Carsten Fastner über Karlheinz Essl


Auf dem Billardtisch. Auf der Parkbank. Im coolen Designersessel. Immer wenn und egal wo Karlheinz Essl fotografiert wird, soll er seinen Laptop öffnen, ein bisschen darauf rumtippen und nett über den Bildschirm lachen. Und jedesmal erfüllt Essl diesen Wunsch - nicht allerdings, ohne dabei seinem Powerbook merkwürdige Geräusche zu entlocken, so dass es während der gestellten Fotosession wenigstens ordentlich knarzt und pfeift und rauscht und dröhnt. Karlheinz Essl ist Computermusiker - einer der besten des Landes sogar, was vor allem heißt, dass er eines der eigenständigsten und vielseitigsten Mitglieder in der alles andere als personalschwachen österreichischen Elektronikszene ist. Und dass er wirklich beides gleichermaßen ist, Computermusiker und Computermusiker.

Kaum jemand hat die Entwicklung des Laptop zum vollwertigen Musikinstrument für sich so weit und so konsequent verfolgt, wie der vierzigjährige Wiener. Während ringsum vorgefertigte Programme auf den Markt geworfen werden, die die Generierung und Bearbeitung von Klängen im kompakten "Heimstudio Computer" noch einfacher machen, hat Essl schon vor Jahren seine eigene, maßgeschneiderte Software entwickelt und immer weiter verfeinert. m@ze°2 nennt er sie, "modular algorithmic zound environment", und spricht von dieser virtuellen Konstruktion liebevoll als "mein Instrument". Nicht zu Unrecht, denn schließlich geht "m@ze°2" durchaus mit den Kriterien eines jeden klassischen Instruments konform: Es kommt Musik raus - vorausgesetzt, man hat geübt. Wie jeder Pianist und jede Geigerin übt Essl mehrere Stunden täglich an der Koordination von Tastatur, Maus, Fußpedal und dem MIDI-Controler mit neun Schiebe- und neun Drehreglern. Drei dieser vertrackten Regler kann er mit der linken Hand schon gleichzeitig und unabhängig voneinander bedienen, berichtet Essl nicht ohne Stolz.

Mit "m@ze°2" arbeitet Essl an der Realisierung seiner Vision von Musik. Einer Musik, "die sich im Moment ihres Erklingens selber komponiert, die nicht einfach die Wiedergabe eines vorgefertigten Textes ist, die auf äußere Einflüsse reagieren kann, die sich zeitlich unbegrenzt ausdehnen kann und die sich niemals wiederholt". All das bietet ihm sein Instrument, genauer: seine Software, die er auf Grundlage des am Pariser Klangforschungsinstitut IRCAM entwickelten Programms MAX/MSP seit 1996 immer weiter ausbaut. Per Mausklick, Tastendruck oder Knöpfchendrehen hat Essl Zugriff auf einen sich ständig erweiternden Fundus gesampelter Klänge und die Möglichkeit zu deren Bearbeitung, Verfremdung und Verknüpfung in Echtzeit. Ob da aus einem Fingerschnipsen ein akustisches Erdbeben anschwillt oder der Klang eines aufplatschenden Wassertropfen schier unendlich gedehnt wird: selbst wenn Essl die Kontrolle über solche Prozesse immer selbst behält, lässt "m@ze°2" doch auch Einflussnahme von außen zu. So kann bei manchen seiner Projekte ein weltweites Publikum via Internet Einsätze bestimmen oder vorgegebene Improvisationsanweisungen zuteilen; manchmal, vor allem bei seinen Soloperformances, bestimmt ein Zufallsgenerator wo es langgeht; meist jedoch sind es - "ganz normal" - Mitmusiker aus Fleisch und Blut, auf die Essl mit seinem Instrument live und vor Ort reagiert.


Karlheinz Essl und Boris Hauf

Karlheinz Essl und Boris S. Hauf
DEADTECH Gallery (Chicago 2000)


Gerade für diese Improvisationskonzerte an den unterschiedlichsten Orten und mit Musikern wie dem Gitaristen Martin Siewert, dem Saxofonisten Boris Hauf oder dem Posaunisten Bertl Mütter hat sich Karlheinz Essl in letzter Zeit auch außerhalb Österreichs einen hervorragenden Namen gemacht. In der Sammlung Essl in Klosterneuburg, dem Museum seines Vaters Karlheinz Essl Senior, sicherte sich Essl Junior nicht nur einen "Rotunde" genannten, zylinderförmigen Raum mit faszinierenden akustischen Eigenschaften für Konzerte und Klanginstallationen; auch in fast jedem anderen Bereich des neuen Hauses richtete er sich mit fix installierten Lautsprechern und einer eigenen Schaltzentrale gleich ein halbes Dutzend möglicher Aufführungsorte ein. Das Museum wurde so in kürzester Zeit auch zu einem Zentrum für elektronische improvisierte Musik.


Performance fLIGHT   Performance fLIGHT

Performance fLIGHT
Echoraum (Wien 1998)


Überhaupt spielt der "Flirt mit dem Raum" - das Eingehen auf die unterschiedlichsten architektonischen, akustischen und soziokulturellen Rahmenbedingungen bei seinen zahlreichen Live-Auftritten - für Karlheinz Essl ein wichtige Rolle. Und nicht nur hier zeigt sich, warum er eben nicht nur ein ausgezeichneter Programmierer, ein gewiefter Instrumentenbauer, ein sehr guter Computermusiker ist, sondern auch ein fantastischer Computermusiker: Als Komponist, der als Schüler von Friedrich Cerha aus der klassischen Avantgarde-Bewegung kommt, dessen "angestammter Arbeitsplatz der Schreibtisch im Elfenbeinturm" und der klassische Konzertsaal ist, hat sich Essl ein feines Gespür für Struktur, Gliederung und Form erarbeitet, in die er seine freien Improvisationen gießt. Nachzuprüfen ab sofort auf seiner ersten CD ©RUDE.


© 2001 by Carsten Fastner / .copy jet2web.zukunftsmagazin (Ausgabe copy02 LAB6)



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Updated: 13 Jan 2006