Harald Naegeli

Über die Physiognomie eines Künstlers


Meine Bekanntschaft mit Karlheinz Essl ist merkwürdig. Er könnte mein Sohn sein, denn ich bin über 20 Jahre älter als er. Begegnet bin ich ihm erst zweimal, in Wien und in Düsseldorf. Es gibt Menschen, denen man hundert, ja tausende Mal begegnet, aber die Worte, die etwas bewegen, finden sich nie. Taten, die Bewunderung, Betroffenheit auslösen, bleiben aus, stellen sich nie ein. Bei Karlheinz Essl war das exakt umgekehrt. So verschieden unser Herkommen, die Berufe (die Berufung), der Kulturkreis - mir schien, ich "kenne" ihn. Nicht als Person, aber als Künstler, der sein Leben unbedingt der Composition, der Musik weiht.

In Wien, Oktober 1991, bin ich ihm zum ersten Male begegnet. Er spielte mir von einem Tonband ein Werk vor, Rudiments nannte er es, gleich entschuldigend, daß die Tonqualität nicht die beste sei. Nun, dieses Werk, auch mit eingeschränkter Tonqualität, ein Trommelstück, sprach dennoch eindringlich genug. Wie auch später andere Werke, die ich ebenfalls bislang erst von Tonbändern kennenlernte. Gleichviel immer spürbar eine intensive Beschäftigung mit Raumbewegungen, Utopischem, Zukünftigem, auf eine drängende, pochende, manchmal auch mahnende Weise mitgeteilt. Trotz der unbedingten Überzeugung kein Pathos; jede noch so leidenschaftliche Bewegung er fährt durch einen unbedingten Gestaltungswillen stets eine Sublimierung und Vertiefung. Die Tradition von Anton Webern meine ich zu hören, aber auch eine tiefgehende Reflexion der actuellen musikalischen Gegenwartsproduktion. Solche Qualitäten bilden die Physiognomie des Künstlers, eine Verantwortung und Verpflichtung gegenüber der spirituellen Anlage des Menschen. Diese "Haltung", bei wem ich sie auch immer finde, ist für mich die einzige wesentliche "Provokation". Es gilt, sie stets lebendig zu halten, denn das meiste am Menschen läßt einen gleichgültig, wenn nicht sogar destruktive Mächte die Oberhand gewinnen und einen den Menschen als bloß Verstörter wahrnehmen läßt.


in: Programmheft zur Uraufführung der Performance Partikel-Bewegungen am 8.5.1992 in der "Galerie Theuretzbacher" in Wien.



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Updated: 7 Jan 2007