Peter Jarolin

Schöpfer organischer Welten

Gespräch: Der Komponist Karlheinz Essl junior.
Zu jedem Bild die passende Musik: "Öffne Ohren und Herz und lass' es einfach geschehen!"
Der Komponist Karlheinz Essl begleitet die Kunstsammmlung seines Vaters mit einer Konzertreihe.



Portrait KHE Auch Musik wird im Hause und in der Sammlung Essl stets großgeschrieben: Kein Wunder, ist doch Karlheinz Essl junior als Komponist schon längst zu Ruhm gekommen.

"Ich habe früh mit Musik begonnen. Nicht immer zur Freude meines Vaters, der mich mit sieben Jahren sanft zum Klavierspielen gezwungen hat." Das Piano hat der 1960 geborene Doktor der Musikwissenschaft aber "nie sonderlich gut gespielt." Erst der heimliche Kauf einer E-Gitarre und die Mitwirkung bei einer Band - "heute würde man Punk-Band sagen" - hat Essl junior bekehrt. "Von da an wusste ich endlich: Ich will Komponist werden!" Mit dem Segen, aber ohne finanzielle Unterstützung seines Vaters wagte Karlheinz Essl erste, zaghafte Schritte auf dem Gebiet der Musik.

"Eine Anthologie über die Wiener Gruppe und die Arbeiten von Karlheinz Stockhausen waren für mich wie eine Bibel.", gedenkt der deklarierte Grenzgänger seiner Anfänge. Kontrabass, Komposition, Elektroakustik und Kunstgeschichte hat er [neben Musikwissenschaft] studiert; Stockhausens Darmstädter Ferienkurse und das Festival WIEN MODERN haben ihn oft als Gast erlebt.

Und der Computer? Immerhin ist Karlheinz Essl vor allem für seine technischen Innovationen geschätzt. "Da bin ich wirklich vom Saulus zum Paulus geworden, denn früher konnte ich mit einem Computer nichts anfangen.", bekennt der inzwischen mehrfach ausgezeichnete Künstler freimütig. Erst Freunde haben ihn mit "den Segnungen der Technik vertraut gemacht". Ein für Essl heute "geradezu unverzichtbares" Ausdrucksmittel.

"Komponieren, das ist wie Kochen! Aus vielen kleinen Zutaten entsteht ein - hoffentlich - schmackhaftes Ganzes", erläutert der auch in der Küche stilsichere Hobby-Koch seine Philosophie. Das Zusammensetzen kleiner Teile zu einem höchst lebendigen Organismus, der wächst, gestört und angereichert wird - so lässt sich Essls Credo beschreiben. Improvisation ist dabei naturgemäß essenziell: "Ich liebe es sehr, am Computer zu sitzen und meine Live-Mitspieler mit im Moment generierten Strukturen zu überraschen. Dann werfe ich einen bestimmten Parameter ein, die Musiker antworten, und ich muss wiederum darauf reagieren." Nur eine Art Zeittafel limitiert das Spiel mit dem "kalkulierten Zufall".

Nicht, dass Karlheinz Essl nicht auch Notenpapier verwenden würde. Nicht, dass er nicht auh das rein "konventionelle" Orchester bedienen würde. Allein, die kreativen Möglichkeiten des Internets reizen ihn doch sehr. Seine Lexikon-Sonate ist über das Netz abrufbar; kann je nach Anklick in 30 Millionen Varianten gehört werden. "Das Ritual des klassischen Konzerts wird für ohnehin immer fragwürdiger, und im Netz kann ich viel mehr Leute erreichen", skizziert Essl die Vorzüge moderner Kommunikation.

Seine Klang/Raum-Installationen, Performances und Live-Elektronik aber werden jeden Monat die Sammlung Essl veredeln. Die Synthese von bildender Kunst, Bewegung und aus der im Moment geschaffenen Musik ist die Grundidee des Projektes react_chain_ und soll dabei neue Hörer erschließen. Und wie soll man Karlheinz Essls Musik aufnehmen? Die Antwort kommt rasch: "Öffne Ohren und Herz und lass' es einfach geschehen!"


© 1999 by Kurier / Peter Jarolin


in: Kurier (4 Nov 1999), Sonderbeilage "Sammlung Essl"



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Updated: 9 Jul 2016