Portrait

Karlheinz Essl

A Garland to Koenig

2011


Vor 25 Jahren veränderte die Begegnung mit Gottfried Michael Koenigs Streichquartett 1959 mein musikalisches Weltbild. Fasziniert von diesem fremden, irgendwie aber auch vertraut wirkenden Werk wandte ich mich hilfesuchend an den Komponisten. Denn mit meinem analytischen Instrumentarium, das an Webern geschärft war, kam ich hier nicht weiter. In einem langen Briefwechsel gewährte mir Koenig tiefe Einblicke in sein kompositorisches Denken, das Ernst machte mit der radikalen Forderung nach einer Musik, die sich weder auf historische Modelle noch auf klangliche Vorstellungen stützt, sondern gleichsam synthetisch aus der Kraft der Konstruktion erwächst. Paradoxerweise war es aber zunächst gerade jener "musikantische" Aspekt, der mich an Koenigs Streichquartett faszinierte, auch wenn sich dieser - "malgré lui" - aufgrund klug disponierter Algorithmen ergab. Die Dialektik zwischen Zufall und Notwendigkeit wird hier mit höchster Kunstfertigkeit zelebriert und darüber hinaus zu einem Modell dafür, was Musik sein kann: klanggewordene Utopie aus dem Geist der Abstraktion.

in: signale 0100, hrsg. von Gerhard Eckel und Gerriet K. Sharma, Institut für Elektronische Musik der
© 2011 by Karlheinz Essl


Gottfried Michael Koenig und Karlheinz Essl (Graz, 16 Dec 2011)

Gottfried Michael Koenig und Karlheinz Essl
Graz, 16 Dec 2011


Karlheinz Essl über Gottfried Michael Koenig

Karlheinz Essl: Mir hat Koenig, als ich ihn Mitte der 1980er Jahre in Utrecht kennenlernte, eine ganz neue Welt eröffnet: Nämlich die Idee, dass Musik nicht aus der Vorstellung entsteht, die man verfeinert und abschreibt, sondern dass man auf eine ganz andere Abstraktionsebene geht und sich Musik als etwas Visionäres denkt, das erst in einem vielstufigen Prozess zu einer konkreten klanglichen Form wird.

Franz Josef Kerstinger: Der Komponist Karlheinz Essl über seine Begegnung mit Gottfried Michael Koenig und dessen Einfluss auf sein Schaffen.

Karlheinz Essl: Für mich sehr wichtig war Koenigs Streichquartett 1959, das ich damals analysiert habe und wo er mir auch geholfen hat, indem wir einen sehr langen Briefwechsel über dieses Stück geführt haben, der mir viele neue Erkenntnisse geliefert hat. Dies hat mich schließlich zu dem Feld der Computer-Aided Composition geführt, auf dem ich sehr viel gearbeitet habe, ausgehend von Vorstellungen, die Koenig in den 1950er und 1960er Jahren entwickelt hat: Musik als eine Art Modell zu denken und auch zu konstruieren - und aus diesem Modell heraus verschiedenste Varianten des selben kompositorischen Konzepts zu verwirklichen.

Franz Josef Kerstinger: Das Schlußwort hat Karlheinz Essl.

Karlheinz Essl: Was Koenig mit und vielen anderen Komponisten und KomponistInnen auf dieser Welt bedeutet ist nicht nur seine Musik (es gibt nicht so wahnsinnig viele Stücke, die er geschrieben hat), sondern eine ganz spezifische Zugangsweise zum musikalischen Denken, die sehr in die Tiefe geht und sehr viel mit dem Versuch zu tun hat, eine kompositorische Vorstellung als rationales Moment zu begreifen - was ein gewisser Widerspruch ist. Aber genau dieser Widerspruch ist es, der uns - die wir Koenig lieben und schätzen - letztlich zu immer neuen künstlerischen Höhenflügen gebracht hat.


Zeitton: Gottfried Michael Koenig
Gestaltung: Franz Josef Kerstinger
Ö1, 20 Dezember 2011




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Updated: 5 Oct 2016