Thomas Jorda

Einmalige Ereignisse

ZEITGENÖSSISCHE MUSIK / Klang und Raum:
Unter dieses Motto hat Karlheinz Essl, artist in residence von Musik aktuell das Jahr 2003 gestellt.



Portrait KHE Ob er das schwarze Schaf in der Familie ist? Immerhin: Er macht Musik, statt Bilder zu sammeln; er gruppiert Töne, statt Geld zu erwirtschaften.

Mit dieser Frage hat Karlheinz Essl nicht gerechnet. Er findet sie auch ein bisserl komisch. Hatte er denn andere Möglichkeiten? Als der kleine Karlheinz am 15. August 1960 auf die Welt kam, steckte die Firma in den Kinderschuhen, von Baumax war noch keine Rede. Wenn er schon keine wirtschaftlichen Interessen zeigte, eine praktische Ausbildung sollte es allemal sein. Also steckte man ihn in eine HTL für technische Chemie.


Wie sich alles verwandelt

Was ihm davon blieb? Viel Verständnis für die inneren Gesetze der Kochkunst ("man muss wissen, wie sich die Elemente verwandeln") und das Konstrukt einer Gegenwelt: "Ich habe damals in der kargen Freizeit E.T.A. Hoffmann gelesen und Joseph von Eichendorff, Punk-Rock gespielt, dem Wiener Aktionismus gehuldigt und die theoretischen Schriften von Karlheinz Stockhausen studiert." Er hatte wohl wirklich keine andere Möglichkeit: Er studierte Musik bei den besten Leuten in Wien, bei Alfred Uhl etwa oder Friedrich Cerha, holte alles fehlende Wissen über die Musik nach, promovierte schließlich über Anton von Webern.

Immer mehr begann er sich mit elektronischer Musik zu beschäftigen, nützte die ersten Heimcomputer, um damit zu komponieren, machte sich mit wichtigen Werken einen sehr guten Namen, ist heute ein Mann der internationalen Musikszene: "Ich finde Klänge in der Natur oder erfinde sie. Ich löse sie aus ihren Zusammenhängen, stelle sie selbst neu zusammen, unterwerfe sie eigenen Gesetzen, die aber vom Computer verwaltet werden. So verbinde ich absolute Ordnung mit absoluter Unordnung." Das sei eine Anlehnung an die serielle Musik Stockhausens: "Weiß und Schwarz sind keine Gegensätze, sondern nur verschiedene Stufen von Grau."

Als artist-in-residence von Musik aktuell für 2003 prüft er derzeit alle Vorschläge zum Jahresthema "Klang und Raum". Bis Ende Juli können noch Projekte eingereicht werden: "Ich suche besondere Räume, die Aufführungen von Klangprojekten zu einmaligen Ereignissen machen, weil sie außerhalb dieser Räume in derselben Qualität unwiederholbar sind."


© 2002 by NÖ Nachrichten / Thomas Jorda


in: NÖ Nachrichten (St. Pölten, 25 Jan 2002)



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Updated: 7 Jan 2007