Portrait

Werkzeuge der Neuen Musik: Das Toy Piano

Karlheinz Essl im Gespräch mit Michael Zwenzner
Ausschnitt aus einer Radiosendung des Hessischen Rundfunks
Erstsendung: 26.3.2020

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Karlheinz Essl am Toy Piano
© 2011 by Markus Roessle


Eine besonders fruchtbare Zusammenarbeit verbindet Isabel Ettenauer mit Karlheinz Essl, geboren 1960 in Klosterneuburg, zufällig eine der Partnerstädte von Göppingen, Heimat der Toy Piano-Familie Schoenhut. Seit 2005 hat Essl in vielerlei Konstellationen nahezu ein Dutzend Werke für das Toy Piano komponiert: vom Solo über ein Duo mit Cembalo und ein ausgewachsenes Quartett bis hin zu „underwood“ von 2012, ein Toy Piano-Konzert mit Ensemble. Mal verwendet er das Instrument präpariert oder verstärkt, mal erweitert um elektronische Zuspielungen, Ringmodulator oder Live-Elektronik. Am Anfang stand Kalimba, inzwischen ein viel gespielter Klassiker, benannt nach dem in Malawi beheimateten Lamellophon aus der Familie der Zupfidiophone. Über seine Entdeckung des Toy Pianos bei einem Auftritt Ettenauers im Essl-Museum 2001 und den Weg zu „Kalimba“ berichtet Essl:


Karlheinz Essl: Meine erste Reaktion war „schauen wir mal!” und hab das dann auf die lange Bank geschoben. Aber Isabel war hartnäckig und hat nicht locker gelassen und ständig gefragt: „Wann schreibst du endlich mein Stück?” Irgendwann habe ich dann zur Ihr gesagt: „Ich schreib dir was, aber dafür brauche ich dein Instrument, um Sachen auszuprobieren und mich davon inspirieren zu lassen.” Denn ich bin bald draufgekommen, dass das Toy Piano kein Klavier ist. Es hat zwar Tasten, ist aber etwas ganz anderes.

Das Klavier war für mich ein no-go, das hat sich mittlerweile zwar geändert, aber damals (2005) war das Klavier für mich ein bourgeoises bürgerliches, verzopftes und verkorkstes Instrument - mit dem wollte ich nichts zu tun haben! Auch als Rache für meine Klavierstunden, die ich als Kind hatte und die mich sehr gequält haben.

Das Toy Piano hingegen hat mir plötzlich eine neue Welt eröffnet und mir gezeigt, dass es etwas ganz Frisches und Unbelastetes ist. Es hat mich unglaublich inspiriert. Und dann ist ein Stück entstanden - Kalimba - bei dem es die Idee gab, diesen kleinen Klang des Toy Pianos ins Unermessliche zu steigern mit einer Zuspielung. Im Grunde besteht dieses Stück nur aus 8 Tönen. Was aber aus diesen entsteht, ist etwas sehr Spezielles…


Kalimba performed by Isabel Ettenauer
From the CD whatever shall be (edition eirelav 002, 2013)


Karlheinz Essl: Eben dadurch, dass das Toy Piano einen kleinen Ton- und Dynamikumfang hat, dass es kaum Repertoire gibt und es noch keinerlei Geschichte aufweist bietet es die Möglichkeit, kompositorisch ganz frei damit umzugehen und Sachen zu erfinden, die man sich vielleicht mit einem Klavier nicht hätte vorstellen können.

Limitationen sind für mich immer gut. Ich bin immer froh, wenn es Grenzen gibt, die ich mir selber setze oder die von außen kommen. Weil in diesem abgesteckten Feld kann ich mich gut ausdrücken. Die Vorgabe, nur mit 8 Tönen zu arbeiten, enstand durch meine Experimente mit dem Instrument: ich habe eine ganz regelmäßige Achtton-Skala, die man auch im Bebop und im modalen Jazz verwendet und von Messiaen stammt („2. Modus”), genommen und von Isabel rauf und runter spielen lassen. Mit dieser Aufnahme habe ich weiter experimentiert und einen Kanon gebaut, dessen Stimmen sich ganz ganz langsam auseinanderschieben, im mikrotonalen Bereich. Und was dann passiert ist, war ein Wahnsinn! Das Instrument - auf österreichisch gesagt - „zerspragelt” sich. Es löst sich förmlich in seine Bestandteile aus und wie Sternschnuppen spritzen die Klänge heraus. Da wusste ich, dass ich am richtigen Weg bin.

Mit einem selbstgeschriebenen Computerprogramm habe ich dann die Zuspielung produziert und dazu auf dem Instrument improvisiert. Daraus ist dann das Stück enstanden. Ich habe noch nie so gearbeitet – völlig empirisch. Das war ein ganz wichtiges Schritt für mich als Komponisten, wegzukommen von dem ganz genauen Planen – ich komme ja eigentlich von der Seriellen Musik – und Sachen zuzulassen, die für mich anderswo nicht möglich waren.


Fasziniert war Essl auch vom gamelanartigen Klang der Metallstäbe, der auch der asiatischen Orientierung eines amerikanischen Westküstenkomponisten wie John Cage so sehr entgegenkam. In seinen Werken hat Essl immer wieder zu stilstisch anders gefärbten Lösungen gefunden. Mal klingt die Musik minimalistisch repetitiv und mikrotonal wie in Kalimba, mal komplex strukturbezogen wie im WebernSpielwerk, mal geräuschaffin wie in Miles to Go, mal zitathaft-anekdotisch wie in Listen Thing, einem palindromischen Kanon über ein Weihnachtslied. Live-elektronisch verräumlicht wird das Instrument in Sequitur V von 2008.


Isabel Ettenauer performing Sequitur V on a Schoenhut Grand Toy Piano
Essl Museum Klosterneuburg, 11 Mar 2009


Dass Karlheinz Essl das Toy Piano häufig in elektronische Kontexte gestellt hat, ist weniger dem Versuch geschuldet, die spieltechnischen und klanglichen Defizite auf technologische Weise zu kompensieren. Entscheidend ist vielmehr seine kompositorische Arbeitsweise, die sich durch unermüdliche Neugier und Experimentierfreude auszeichnet. Dabei machte sich Essl wie kaum ein Anderer mit den spieltechnischen, materiellen und akustischen Gegebenheiten dieser Instrumentenfamilie vertraut. Auch erkundete er die Möglichkeiten der Präparation und des Spiels im Klavierinnenraum.


Karlheinz Essl: Schwingende Metallstäbe haben ein ganz spezielles Obertonspektrum mit inharmonischen Komponenten. Der Grundton ist fast nicht hörbar. Dass, was wir als Grundton hören, wird von unserem Gehirn errechnet; ganz stark ist der dritte Oberton, die Duodezim und auch höhere inharmonische Spektralkomponenten. Fast wie bei einem Carillon.

Ein Stück wie „Kalimba” klingt am besten, wenn Isabel es auf ihrem Instrument spielt, auf dem ja das Material für die Zuspielung aufgenommen wurde. Das ergibt die perfekte Mischung. Es spielen dieses Stück aber auch andere MusikerInnen auf anderen Instrumenten – das funktioniert natürlich auch. Jedes Instrument bringt seine eigene Aura mit. Manche Töne sind mehr oder weniger verstimmt, manche haben mehr schräge Obertöne. Aber das ist auch schön: dadurch bekommt der Klang eine solche Farbigkeit, etwas Frisches und Unvorhersehbares.

Als Toy Pianist muss man oft auch selbst Hand anlegen: Instrumente auseinanderschrauben, nachjustieren, zum Teil auch Stimmen (die Instrumente sind meist nicht gut gestimmt). Durch Abfeilen der Klangstäbe etwa…


WebernSpielWerk performed by Isabel Ettenauer and Karlheinz Essl
From the CD whatever shall be (edition eirelav 002, 2013)


Phyllis Chen performing whatever shall be
New York, 7 May 2010


Soweit Ausschnitte aus Essls zum 50. Todestag Anton Weberns ursprünglich als Carillon-Installation konzipiertem WebernSpielWerk für Toy Piano mit Ringmodulator, gefolgt von whatever shall be für Toy Piano, Gadgets und Live-Elektronik von 2010. Die Einbindung der speziellen Klangfarben des Toy Pianos in größere Besetzungen gehört inzwischen zu den Standardoptionen im Umgang mit dem Instrument.


under wood performed at the ISCM World Music Days
Ensemble Court-Circuit with Jean-Marie Cottet (toy pianos) and Julien Leroy (conductor)
Filharmonia Wroclaw, 12 Oct 2014


© 2020 by Michael Zwenzner und Karlheinz Essl



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Updated: 31 Mar 2020

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