Peter Jarolin

"Nitsch durch den Fleischwolf gedreht"

Karlheinz Essl hat zur Nitsch-Retrospektive in der Sammlung Essl
mit "Le mystère d'orgue" eine Klanginstallation geschaffen


"Im Blut habe ich noch nie gewühlt. Aber ich kenne Hermann Nitsch schon lange. Seine Kunst steht immmer im Zusammenhang mit einem Gesamtkunstwerk. Er ist kein Künstler, der bloß Bilder malt. Seine Bilder sind das Resultat von Aktionen, die mit Musik und Theater begleitet werden. Wir wollen in dieser Retrospektive nicht allein die Kunstwerke präsentieren, sondern zudem den gesamten musikalisch-theatralischen Kontext darstellen." Als hat der Komponist Karlheinz Essl eine neue Klanginstallation geschaffen: Le mystère d'orgue wird in der Schau Nitschs Farben in Töne verwandeln.


ABGEKRATZT

"Die Idee war schnell geboren", meint Essl. "Ich wollte nicht bloß die Musik des Sechs-Tages-Spiels in den Raum stellen. Ich habe nur ausgewählte Klangpartikel daraus übernommen - charakteristische Klangelemente als Basis für meine Komposition. Ins Bildnerische übertragen, heißt das: Ich habe von Nitschs Bildern Farbe abgekratzt und daraus ein neues Gemälde gemacht. Eben ein Klang-Gemälde."


In seiner elektronischen Klanginstallation "Le mystère d'orgue"
spürt der Komponist Karlheinz Essl dem "Geheimnis der Orgel"
und dem "Orgien-Mysterien-Theater" nach.


KLANGMATERIAL

Und welche Elemente hat Karlheinz Essl dafür verwendet? Denn immerhin gibt es Nitsch Musik [vom Sechs-Tages-Spiel] auf 51 CDs zum Nachhören. "Ich mir die Aufnahmen davon durchgehört", erläutert der vor allem der elektronischen Musik verpflichtete Künstler. "Da gibt es böhmische Blaskapellen; eine gregorianische Choralschola unter der Leitung von Peter Kubelka,; Nitsch eigene, oftmals massive Musik und eine auf der Orgel gespielte Quint als roter Faden. Dazu habe ich die Glocke aus Prinzendorf verwendet sowie die Stimmen und Trillerpfeifen der Tierschützer ante portas."


COMPUTERVERARBEITUNG

"Am Computer habe ich ein Programm geschrieben, das jedes dieser Klangmaterialien quasi faschiert. Ich habe Nitsch durch den Fleischwolf gedreht und ein neues, endloses Stück kreiert."


RAUMPROJEKTION

Dass Essl dabei der Raum entgegenkommt, weiß er: "In der Rotunde sind Lautsprecher installiert, die vier Signalquellen abstrahlen. Und die Rotunde ist so gebaut, dass druch diese merkwürdige Schneckenkurve der Klang quasi verbogen und gekrümmt wird. Er ist als Quelle nicht mehr zu orten - man hört nicht, woher er kommt. Der ganze Raum an sich klingt. Man hat das Gefühl, sich im Inneren in einer riesengroßen Orgel zu befinden."


KLANGSCHICHTEN

Verständlich, dass auch die einzelnen verwendeten Musikpartikel als solche nicht erkennbar sind: "Parallel ablaufende Klangschichten schwellen auf und ab - ein ewiger Crescendo- und Decrescendo-Prozess. Wichtig ist, dass dabei aber die Aura von Nitschs Musik erhalten bleibt." Dazu kommt, das Karlheinz Essl das Stück nicht als Endlosschleife, sondern "als sich immer wieder neu generierendes, endloses Mysterium" konzipiert hat. Daher auch der Titel: "Le mystère d'orgue", der sowohl an die große, klingende Orgel, wie auch Hermann Nitschs bekanntes "Orgien-Mysterien-Theater" erinnert. Essl: "Eine schöne Dualität."


ORGANIST

Eine Nitsch-Aktion [die 38. malaktion, die 1996 im SCHÖMER-HAUS stattgefunden hatte] durfte Essl einst als Organist begleiten: "Das war sehr spannend. Ich saß da an einer elektronischen Kirchenorgel und habe Nitsch's Musik gespielt und gleichzeitig ein Bläserensemble dirigiert. Die Notation ist eigentlich simpel. Denn Nitsch notiert nur, wenn ein Ton gespielt werden muss, und wie laut. Welcher Ton, das ist egal. Das soll sich der Interpret aussuchen. Doch wenn man einen Ton gewählt hat, braucht man Ausdauer", erinnert sich Essl.


STREAMING

Neben der Klanginstallation hat Essl noch weitere Projekte für die Sammlung. "Am 02.12.2003 bringe ich im Museum ein neues Stück - STREAMING - zur Uraufführung. Da sind vier Ensembles im Raum verteilt, jedes Ensemble wird von einem Subdirigenten geleitet und diese wiederum werden von mir dirigiert. Genaue Abläufe sind aber nicht vorgegeben. Wir müssen einander also gut zuhören."


KURIER

© 2003 by KURIER / Peter Jarolin



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Updated: 21 Dec 2012