Reinhard Kager

Sprung in die Gegenwart

Die Reihe "next generation" der Salzburger Festspiele


(...) Ein kontrastreiches Doppel brachte dann das Jahr 1997: Läßt das Schaffen von Karlheinz Essl durch dessen Konnex mit dem IRCAM einen gewissen Bezugspunkt zu Saariaho und Stroppa erkennen, wenngleich die klanglichen Resultate vollkommen anders sind, so kam mit den Kompositionen von dem deutschen Newcomer Matthias Pintscher ein ganz neuer, hochexpressiver Zug ins Programm der "next generation".

(...) Dennoch hätte der Kontrast zu dem 1960 in Wien geborenen Österreicher Karlheinz Essl kaum größer sein können. Obwohl auch Essl durch seinen Vater, den größten privaten Kunstsammler Österreichs, in enge Beziehung zur bildenden Kunst kam, läßt sich seine Kompositionswelt kaum mit jener Pintschers vergleichen. Das liegt wohl in erster Linie am Einsatz von elektronischen Mitteln, die eine zunehmend größere Bedeutung in Essl's Musizieren spielen: Nicht nur in seinen Kompositionen, sondern auch in seinen Live-Improvisationen mit interaktiver Elektronik, in denen Essl als einer der expressivsten Notebookspieler der Gegenwart agiert. Ein Strang in seinem Schaffen, der für Essl immer bedeutender wird: "Salzburg war ein gewisser End- und Höhepunkt für mich. Ab diesem Zeitpunkt wandelte ich mich vom 'Schreibtischtäter' wieder viel stärker zum live improvisierenden Musiker, was für mich nicht weniger wichtig ist als das Komponieren." Bei den Festspielen war Essl allerdings noch ganz als komponierender Künstler präsent, wenngleich zwei seiner Stücke, die Lexikon-Sonate und Amazing Maze bereits in Richtung improvisierter, interaktiver Musik wiesen: Im Foyer des Kleinen Festspielhauses konnte das Publikum mit einem computergesteuerten Klavier spielen, einer Art elektronischer Musikmaschine, die in Echtzeit Klaviermusik generierte: "Das Werk komponiert sich während der Aufführung gleichsam selbst, wenn man sich durch eine Art Hypertext-Struktur klickt." Vom Computer gesteuert wurde auch die im Mirabellgarten errichtete Klanginstallation Amazing Maze, die Material aus dem in einem der beiden Essl-Konzerte gespielten Ensemblestück Entsagung verwendete.

Zwei programmatische Ideen leiteten Essl bei der Auswahl der Stücke: Der Beziehung zwischen Raum und Klangraum war der eine Abend auf der Spur, die Komplexität bildete den Faden des zweiten, der selbst John Dunstable's O rosa bella mit John Cage's "Music for 10" und Karlheinz Stockhausens "Kontra-Punkten" verknüpfen konnte. Zum Aspekt der Räumlichkeit, der unter anderem mit Giacinto Scelsi's "Anahit" und György Kurtag's "...quasi una fantasia..." ausgehört worden war, steuerte Essl selbst gleich zwei Stücke bei: Auf die Live-Elektronik stützt sich das Ensemblestück Entsagung, dessen Konzept Essl so erläutert: "In diesem Stück stehen einem vierköpfigen Instrumentalensemble auf der Bühne vier im Raum positionierte Lautsprecher gegenüber. Jede dieser beiden Ebenen bildet einen eigenen Kosmos." Während die Instrumentalisten eine "musikalische Sprache" entwickeln und miteinander zu kommunizieren beginnen, kommentieren die Lautsprecher das Geschehen zunächst bloß, beginnen dieses aber schließlich zu überwuchern, sodaß die Instrumentalisten gezwungen sind, zu ent-sagen. Im Auftrag der Salzburger Festspiele war ein weiteres, von Ingeborg Bachmann's Gedicht "Die gestundete Zeit" inspiriertes Ensemblestück entstanden: ...wird sichtbar am Horizont nimmt die Rede vom Raumklang beim Wort und verteilt die Musiker im gesamten Saal des Mozarteums. Nur drei Instrumentalisten verbleiben mit dem Dirigenten auf dem Podium, alle anderen halten sich auf dem Balkon plaziert, um die ohnehin schon scharfen Kontraste zwischen ruhigen Klangflächen und blitzartig herumhuschenden, nervösen Klangfiguren auch räumlich deutlich fühlbar zu machen.

in: Salzburger Festspiele 1992 - 2001. Konzert, hrsg. von Hans Landesmann und Gerhard Rohde, S. 126 f. (Zsolnay: Wien 2001). ISBN 3-552-05170-8.

© 1998 by Paul Zsolnay Verlag Wien / Dr. Reinhard Kager



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Updated: 9 Jul 2016