolle spielt, sondern auch bestimmte Klanggebungen, die in unser westlichen Kultur nicht vorkommen. Bei uns ist das Streichquartett vom edlen Klang der Instrumente geprägt. Und so wird auch den Studierenden, die diese Instrumente lernen, von Anfang an ausgetrieben, hässliche, kratzende oder quietschende Töne zu produzieren. Das muss alles ausgeputzt werden! Das gleich gilt auch für die Stimme. In der europäischen Kultur wird sie als „bel canto” verstanden - der schöne Gesang. Und alles, was da noch drinnen ist an Leid, an Schmerz, and Lust und Verzückung wird einem im Zug der Stimmausbildung systematisch ausgetrieben. Dies wiederum ist anders in der traditionellen koreanischen Musik. Da geht es auch um den Schmerz, um die Hässlichkeit und die übersteigerte Expression, im Instrumentalen und im Vokalen. Dies hört man in Yangs Stück ganz deutlich. Und was mich auch so berührt ist, dass die Klangschönheit, die man bei uns im Streichquartett regelrecht zelebriert, geopfert wird zugunsten einer unglaublichen Expressivität, die ihre Wurzeln und ihren direkten Bezug in einer Musik hat, die aus der Tradition Koreas kommt.


Musikalische Erfahrungen in Österreich

Youngkwang Yang: In meiner Zeit in Österreich erlebte ich, dass koreanische Komponisten und Instrumentalisten so denken möchten wie Europäer. Wenn ich hingegen traditionelle koreanische Elemente in meiner Musik benutze, merkt man, dass es anders und nicht europäisch klingt. Wenn man wenig Erfahrung mit asiatischer Musik hat, klingt das manchmal zwar hübsch, aber auch fremdartig. Auch wenn ein koreanischer Kompositionsstudent in seiner Musik eine asiatische Atmosphäre erzeugt, glaubt er, dass seine Musik von der Kritik nicht allzu ernst genommen wird.

Es ist jedoch meine Meinung und Erfahrung, dass es nicht so sein muss! Manche Studenten verhielten sich in dieser Hinsicht eher passiv. Sie möchten wie ein Europäer denken, spielen und schreiben.Junge koreanische Musiker und Komponisten haben heutzutage aber weniger Angst und sind offen für europäische und auch zeitgenössische Musik. Ich selbst bemühe mich um eine Synthese von europäischer und traditioneller asiatischer Musik, aber viele meiner Landsleute tun das leider nicht. Ihre Musik wird hauptsächlich von der europäischen Tonsprache und weniger von ihrer eigenen Tradition bestimmt.

Aber natürlich gibt es auch Musiker, die sich mit verschiedenen Traditionen auseinandersetzen und in ihre Musik intergrieren. Was für mich sehr wichtig ist, egal woher man kommt, dass man zu seiner musikalische Identität steht und sie weder verliert noch vergisst.


Karlheinz Essl: Allerdings habe ich doch den Eindruck, dass diejenigen KomponistInnen aus Korea, die international erfolgreich sind, sich auf ihre eigenen traditionellen Wurzeln besinnen und das in Verbindung bringen mit europäischem kompositorischen Denken. Ich denke da an große KomponistInnen wie Younghi Pagh-Paa oder Isang Yun, die ihre eigene kulturelle Identität nicht verleugnet haben, sondern diese mit einer anderen Klangsprache oder anderen strukturellen Vorstellungen von Musik verbinden. Also auch ein Ausbrechen aus diesen traditionellen Bindungen. Dort wird es wirklich interessant. Und das merke ich auch in der Musik von Youngkwang Yang.


Musikalische Erfahrungen in Korea

Karlheinz Essl: In Seoul, wo ich nur drei Tage im Zuge eines Festivals war, hatte ich sehr interessante Begegnungen mit den Klängen dieser Stadt. Schon seit vielen Jahren nehme ich sog. Soundscapes - also Klanglandschaften - auf, in verschiedenen Teilen der Welt aber auch in unterschiedlichen Situationen meiner näheren Umgebung. In Seoul habe ich vier ganz unterschiedliche Soundscapes aufgenommen mit speziellen Mikrofonen, die ich in meinen Ohren tragen: ganz kleine Mikrofone, die sozusagen mein Trommelfell ersetzen. Wenn man diese Aufnahmen später mit Kopfhörern abhört, klingt das genau so, wie ich es gehört habe - sehr räumlich. Es handelt sich dabei um eine sog. Kunstkopf-Stereophonie, mit der man die gesamte räumliche Information eines Klanges - von vorne und hinten, unten und oben - einfangen und hören kann, was mit normalen Stereolautsprechern nicht möglich ist.



In Seoul habe ich vier sehr unterschiedliche Klanglandschaften aufgenommen, aus denen ich später ein Stück gebaut habe. Es heißt S.O.U.L. - also wie Soul, aber das klingt auch genauso wie die Stadt Seoul. Wenn man dieses Akronym auflöst, erhält man „Save Our United Life”. Das ist für mich ein Bild für diese starken kulturellen Unterschiede, die man in einer Stadt wie in Seoul hört. Einerseits die alte traditionelle Kultur mit ihrem Königspalast oder der alten Stadtmauer in Konfrontation mit energetischem Großstadtleben. Ich hatte zufälligerweise das Glück, in eine Demonstration zu geraten, wo tausende Menschen gegen die Regierung demonstriert haben. Es war sehr laut; es wurden Lastwägen mit Lautsprechern und Rednern und Musikgruppen durch die Stadt geführt. Das habe ich alles aus unmittelbarer Nähe erlebt, direkt vor dem alten Königspalast. Einmal - dafür bin ich meinen koreanischen FreundInnen sehr dankbar - habe wir einen Spaziergang durch einen Tempelbezirk gemacht, wo wir Zeuge einer buddhistischen Zeremonie wurden, die ich mit meinen Kunstkopf-Ohren belauscht habe. Aus diesen verschiedenen Klangquellen habe ich dann eine Komposition gemacht, die aus nichts anderem besteht als aus diesen vier Soundscapes, die ineinander verwoben sind. Und für mich ein Ausdruck sind dieser unglaublichen kulturellen Vielfalt und auch der Spannung zwischen dem ganz Alten und dem ganz Neuen, das sich hier ausgedrückt hat.


Schlussbemerkungen

Youngkwang Yang: Wir sind nun am Ende angelangt. Ich danke unseren Zuhörern, die bis zum Ende dabei geblieben sind. Und ich hoffe, dass Sie eine interessante Zeit mit uns verbracht haben. Auch wir sind derzeit massiv von der Corona-Krise betroffen. Geben Sie aber nicht auf, sondern erhalten Sie sich ihre Gesundheit mit starken Abwehrkräften und viel Optimismus. Alles Gute! Ich bedanke mich besonders bei unserem heutigen Gast, Herrn Prof. Dr. Karlheinz Essl. Herr Essl, könnten Sie zum Schluss noch etwas zu unserem Publikum sagen?


Karlheinz Essl: Herzlichen Dank für Ihr Interesse! Ich möchte mich nochmals bei Herrn Yang für die Einladung bedanken, mit ihm in einen Dialog zu treten über zwei verschiedene Kulturen, die wir jeweils repräsentieren und über die Erfahrungen, die wir mit den jeweils anderen Kulturen gemacht haben. Für die Zukunft wäre es schön, wenn es zwischen Österreich und Südkorea einen stärkeren kulturellen Austausch gibt.



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Updated: 21 Dec 2020

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