Bernhard Günther

Klangsystem, Spiralnebel:
im Kreis, in's Offene.

Anmerkungen zur Kompositionstechnik Karlheinz Essl's



deutsch

Am Anfang Einklang, Gleichzeitigkeit; gleich am Anfang von 'Opus 1', Helix 1.0, ein gemeinsamer Akkord der vier Spieler. Dann: Verschiebung, Umkippen, Bruchstücke. - Einklang auch am Anfang von Close the Gap, dann gleich 'the Gap', die Lücke, die Pause, in der der Zusammenklang verschwindet. - Am Anfang von In's Offene! wiederum ein Akkord, sanft, ohne jede Prätention, denn augenblicklich geht es in's Offene, geraten Töne in Trillerbewegung, spalten sich auf. Was klar war, gerät durcheinander, was diffus beginnt, beginnt sich zu regen: Was geschieht in dieser Musik?

Zu Beginn lassen häufig die Elemente sich hören in Karlheinz Essl's Musik: der auf den Punkt gebrachte Klang, dem sich sofort die Klangfläche in den Weg legt, wie etwa in den ersten Takten von met him pike trousers: Exposition. Und sofort stürzen diese Bestandteile in Zerwirrnis; es hat alles seine Ordnung verloren.

Das stimmt natürlich nicht, denn alles hat seine Ordnung: Der erste Teil von met him pike trousers etwa ist ein auf Millimeterpapier entworfener Proportionskanon; fünf Klangcharaktere, die jeweils unterschiedlich gestalthafte Bereiche der eröffneten Skala zwischen Punkt und Fläche markieren, ziehen sich in exakt geplanter Abfolge durch vier Schichten des Orchesters. Es klingt nie konstruiert, schon gar nicht nach Kanon, weil jede Realisierung eines Klangcharakters anders ausgeführt wird, weil die dergestalt durchkonstruierte Komplexität ihre Bauweise nicht schlicht preisgibt. Hörbar wird: Mit einem reduzierten Ausgangsmaterial, der Entsagung der Mittel, in der Beschränkung auf vier Trommeln in Rudiments, auf drei Saxophone in Close the Gap oder im Orchester von met him pike trousers auf die erwähnten wenigen Gestalttypen, geschieht so viel, daß zum Material, zur Essenz dieser Musik die Prozesse werden, die Verbindungen, die die Bestandteile eingehen.

Äußerste Vielfalt in innerster Einschränkung: Hier trifft sich Karlheinz Essl frühes Interesse an organischer Chemie mit seiner späteren Dissertation über das Synthese-Denken bei Webern. Aus wenigen Elementen wird eine Helix gebildet, eine Fuge mit Wasserstoffbrücken.

Über molekulare Ordnungsmodelle hinaus reflektieren Essl Stücke Systeme offenen Gleichgewichts. Zustände etablieren sich, Kettenreaktionen setzen ein, kleine Anstöße können die Ordnungen umkippen lassen. Solche eigengesetzlichen "Klangorganismen" (Essl 1987) gedeihen auch abseits vom Periodensystem der Elemente; etwa in Close the Gap, wo die Saxophonklänge einem 'phonetischen Alphabet' entnommen und nach quasi phonologischen Regeln in Form gebracht werden. Oder nach den Regeln von Musik selbst, die analysiert, in Parameter zerlegt und resynthetisiert werden, wie in der Lexikon-Sonate, in die Aspekte verschiedener Topoi der Klaviermusik eingehen. Oder Kommunikationsformen, die etwa bei In's Offene! ihre Parallele finden, wenn sich die vier Musiker auf wechselnde Koalitionen einlassen, gegeneinander oder miteinander spielen.

Spielen immer mehr: In den letzten Stücken Essl's ist der Spielraum gewachsen, geht es weniger um Durchkonstruiertes, sondern um Regeln, die in Unvorhersehbares führen. Der Computer. das 'Kompositions-Environment', mit dessen Hilfe Karlheinz Essl die Konstruktion seiner Stücke erarbeitet, wird für ihn zunehmend zur 'Inspirationsmaschine', die das Denken aus den gewohnten Bahnen hebt. So ist 1993/94 das Extremstück Lexikon-Sonate entstanden: voller Regeln, strukturiert, spielt ein computergesteuertes Klavier eine differenzierte, aber unvorhersehbare Klaviermusik ohne Ende. Das Chaos durchbricht das Gewohnte, der Einsturz der Konstruktion findet unter genauer Beobachtung zwangsläufig statt. Alles hat seine Unordnung.

Die Spirale, die Essls frühe Klänge eingesogen hat, öffnet sich, erweist sich als belebt, als begehbares Labyrinth: "sukzessive lösen sich charakteristische Gestalten aus dem Nebel", heißt es bereits in Essl's Aufzeichungen zu met him pike trousers. Der Nebel hat Regeln, aber die Regeln stehen nicht fest. Erkunden macht Sinn.


english

At the beginning, the elements can be heard in Karlheinz Essl's music: the individual sound brought right up to the point, immediately interrupted by a layer of sound, like in the first bars of the orchestra piece met him pike trousers: exposition. These parts fall immediately into chaos; everything has lost its order. This is not quite right, of course, as everything has its order: the first part of met him pike trousers is a canon of proportions designed on scaled paper; five sound characters, each marking different shape-like areas of the opened scale between point and layers, run through four orchestral layers in precisely planned sequence. Audible: so much is happening with the reduced basic material that those processes entering combinations and parts become the material - the music's essence.

This is where Karlheinz Essel's earlier interest in chemistry meets his later thesis on Anton Webern's compositional thinking. Essl's compositions reflect systems of an open balance beyond molecular order models. States are established, chain reactions begin, and minor impulses might tilt the order. Such "sound organisms" (Essl 1987) complying to their own laws, also blossom aside from the periodic table of the elements; for example, in Close the Gap, where the saxophone sounds were taken from a "phonetic alphabet" and brought into form following phonologic rules.

Or following the rules of music, which are analysed, broken down into parameters and re-synthesised by the computer as "real-time composition", as in Lexikon-Sonate, enter the aspects of different topoi of piano music.

Or forms of communication, finding their analogy in In's Offene, for example, when the four musicians agree to alternating coalitions, playing against or with one another.

Playing more: in Essl's more recent pieces, the margin has grown; it is less about well-mapped out things, but about rules leading to something unpredictable. The computer, the "composition environment", with the help of which Karlheinz Essl works out the structure of his works, becomes increasingly a "machine of inspiration" to him taking the thinking off its usual path. This was how the extreme composition Lexikon-Sonate developed: a computer-operated piano, full of rules and structured, plays differentiated, yet unpredictable music without ending. Or even more the piece Amazing Maze, ever-growing in cooperation with improvising musicians, an open system, structure to play. The chaos bursts through the familiar; the structural collapse is bound to happen under exact observation. Everything has its chaos.

© by Bernhard Günther / mica (1995)


in: Karlheinz Essl, Verlagsprospekt der TONOS Musikverlags GmbH (Darmstadt 3/95)



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Updated: 7 Jan 2007